Jahrgang 
1-26 (1867)
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Der Rath war gut und nach ein paar Augenblicken war ſie mit meiner Hülfe an den Sparren und Latten emporge⸗ klettert und ſaß im Dunkeln auf dem kleinen Querbalken unter der höchſten Spitze des Daches.Siehſt Du mich? rief ſie, als ich wieder unten ſtand.Ja, ich ſehe Deine weiße Hand.Noch immer?Nein, ich ſehe nun nichts mehr.Dann mach', daß Du fortkommſt!

Aber die Oeffnung war zu eng. Ich riß noch eine Pfanne aus und zwängte mich hindurch, denn ſchon drängten die Verfolger mit lautem Geſchrei unter der Fallthür unſeres Bodens und ich hörte ſchon den ſchweren Holzblock ſich be⸗ wegen.

Wie es geſchah, weiß ich nicht mehr; aber kaum war ich draußen, ſo fühlte ich die Dachpfannen unter mir ſich bewegen; ich kam in's Rutſchen, die Zweige des Baumes ſchlugen mir in's Geſicht, es praſſelte rings um mich herum; auf gut Glück, während es immer unhaltbarer abwärts ging, erwiſchte ich einen Aſt, fuhr wie raſend daran hinunter, während ein paar Dachpfannen an mir vorbei in den Garten hinabflogen, und kam endlich mit einem ſo derben Stoß zu Boden, daß ich faſt wie betäubt liegen blieb.

Als ich hinaufblickte, ſah ich über mir in der Höhe zwiſchen den blühenden Zweigen die großen erſchreckten Augen und die hängenden ſchwarzen Locken des ſchönen Kindes, das ſich mit halbem Leibe aus dem zertrümmerten Dache zu mir herabbog. Um ihr ein Zeichen meines Lebens, vielleicht noch mehr meiner Bravour zu geben, ſtieß ich, nicht ohne Anſtrengung, ein lautes Lachen aus; als ich dann aber den Kopf wandte, ſah ich in das ſtrenge Geſicht meines Vaters, der mich mehr mit Verdruß als Sorge zu betrachten ſchien; auch Tante Joſephine zeigte ſich in der Ferne, den unver⸗ meidlichen Strickſtrumpf in den vor Schreck erſtarrten Händen. Ich begreife noch nicht, wie Jenni ſo ſchnell zu uns herabge⸗ kommen. Sie hatte ſich über mich geworfen und begann emſig, mir die Haare aus Geſicht und Schläfen wegzuſtreichen; in demſelben Augenblicke aber, als jetzt mein Vater mit einer heftigen Geberde die Hand ausſtreckte, um mir vielleicht etwas unſanft vom Boden aufzuhelfen, ſprang ſie wie empor⸗ geſchnellt wieder auf.Du, ſchrie ſie, und die ganze kleine Geſtalt ſtreckte ſich,rühr' ihn nicht an! Sie hielt ihm das geballte Fäuſtchen vor's Geſicht; im Grund ihrer Augen ſunkelte etwas, das herausſchießen wollte. 4

Mein Vater, einen Schritt zurücktretend, kniff nach ſeiner Art die Lippen zuſammen und legte die Hände auf den Rücken; dann wandte er ſich ab und ging bei ſich ſelber murmelnd in ſein Comptoir zurück. Mir war, als habe er geſagt:Das muß ein Ende haben. Als meine Mutter jetzt in den Garten trat, flog Jenni auf ſie zu und ich ſah, wie die milde Frau das zuckende Körperchen des heftig

bewegten Kindes unter leiſem, mir unhörbarem Zuſpruch mit beiden Armen an ſich drückte.

Seit dieſem Tage war ſo glaube ich in uns Beiden

ein unbewußtes Gefühl der Zuſammengehörigkeit und gegen⸗ ſeitiger Verantwortlichkeit entſtanden; es war ein Keim gelegt, der viele Jahre geſchlummert hat, aus dem aber dann im Strahl der Mondnacht die blaue Märchenblume emporge⸗ ſchoſſen iſt, deren Duft mich jetzt berauſcht. 5.

