Jahrgang 
1-26 (1867)
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380 Novellen⸗ZJeitung.

männliche Geſchlecht gehöre. Bei einem Geſpräch über dieſen Gegenſtand äußerte ein reicher Mann und Familien⸗ vater: er hielte ſeine Töchter für hinreichend erzogen, wenn ſie im Stande wären, einen Liebesbrief zu beantworten.

Die häuslichen Pflichten, welche die Herrin des Hauſes zu erfüllen hat, ſind übrigens durchaus nicht gering. Die Sennora ſteht mit der Sonne auf, oft früher noch als ihre Kinder, und begiebt ſich im Morgenkleid in die Deſpenſa oder Vorrathskammer, um zu ſehen, was der Koch vom Markte

mitgebracht hat. Sie macht den Speiſezettel für das Früh⸗ ſtück und das Mittageſſen und läßt den Koch aus Töpfen, Krügen, Kiſtchen und Flaſchen alles das nehmen, was er zur Ausführung ſeiner complicirten Kunſt bedarf. Dann kommen die Montinero's(Bauern) in den Hof hereingefahren, die Einen mit Pferdefutter, die Andern mit Spanferkeln, Geflügel und Eiern, wieder Andere mit Obſt und Gemüſe, und zuletzt erſcheinen die Mauleſel, welche mit kleinen Säcken voll Holz⸗ kohlen beladen ſind. Da iſt eine Weile die. Scene recht belebt, die Hunde bellen die Neuankommenden an, die Kinder kommen heraus, um nach ihren verſchiedenen Lieblingen auf dem Hofe zu ſehen, die Ferkel quieken und die Papageien ſchreien ſo laut als möglich, als ob ihnen das muntere Leben ſo recht gefiele.

Der duftende, friſch geröſtete Kaffee füllt die Morgen⸗ luft mit ſeinem Arom und bald ſieht man die Kaffeetaſſen nach den verſchiedenen Zimmern wandern. Die Sennora verläßt die Speiſekammer indeſſen nicht, ohne ſich noch einmal beſon⸗ ders davon überzeugt zu haben, ob auch der Koch nicht etwa die Oliven, die Nudeln, den Knoblauch oder eines der andern vielen Gewürze vergeſſen habe, ohne welche vie ſpaniſche Küche nicht beſtehen kann. Dann geht ſie in das Arbeitszimmer, um die Arbeit für die Nähmaſchine herauszulegen und um der Näherin die nöthigen Anweiſungen wegen des Beſatzes an die Kleider und der Spitzen an die Hemden zu geben. Nachdem ſie nun noch einmal nach den Kindern geſehen und der Dienerſchaft allerlei Befehle ertheilt hat, geht ſie wieder in ihr Zimmer, wo ſie ein Bad erwartet. Iſt die Morgen⸗ toilette beendet, dann iſt ſie bereit, jeden Bekannten oder Freund zu empfangen, der ſich etwa von ſelbſt zum Frühſtück einladen ſollte. Nach beendigter Mahlzeit hält ſie mit dem gewöhnlich ſeine Cigarre rauchenden Sennor Rath über Fa⸗ milienangelegenheiten und dergleichen. Kaum iſt er aber weggegangen, ſo greift ſie zu ihrer Lieblingsunterhaltung, zur Handarbeit. Ja, die Nadel führen und wieder die Nadel führen iſt ſogar in einem tropiſchen Klima die Hauptbeſchäftigung von Vielen; denn ſo allgemein auch die Nähmaſchinen gebraucht werden, ziehen doch die Meiſten das Werk ihrer eigenen Hände vor. Die Wäſche iſt gewöhnlich ſehr koſtbar und meiſtens reich beſetzt mit einer Art Spitzen, welche die zarten Finger der Sennorita's ſelbſt verfertigt haben. Ich erinnere mich, in dem Zimmer eines Junggeſellen einen Kopf⸗ kiſſenüberzug geſehen zu haben, der mit einer eine halbe Elle breiten Spitze garnirt war. Die Bett⸗ und Handtücher ſind auch nicht ſelten reich geſtickt.

Da vor dem Abend kein Beſuch kommt, ſo wird die Einförmigkeit des Tages durch nichts unterbrochen, es ſei denn, daß gelegentlich die regelmäßig unterſtützten Armen erſcheinen, die einzig und allein von der Mildthätigkeit leben, da es keine Zufluchtshäuſer für die Armen auf Cuba giebt.

Gegen 1 Uhr wird eine Erfriſchung von Früchten ge⸗ nommen; die Diener häufen geſchälte Orangen, die wie lauter Schneeballen ausſehen, auf eine Schüſſel und bereiten ein

angenehmes Getränk aus friſchen Citronen, Waſſer und Zucker.

