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Vierte
zu, und als er ihn nach einem Weilchen wieder ein⸗ geholt hatte, ſprach er:
„Das war der Syſſelmann Klaus Trampe von Enkernäs, des Nielſen leiblicher Vater; hat mir wun⸗ derſame Dinge von dem Jungen erzählt! Hm, hm! Hat da ein Groͤnlandsfahrer im Fjord gelegen ſchon wochenlang und der Niels hat ſich Nichts zu ſchaffen gemacht mit den Leuten und geſtern Abend kommt er plötzlich heim, nicht zornig und wüthig, wie Einer, der aus dem Streit kommt und den gottesläſterlichen Fluch noch auf der Zunge hat, ſondern ſtill wie ein Lamm, aber bleich wie der Tod, und theilt ſeinem Vater mit, er ſegle mit dem Grönländer und wiſſe noch nicht, wann er heimkäme wieder nach Island;
und der Alte mag reden, was er will, der Niels iſt
beute Morgen mit dem Groͤnlandfahrer auf und davon, und als er an Bord ſteigt, ſpricht er noch zum Vater: „Klaus Trampe, grüßt mir die Edda und den Junker Erich auf Iſefjord, und vergeßt, daß Ihr einen Sohn gehabt, den Nielſen Trampe, denn der iſt todt!⸗ Nun iſt der Alte ganz untröſtlich, und zittert unter dem Schmerz des Vaterherzens, wie ſolch ein mächtiger Felſen ſchwankt, den die Fluth am Meeresſtrand unterwaſchen hat! Alſo herzlichen Gruß vom Niels! Hm, wunderſame Sache das— möchte wohl wiſſen, was dem munteren Jungen zugeſtoßen iſt; ſollte die reiche Edda vom Iſefjord heimführen und läuft nun
mir Nichts Dir Nichts auf Nimmerwiederkehr nach
Grönland! Hm, hm!“
„Norſen Kordrauſon,“ ſagte plötzlich der Junker in einem Tone, dem man den gewaltſam verhaltenen Schmerz anmerkte—„Norſen Kordrauſon, habt Ihr jemals geliebt?“
„Ob, ich geliebt?“ Kurioſe Frage das—ob ich geliebt? Wartet einmal, Junker,— geliebt? Ei frei⸗ lich habe ich geliebt, aber es iſt dies die entſetzlichſte Erinnerung meines ſonſt nicht allzu begebensreichen Lebens. Mich fröſtelt's noch, wenn ich an die Liebe meiner Jugend denke; es iſt jetzt an die dreißig Jährchen her, ich war noch ein junger luſtiger Fant, eben von Skalholt, wo ich dem Studium der Rechte obgelegen, herübergekommen nach Beſſöe, wo mein Vater(er hieß juſt wie ich Norſen Kordrauſon) Vor⸗ ſteher und Leiter in der Schriftdruckerei war. Wie es nun ſo geht in der Jugend, wo das Herz wie eine Scheuer voll Stroh iſt, für die ein einziger Funke genug iſt, um ganz und gar in Brand zu gerathen, ſo dauerte es gar nicht lange und ich hatte mich über und über verguckt in die Augen der ſchwarzen Mally — Gott ſegne ihr Angedenken!(und Norſen nahm den Hut ab, als gedächte er des Königs)— des Schreibers zu Beſſöe Tochter und einziges Kind. Der
Folge. 4¹⁰
Vater war mir nicht abhold, und ſo waren wir bald fertig miteinander, nämlich recht verſtanden: der Alte und ich, denn über eine zu große Freundlichkeit von Seiten der Mally habe ich mein Lebtag nicht klagen können, und zu meinem großen Leidweſen war der Vaai ef des Krämers Sohn von Holum, allezeit in des Schreibers Hauſe und der Mally ſehr zuge⸗ than. So ward denn die Mally meine verlobte Braut, und an Jubilate, da ſollte die Hochzeit ſein; kommt der Paul Larfſen eines Tages zu mir und fragt mich, ob ich mit ihm gehen wolle auf das Dunenſuchen an die Küſte von Skersnäs; nun bin ich mein Lebtag kein Freund von derlei Fährlichkeiten geweſen, habe alſo freundlich gedankt und bei mir gedacht, du bleibſt bei der hübſchen Mally und läßt den Paul allein Dunen ſuchen gehn auf Skersnäs. Geht aber der Burſche abſolut nicht und verhöhnt mich, daß ich kein richtig isländiſch Blut ſei, denn wer ein Islands⸗ mädchen zur Braut habe, wie ich die Mally, dem müſſe es eine Luſt ſein, für ſein Mädchen Dunen zu ſuchen zum Brautbette; war ich alſo wirklich ſo dumm und ging mit dem Paul Larfſen. Wie wir nun hinauskamen an die Küſte, ſchlugen wir den Stock in den Fels und ſchlangen das Seil darum, juſt wie es Brauch iſt beim Dunenfang rings an der Küſte von Island. Als es nun aber darauf ankam, wer hinabſteigen ſolle, war ich gern bereit, dem Paul die Ehre zu laſſen, denn ich war allezeit ein höflicher Many o ließ Andern den Vortritt, obwohl ich ſonſt eigenelich den Cäſariſchen Principien huldige, lieber in Arinnium der Erſte, als in Rom der Zweite zu ſein; allein der Paul beſtand darauf, ich ſolle hinunter⸗ fahren, und endlich machte ich mich auf die Fahrt, denn wäre ich nicht gutwillig gegangen, ich glaube wahrhaftig, der Paul hätte mich hinuntergeworfen; er ſchlang mir das Seil alſo um den Leib, aber ſo feſt, daß ich ſchier aufſchrie und meinte, er wolle mir die Seele aus dem Leibe preſſen.»Damit Ihr ja nicht herunterfallt!» ſagte er trocken. Und ſo rutſchte ich denn den Hang hinunter und es gab einen Ruck und ich hing denn mutterſeelenallein zwiſchen Himmel und Erde und das dünne Seil, das mich hielt, kam mir plötzlich ganz entſetzlich fadenſcheinig vor und ſah mir gerade aus, wie dem Verhungernden ein Brod⸗ rindchen, durch das die Sonne ſcheint juſt wie durch eine Feuſterſcheibe. Unten kochte und ziſchte die See und die Spitzen der Klippen ſchauten ſo ſcharf zu mir empor, daß mir, der ich von Natur kitzlich bin, ganz wehe um das Herz ward. Alſo zog ich am Seil nach der Verabredung und Paul ſchaute über die Felswand.
„Zieht mich hinauf, Paul,“ rief ich,„habe mein Lebtag genug vom Dunenſuchen!“
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