Jahrgang 
1-26 (1867)
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tyre, an den Ufern des Clyde in der Nähe von Glasgow, geboren. Obſchon er von einer geachteten Familie der Hoch⸗ länder abſtammte, ſo befanden ſich ſeine Eltern doch in ſehr dürftigen Umſtänden. Sein Vater betrieb einen kleinen Theehandel in Hamilton und in der autobiographiſchen Skizze ſeines Sohnes, welche die Vorrede zu ſeiner Reiſebeſchreibung bildet, ſagt er, ſein Vater ſei viel zu rechtſchaffen und gewiſ⸗ ſenhaft geweſen, als daß er ein reicher Mann hätte werden können. Der Vater ſtarb 1856, nachdem er noch Augenzeuge geweſen war, welche Früchte dieſe Liebe zu einer rechtſchaffenen Induſtrie, dieſe thätige Anſtrengung und die Menſchenliebe, welche er der Bruſt ſeines Sohnes frühzeitig eingeflößt, getragen hatte. Wie wenig bemittelt David's Vater war, ergiebt ſich ſchon daraus, daß der zehnjährige Knabe in eine Baumwollenſpinnerei in Blantyre geſchickt wurde, um ſich dort ſein Brod zu verdienen; aber ſchon zu dieſer Zeit zeigte ſich bei ihm ein großer Lerneifer. Um ſeinen Wiſſensdurſt zu befriedigen, arbeitete er ſehr angeſtrengt, um ſich die Mittel zu verſchaffen, während der Wintermonate ſeine Studien in Glasgow betreiben zu können, und während der Sommerferien in den Claſſen nahm er dann in der Baumwollenſpinnerei ſeine Arbeit wieder auf. In dieſer Art gelang es ihm, ſich einige Bekanntſchaft mit den Claſſikern zu erwerben, und im Alter von ſiebenzehn Jahren hatte er ſchon einen großen Theil des Horaz und des Virgils auswendig gelernt. Er faßte nun den Entſchluß, ſich dem Berufe eines Miſſionärs zu widmen und nährte dabei die Hoffnung, daß Afrika oder China der Schauplatz ſeiner Thätigkeit werden möchte. Dieſe Hoffnung verwirklichte ſich zuletzt, denn nachdem er ein paar Jahre Medicin ſtudirt und während dieſer Zeit auch theologiſche Vorleſungen beſucht und 1838 von der mediciniſchen Facul⸗ tät das Doctordiplom erhalten hatte, bot er ſich der Londoner Miſſionsgeſellſchaft für ihr Arbeitsfeld in Afrika an und ſein Anerbieten wurde angenommen. Nachdem er 1840 als Geiſtlicher ordinirt worden war, verließ er im Sommer dieſes Jahres England, um ſich für Port Natal einzuſchiffen, wo er mit ſeinem Landsmanne Robert Moffat, einem der thätigſten und unternehmendſten Miſſionäre, bekannt wurde, mit deſſen Tochter er ſich ſpäter verheirathete. In allen folgenden Reiſen des Dr. Livingſtone war ihm ſeine Gattin bis zu ihrem frühen Tode, der vor ein paar Jahren erfolgte, eine treue Begleiterin, welche alle Anſtrengungen und Gefahren derſelben muthig mit ihm theilte. Sechzehn Jahre lang, nämlich von 1840 bis zu ſeiner Rückkehr nach England gegen den Schluß von 1856, arbeitete er ſehr beharrlich als einer der Sendboten der Londoner Miſſionsgeſellſchaft in Kuru⸗ man, Mabodſon und auf andern Stationen des ſüdlichen Afrikas. Während dieſer Zeit unternahm er verſchiedene Expeditionen in das Innere Afrikas, wo er ſich mit der Sprache, den Gewohnheiten und den religiöſen Vorſtellungen einiger wilden Stämme bekannt machte. Auch machte er zweimal ein wenig ſüdlich von dem Wendekreiſe des Stein⸗ bockes eine Reiſe über den ganzen Continent des ſüdlichen Afrika von den Küſten des indiſchen bis an die des atlan⸗ tiſchen Oceans. Im Mai 1855 wurde ihm von der Königlichen Geographiſchen Geſellſchaft in London für ſeine Reiſe durch Südafrika von dem Vorgebirge der guten Hoffnung über den See Ngami nach Linganti und von dort nach der weſtlichen Wüſte im zehnten Grade ſüdlicher Breite die Victoria⸗ oder Patron's goldene Medaille verliehen. Im Laufe deſſelben Jahres reiſte Dr. Livingſtone wieder öſtlich, und nachdem er dieſe Gegenden bis nach Linganti beſucht hatte, folgte er dem Zambezi hinab bis an ſeine Mündungen