Auch andere Früchte werden gegeſſen, je nach der Jahreszeit, wie Mangos, Sapoten, Ananas und Bananen; ein widerlich ſüßes Getränk wird aus dem Guanabana mit Zucker und Eis⸗ waſſer bereitet.

In der Mittagszeit ſind die Hauſirer ſicher, vorgelaſſen zu werden, und ſind ſie nur erſt einmal im Hauſe, ſo thut ſich wie durch ein Wunder der Reichthum ihrer Ladung auf. Die Sennora wünſcht nur ein wenig Muſſelin zu einem Kinderkleidchen zu kaufen, aber ſie kann nicht widerſtehen, es iſt natürlich Alles gar zu ſchön und ſie nimmt auch noch ein Dutzend geſtickte Taſchentücher für ſich, ein Staatstaſchentuch für die Tochter, wenn ſie in die Kirche geht, ein Stück ſuper⸗ feines Hemdenleinen und ſchließlich einen Fächer, der direct aus Paris kommt. Da kommt auch die Kinderſchaar hat er denn keine Kinderfächer? Jedes muß einen haben. In⸗

zwiſchen hat ſich nach und nach die ganze Haushaltung ver⸗

ſammelt, um die ſchönen Sachen zu beſichtigen, ſogar der Kopf des ſchwarzen Kochs guckt hinter der fetten Dinah hervor, die ihn ſonſt ganz verdeckt, da er nicht geſehen ſein will. Die hübſche Mulattin kauft ein buntſeidenes Tuch zur Bedeckung ihrer Schultern und eine Reihe großer weißer Perlen, Dinah eine durchſichtige Schürze und Ohrringe. Die beiden Wäſcherinnen entſchließen ſich nach langem Handel zu ein paar weißen Muſſelinkleidern, ganz mit Schmetterlingen bedeckt, die natürlich nach der erſten Wäſche weggeflogen ſein werden. Und ſchließlich ſind Alle zufrieden, beſonders der Hauſirer, deſſen Bündel weſentlich leichter und deſſen Taſchen um einige Goldunzen ſchwerer geworden.

Um vier oder fünf Uhr giebt es ein reiches, köſtliches Mittageſſen; Fiſche, Suppe, Fleiſch und Wildpret werder zuſammen auf den Tiſch geſetzt, und wenn man ſo glücklich iſt dem Knoblauch zu entgehen, ſo kann man bei ſo reicher Aus wahl gewiß ein gutes Mahl halten. Der dunkle catalo⸗ niſche Wein mit Eiswaſſer trägt auch dazu bei; zahlreiche Süßigkeiten folgen und zuletzt kommt eine kleine Taſſe mit Kaffee⸗Eſſenz, zu der die Herren ihre ⸗Cigarre rauchen.

Jetzt nimmt die Abendtoilette die ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch, und lange zuvor, ehe die Damen angekleidet ſind, ſteht der Wagen vor der Thür; endlich ſteigen die Sennora⸗ und die Sennorita ein, um Beſuche zu machen. Die Groß⸗ mutter hingegen begiebt ſich in den Salon und nimmt die Kinder zu ſich, die zum Zeitvertreib durch die eiſernen Fenſter⸗ ſtäbe auf die Straße ſehen. Auch der Papa hat ſich in volle Toilette geworfen und iſt im Billardzimmer; von da geht er in ſeinen Club, dann macht er einige Beſuche und beſchließt den Abend im Theater.

Der gänzliche Mangel an Cultur und Bildung in Cuba wird von denen nicht gefühlt, die ihre Inſel nie verlaſſen haben; anders aber iſt es mit denen, die auf ihren Reiſen die Stellung und Bildung der Frauen anderer Nationen kennen gelernt haben. Glücklicherweiſe fangen die jüngeren Damen an, wenigſtens ihr muſikaliſches Talent weſtlich zu cultiviren, und nach und nach ſcheinen auch noch andere Bildungsmittel Mode zu werden, die das einförmig langweilige Leben der dortigen Frauen erheitern und beleben werden.

Die Damen gehen faſt nie auf den Straßen, höchſtens zur Kirche; bei ihren Einkäufen bleiben ſie im Wagen ſitzen, da es gegen die Sitte verſtößt, die Läden zu betreten. Es beſteht eine höfliche Vertraulichkeit zwiſchen den Verkäufern und ihren ſchönen Käuferinnen; Erſtere lehnen ſich nach⸗ läſſig an den Wagen und drehen ihren krauſen Schnurrbart, und während die Sennora die Wanren beſichtigt, laſſen ſie die Augen bewundernd auf ihren blendenden Schultern ruhen,