Jahrgang 
1-26 (1867)
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aufrichtiges Compliment für ihn ſein ſollte. Praktiſches Weſen hat ſeine Lobredner; es hat aber auch ſeine Tadler. Es giebt Leute, in deren Augen die Proſa deshalb keine An⸗ erkennung findet, weil ſie nicht Poeſie iſt; dieſelbe Art von Leuten nimmt deshalb an dem praktiſchen Weſen beſtändig Anſtoß, weil ihm das ſpeculative Weſen abgeht. Es iſt be⸗ kanntlich eine ſehr gewöhnliche Form des Tadels, etwas zu verachten, nicht ſowohl wegen deſſen, was es iſt, ſondern deshalb, weil es nicht etwas Anderes iſt, und in den meiſten

Fällen iſt das gewünſchte Andere mit der urſprünglichen und verachteten Sache in gar keinem Zuſammenhang und im förmlichen Widerſpruch zu derſelben.

Hätte Ned Stone jemals gehört, daß manche Perſonen ihn tadelten, weil er ein praktiſcher und nicht ein poetiſcher Mann war, ſo würde er wahrſcheinlich und ganz der Wahr⸗ heit gemäß geſagt haben:Ich weiß gar nicht, was poetiſch

iſt; iſt es ehrenhaft in der That und im Wort? Iſt es etwas

Wahres? Sowohl in ſeinen Worten wie in ſeinen Thaten war er ſelbſt ſicher ehrenhaft und wahr. Für Dinge, welche anders waren, war er gänzlich ohne Sympathie. Wirklich hatte er von ſehr vielen Dingen gar keine Kenntniß, denn er war ein einfacher, rechtſchaffener Gentleman, der ſeinen eignen Weg ging, ſein eigenes Leben lebte, und der die Geſchäfte, welche ſein Beruf ihm auferlegte, in einer merkwürdig mäßigen, ſicheren und beſtändigen Art verrichtete. Er wich weder rechts noch links ab. Es begegnete ihm augenſchein⸗ lich nicht, daß er dem ſich vorgenommenen Plane eines folge⸗ richtigen Betragens untreu geworden wäre. etwas zu ſagen, was er nicht meinte, oder etwas zu meinen, was er nicht ſagte. In ſeiner Offenheit lag aber nie das be⸗ leidigende Element, welches die Rückſichtsloſigkeit mancher Perſonen charakteriſirt, die ſich mit ihrer Offenheit brüſten, deren Umgang aber jeder Unabhängige möglichſt zu vermeiden ſucht.

Ned Stone's Gemüth floß ſo rein und klar wie ein Bach. Natürlich ſtand es Jedem frei, deſſen Laune danach war, das zu verſpotten, da es doch nichts weiter als ein Bach mit Waſſer war, während er vielleicht eine Quelle von ſtarkem Claret vorzog. Aber doch iſt dabei zu bedenken, daß der Bach zu allen Zeiten nutzbar und in ſeiner eigenen milden Art ſtets genießbar iſt; während der Letztere nur in langen Zwiſchenräumen für feſtliche Gelegenheiten iſt, nie für eine längere Periode und nicht immer ganz klar fließt, und bei allen ſeinen Reizen doch im Stande iſt, uns ein ſtarkes Kopfweh, zuweilen ſogar ein Fieber zuzuziehen.

Er bekleidete den Poſten eins Maklers in der City, nichts mehr und nichts weniger als das. Ob er in Thee oder Zucker, mit Verſchiffung, oder in Conſols arbeitete und daraus ſeinen Gewinn zog, weiß ich nicht genau. Für mich war es genügend zu wiſſen, daß er ein Makler in der City war. Dieſe Thatſache führte meinem Geiſte eine gewiſſe Idee zu. Hätte ich den Verſuch gemacht, die Idee zu erweitern, indem ich mir über die Thatſache mehr Licht verſchaffte, ſo möchte ich vielleicht gefunden haben, daß ich darüber weniger belehrt, aber verwirrter geworden ſei, denn das Nachforſchen führt oft eben ſo viel irre, wie es belehrt. Zu einer Zeit ſeines Lebens war er ſehr arm geweſen und er hatte ſehr an⸗ ſtrengend arbeiten müſſen. Sein Fleiß hatte aber zuletzt die ihm gebührende Belohnung gefunden. Als er das mittlere Alter erreicht hatte, befand er ſich in guten Umſtänden und er ſah keinen Grund, zu bezweifeln, daß ſeine günſtige Lage fortdauern würde. Als er daher ſeinen Freunden mittheilte, er habe den Entſchluß gefaßt, ſich eine Lebensgefährtin zu

Novellen⸗Jeitung.