Novellen⸗Zeitung.

in's indiſche Meer und ſo vollendete er ſeine Reiſe über ganz Südafrika. In den letzten Monaten von 1856 kehrte Living⸗ ſtone nach England zurück und am 15. December wohnte er der Sitzung der Königlichen Geographiſchen Geſellſchaft bei, worin der Präſident derſelben, Sir R. Murchiſon, die Anweſenden erinnerte, daß ſie ſich zu dem Zwecke verſammelt hätten, um den Dr. Livingſtone bei ſeiner Rückkehr nach England zu bewillkommnen, welcher während einer ſechzehn⸗ jährigen Abweſenheit ſich beſtrebt hätte, die Segnungen des Chriſtenthums in Gegenden zu verbreiten, die vor ihm noch nie von einem Europäer betreten worden ſeien, während er gleichzeitig geographiſche Entdeckungen von einer nicht zu berechnenden Wichtigkeit gemacht habe. In ſeinen verſchie⸗ denen Reiſen in einer Ausdehnung von nicht weniger als 11,000 engliſchen Meilen durch afrikaniſches Gebiet habe er durch ſeine aſtronomiſchen Beobachtungen die Lage zahlreicher Orte, Hügel, Flüſſe und Seen beſtimmt, die bisher faſt alle unbekannt geweſen ſeien, während er jede Gelegenheit benutzt habe, die phyſiſchen Eigenthümlichkeiten, die Klimatologie und den geographiſchen Bau der Länder, die er erforſcht habe, zu beſchreiben, und dem Unternehmungsgeiſte britiſcher Kaufleute habe er manche neue Handelsquellen nachgewieſen, die ihnen bisher unbekannt geweſen ſeien. Dr. Livingſtone ſei als ein Pionier geſunder und nützlicher Kenntniſſe nach England zurückgekehrt. Bei dieſer Gelegenheit ſprach Living⸗ ſtone ſeine Anſichten über die Frage der afrikaniſchen Civiliſation aus und zu dieſem Zwecke empfahl er den Baum⸗ wollenbau in einem großen Maßſtabe im Innern Afrikas und das Anknüpfen von Handelsbeziehungen zwiſchen Eng⸗ land und den Stämmen in Südafrika als eine Maßregel, welche geeignet ſein möge, zur Abſchaffung des Sclaven⸗ handels beizutragen und die Sache der Civiliſation in jenen Gegenden zu befördern. Im Jahre 1857 veröffentlichte er eine intereſſante Beſchreibung ſeiner Reiſe, die eine weite Verbreitung fand. Im März 1858 kehrte er wieder nach Afrika zurück, um ſeine Erforſchungen nach einem andern Puncte auszudehnen, und dieſes Mal gab ihm die Regierung mehrere Begleiter, die ihn in ſeinen Forſchungen unterſtützen ſollten. Von dieſer Reiſe kehrte er 1864 nach England zurück, nachdem ihn während derſelben das Unglück getroffen hatte, ſeine Gattin zu verlieren, welche am 27. Auguſt 1862 am Zambezi an einem Fieber des Landes ſtarb. Kaum nach England zurückgekehrt, machte er, um ſeine Entdeckungen zu vervollſtändigen, ſofort neue Vorbereitungen für eine neue, Reiſe nach Afrika, die er 1865 antrat und wo er, ehe er in's Innere Afrikas abreiſte, erſt Oſtindien beſuchte.

Seit dieſer Zeit trafen von demſelben mehrmals Nach⸗ richten in Europa ein und man war vollkommmen berechtigt, wichtige Erfolge für die Erdkunde von dieſer Reiſe zu erwarten, als Anfang des März zum allgemeinen Schrecken die Nach⸗ richt in England eintraf, Dr. Livingſtone ſei von einem wilden Negerſtamme ermordet worden. Anfangs hoffte der Präſident der Königlichen Geographiſchen Geſellſchaft in London, Sir R. Murchiſon, die Nachricht werde ſich vielleicht nicht beſtätigen und ſie könne eine Erfindung der in Zanzibar angekommenen neun Araber ſein, welche Dr. Livingſtone ſich zu ſeiner Begleitung gedungen hatte und die ſehr unzuverläſſige Leute ſeien, um ihre Treuloſigkeit und Flucht zu beſchönigen; doch ſeitdem iſt in Zanzibar ein Andrer der arabiſchen Begleiter des Reiſenden, Namens Mooſa, ange⸗ kommen, welcher erzählt hat, er ſei in einiger Entfernung von der Reiſegeſellſchaft geweſen, als der Angriff von dem Negerſtamm Mafite auf dieſelbe gemacht worden ſei. Dr. Liv⸗