Ein Abenteuer-Leben. In dieſem Frühjahre ſtarb in Stockholm ein Mann, der ſein halbes Leben hindurch ein fahrender Ritter im

Novellen⸗Zeitung.

dieſes Jahrhunderts fand man viele Jahre lang den Major Myhrberg dort fechten, wo die Sache der Freiheit zum Schwert gerufen hatte. Der alte kriegeriſche Geiſt der Waſa's und desTollen des Nordens(Carl XII.), welcher Schweden ſo viel Ruhm und Verluſte brachte, ſchien ſich in dieſem Manne in einer modernen Weiſe verkörpert zu haben. Als ein bloßer Gelbſchnabel verließ er die friedliche Lauf⸗ bahn, für welche er durch ſeine Erziehung in Upſala vor⸗ bereitet worden war. Er ſegelte nach Portugal, begab ſich von dort nach Spanien, wo er tapfer gegen die in's Land eingedrungenen Franzoſen kämpfte, von denen er gefangen genommen und nach Marſeille gebracht wurde. Ein ſolcher Vogel war in keinem Käfig feſtzuhalten. Er wurde wieder in Freiheit geſetzt und ſchloß ſich einem Corps franzöſiſcher Freiwilliger an, welche unter dem General Fabvier tapfer für Griechenland fochten. In dieſem Kriege verrrichtete Myhrberg als Cavalerie⸗Officier ganz außerordentliche Heldenthaten. Er hielt ſich und ſeine Leute im Jahre 1826 ſechs Monate lang in Chios gegen eine Menge Türken, und als zuletzt ſein Corps zu ſehr zuſammengeſchmolzen war, rettete er ſich mit dem größten Theile ſeiner Leute glücklich. Bei Koldohre wurde ihm das Bein durch das Stück einer Bombe, welche zerplatzte, gebrochen. Als das Bein wieder geheilt war und er ſich in Gefahr ſah, gefongen genommen zu werden, ſchwamm er mit ſeinen Waffen zu befegundeten Schiffen, welche an der Küſte kreuzten. Gordon, der Ge⸗ ſchichtsſchreiber des griechiſchen Freiheitskrieges, ſagt von ihm:Er war der Beſte und Tapferſte unter den Philhel⸗ lenen. Als Griechenland frei var, blieb er in Frankreich, bis der Krieg in Polen 1830 ihn an die Seite der Inſur⸗ genten rief. Er reiſte durch Oeforreich und ſchwamm unter dem Feuer öſterreichiſcher Schildwacher durch die Weichſel. AlsGeneral Langermann befehligte er eine Brigade in Rubinski's Diviſion des polniſchen Heeres und er nahm an allen verzweifelten und gewagten Unternehmungen des Kriegs Theil. Mieroslawski lobte enthuſiaſtiſch das Benehmen von Langermanns Brigade in der unglücklichen Schlacht bei Oſtrolenka. Unter Myhrberg wurden zwei Pferde erſchoſſen und ſein Säbel an ſeiner Seite wurde durch einen Musketen⸗ ſchuß zerſplittert. Als zur Zeit des heißeſten Gefechtes die Wahrſcheinlichkeit des Sieges ihm bei den wenigen Leuten, die ihm noch zu Gebote ſtanden, gänzlich verlaſſen hatte, kamen Verſtärkungen an und der Anführer derſelben fragte Myhrberg, wo ſeine Soldaten wären. Dort antwortete er, indem er mit ſeinem Degengefäß auf den Hügel von Todten und die Handvoll Lebender wieß. Myhrberg wurde von den Ruſſen gefangen genommen und nach Sibirien geſchickt, ent⸗ floh aber unterwegs, was er, wie man ſagte, der abſichtlichen Nachläſſigkeit eines ruſſiſchen Generals zu verdanken hatte, welcher der Familie des Schweden verpflichtet war. Er zog dann nochmals zu Felde, und zwar in dem Lande, wo er ſeine Sporen verdient hatte. In Spanien kämpften die Chriſti⸗ niſten und die Carliſten um die Herrſchaft und hier focht Myhrberg zum letzten Male. Im Jahre 1840 kehrte er nach Schweden zurück. Sein Vaterland ehrte ihn nach ſeinem Tode mit einem großen Leichenbegängniß, und das frühere Leben dieſes Mannes verdient wohl, daß wir ſeine Biogra⸗ phie kurz mittheilen. C.

Das Geheimniß der Medaillenvertheilung in Paris. Ein Mitglied der Jury, welche bei der Ausſtellung der

Dienſte der Freiheit geweſen war. In der erſten Hälfte

Kunſtwerke in Paris über die Vertheilung der Preiſe zu