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nicht ertragen, was Deutſchland ohne Schwierigkeit erträgt;— man kaun dort noch nicht unternehmen, was man bei uns gedeihlich unternimmt: die Vorſicht und die Scheu, die dort noch heilſam ſein mögen, bei uns ſind ſiénberderblich. In äußerlichen Dingen— auch in äußeklich politiſchen und ſocialen— mögen ſie's uns dort gleichthun; in der Hauptſache, in der Pflege. der Denkart und ihren praktiſchen Conſequen⸗ zen— in der Volkserziehung— können ſie noch nicht mit uns geben!— Deutſchland beeinfluſſen und Oeſterreich regieren, das ſind zwei Aemter, die nicht cumulirt werden können: jedes fordert ſeinen Mann — ſeine eigene Mannſchaft! Was öſterreichiſche Staats⸗ weisheit die deutſche Nation lehren konnte, das hat ſich gezeigt: die deutſche Nation dankt dafür! Sie ruft den Inhabern dieſer Weisheit zu: macht euere Polikik für euch, ich mache die meinige für mich!“
„Klar und bündig!— Aber der Nutzen für Oeſterreich?“
„Beſteht in der abgeworfenen Laſt!“ verſetzte ich. „Beſteht in der Tilgung einer verderblichen Illuſion — beſteht im Aufgeben eines chimäriſchen Zieles!“
Victor ſchwieg ſinnend, ich fuhr fort:
„Wenn ich der Kaiſer von Oeſterreich wäre— auf die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts hin würde ich ſagen: Fahr' hin, Italien, fahr' hin, Deutſchland! Die Macht in euch wurde mir übergeben und ich glaubte ſie erhalten zu müſſen; aber die Ereigniſſe haben ſie mir genommen und nun verzichte ich darauf mit meinem Willen! Ich verzichte darauf, weil ich einſehe, daß die Ausübung dieſer Macht nicht mehr meines Amtes iſt und mich nur abzöge von der Er⸗ füllung meines wahren Berufs. Verloren habe ich Deutſchland und Italien; aber erhalten— gewonnen habe ich Oeſterreich! Gewonnen! Oeſterreich iſt in Wahrheit mehr mein geworden, weil ich mehr ſein geworden bin! Oeſterreich— das iſt die Einheit der Völker, die mein ſein und unter meinem Sckepter gedeihen wollen! Dieſes Oeſterreich iſt die Kern⸗ ſchöpfung meiner Ahnen und der Beſitz, den mir nicht nur die Vergangenheit überweiſt, ſondern auch die Zukunft;— nicht nur die Geſchichte, ſondern auch das Ziel ihrer Entwickelung! Dieſes Oeſterreich iſt mein Oeſterreich und wohl ihm und mir, daß ich es endlich als meines erkannt habe! Dieſem Oeſterreich ſoll mein Geiſt und meine Kraft, meine Sorge und meine Liebe allein gehören! Seine Völker Schritt für Schritt emporzuleiten, ſeine Hülfsquellen zu er⸗ ſchließen, ſeine Länder blühend zu machen, das ſei mein Ziel! Es ſind herrliche Länder, es ſind reich⸗ begabte Völker: ſie hinanzuführen zur Cultur der cul⸗
Novellen⸗
Zeilung.
Miſſion! Ihr weihe ich mich ganz und gar!— Und neidlos kann ich auf diejenigen ſchauen, die für andere Länder und Reiche daſſelbe thun!“
„Gut!“ rief Victor.„In ſeiner Art wirklich gut!— Damit würdeſt du aber das Band zwiſchen Oeſterreich und Deutſchland völlig zerſchneiden! Du würdeſt die deutſchen Länder Oeſterreichs von Deutſch⸗ land gänzlich abtrennen!“
„Im höchſten Intereſſe beider!“ entgegnete ich. „Dieſe Trennung iſt die conditio sine qua non der wahren Vereinigung!“
Ahl“ vief er. Gagern!“
„Wäre für mich keine Widerlegung!— Zweier⸗ lei kann von Deutſchland aus gewünſcht werden. Ent⸗ weder, daß Oeſterreich in ſeine Elemente ſich auflöſe und die deutſchen Theile davon an Deutſchland fallen — oder daß Oeſterreich beſtehe und dieſe Theile von Deutſchland ſich trenneft, um das ganze Oeſterreich zuſammenzuhalten und es als Ganzes uns zurück⸗ zuͤbringen. Ich, ein Germane, ein Süddeutſcher und— ein Edelmann, ich wünſche das Letztere. Das deutſche Volk ſoll nicht blos für ſich ſein— der Gedanke der materiellen Einheit und Abgeſchloſſenheit iſt alles Andere eher, als germaniſch! Dieſes Volk iſt darum ſo groß und ſo produetiv, damit es Etwas von ſich opfere im Intereſſe der Culturnation, im Intereſſe der Menſchheit! Es iſt ſchmerzlich, die deutſchen Länder Oeſterreichs aus dem großen Vaterlande ſcheiden zu ſehen; aber es geht nicht anders; und darum müſſen wir ſie ziehen laſſen. Es geht nicht anders, wenn Oeſterreich beſtehen und für ſich ſein ſoll! Und Oeſter⸗ reich muß beſtehen und für ſich ſein, um Deutſchlands und Europas willen;— um in dem fragereichen Oſten Europas die Culturaufgaben zu löſen, die
„Ich wittere Heinrich von
Bringen wir alſo das unvermeidliche Opfer entſchloſſen — und faſſen wir die Vereinigung in's Auge, welche den Verluſt erſetzen und die Hingabe lohnen ſoll!“
Victor ſaß nachdenklich. Ich fuhr fort:
„Iſt Oeſterreich für ſich und Deutſchland für ſich — iſt jedes geeinigt durch eine herrſchende Macht, ſo ſteht nicht nur nichts entgegen, ſondern Alles drängt dazu, daß dieſe beiden großen Ganzen mit einander einen Bund ſchließen. punct betrachtet, iſt das für ſich ſeiende Oeſterreich doch immer der deutſche Staat, deſſen vornehmſte Tendenz Hand in Hand geht mit der Tendenz Deutſch⸗ lands. Kann es noch nicht in jeder Beziehung Schritt halten mit dieſem, ſo hat es doch kein höheres Ziel, als im Hinblick auf daſſelbe vorwärts zu gehen und
tivirteſten iſt meine und meiner Nachfolger große
in geſunder Entwickelung ihm ſtets ähnlicher zu werden.
nur der deutſch gelenkte große Staat löſen kann!,
Vom höchſten Stand⸗