Er ſchien nie

ſuchen, ſo fühlten ſie Alle, daß der von ihm beabſichtigte Schritt ein kluger und zweckmäßiger ſei und daß man unter allen Umſtänden von ihm nichts Anderes habe erwarten können. Und als er ferner mittheilte, er habe einer Miß Georgina Warren, der Tochter eines reichen Kaufmanns, der nach Oſt⸗ indien Geſchäfte machte, ſeine Hand angeboten und dieſe habe ſein Anerbieten angenommen, beeilten wir uns natürlich, ihm unſere herzlichſten Glückwünſche zu dieſem erfreulichen Ereigniß darzubringen. Wenn ich ſagewir, ſo darf man nicht glauben, daß ich wie die Publiciſten in der erſten Perſon des Plurals ſpreche, um damit meine eigene Individualität zu verſchleiern, ſondern ich ſpreche von mir und verſchiedenen andern Freunden Ned Stone's, die gleichzeitig meine Freunde waren, und die mit mir darin herzlich übereinſtimmten, unſerm Freunde zu der beabſichtigten wichtigen Veränderung in ſeinem Leben Glück zu wünſchen.

Ned Stone ſprach von der Angelegenheit in ſeiner ge⸗ wöhnlichen einfachen, beſonnenen Art.

Nun, Ihr wißt, daß ich mich in guten Umſtänden be⸗ finde, ſagte er,und wenn ich mich je verheirathen will, ſo iſt es Zeit, daran zu denken. Einige Jahre ſpäter würde es zu ſpät ſein. Ich würde mich dann in das Junggeſellenleben eingelebt, die Anſichten und Gewohnheiten eines Junggeſellen und die Art deſſelben, die Dinge zu betrachten, angenommen haben und ich würde um keinen Preis im Stande ſein, das zu ändern oder abzulegen. Ver wenigen Jahren war ich noch nicht in der Lage, einen anſtändigen Haushalt einzu⸗ richten und zu unterhalten, und daher konnte von einem ſolchen Schritte keine Rede ſein. Aber ich blickte immer in die Zu⸗ kunft und war entſchloſſen, dem Alleinſtehen ein Ende zu machen, ſobald meine Lage es erlaubte; das iſt jetzt der F und daher will ich den Gedanken ausführen. Ihr ſeid ſer gütig. Ich denke, ich werde glücklich ſein in der That zweifle ich das gar nicht ſo glücklich, wie irgend ein M ein Recht es zu erwarten hat. Natürlich muß man ſeine Erwartungen nicht allzu hoch ſpannen. Aber ich liebe dieſe Miß Georgina Warren in meiner Art außerordentlich, und ich glaube, daß ſie in ihrer Art mich eben ſo aufrichtig liebt. Sie iſt nicht zu jung und nicht zu alt; nicht zu hübſch, aber auch nicht zu unanſehnlich. Sie iſt gefühlvoll genug und gebildet genug, und ich ſehe keinen Grund, weshalb ſie nicht eine recht paſſende und gute Frau für mich ſein ſollte; und ganz in gleicher Weiſe ſehe ich nicht, warum ich nicht für ſie eine recht

gute Art von Gatte werden könnte. Ich weiß, daß ich Alles thun

werde, was ich vermag, um ihr Leben zu einem recht glück⸗ lichen und gemüthlichen zu machen, und ich hege gar keinen Zweifel darüber, daß ſie von ihrer Seite ganz daſſelbe thun wird. Was iſt mehr darüber zu ſagen? Vielleicht empfinde ich keine beſondere Liebe für den alten Warren, den Vater, und wahrſcheinlich iſt das von ſeiner Seite in Betreff meiner Perſon ganz derſelbe Fall. Ich ſehe aber auch nicht, daß daran etwas Beſonderes liegt. Ich denke, wir werden Beide uns nach und nach beſſer verſtehen lernen; einſtweilen müſſen wir uns miteinander ſo gut, wie wir können, zu vertragen ſuchen, und ich für meinen Theil werde mir Mühe geben, die Launen des alten Herrn zu ertragen und ihn nur dann mit meiner Gegenwart zu beläſtigen, wenn ich es nicht vermeiden kann. Wir brauchen einander nicht oft zu begegnen, wie Ihr wißt. Und wie mir es ſcheint, würde der alte Mann eben ſo wenig irgend Jemand lieben, dem es einfallen möchte, ſich um die Hand der Miß Georgina zu bewerben, und daraus ſchließe ich, daß er keine perſönliche Abneigung gegen mich hat. Und wenn Georgina mich liebt und ſie ſagt, daß