Jahrgang 
1-26 (1867)
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St. Paul's wie ein Fürſt, nein, edler noch, wie ein Vater ge⸗ lohnt. Ich gab ihm ſein Kind nicht wieder, um es ihm zu nehmen! Und ſtumm blieb ſein Mund, beſcheiden ſein Blick. So innig auch Katharina mit ihm redete, er über⸗ ſchritt die ſchüchterne, kindliche Grenze der Jugendfreund⸗ ſchaft nicht. Aber als ſie ihm lächelnd ſagte:Edmund, geſtern warb der junge Ritter Cavendish um mich und ich hab' ihn mit einem Knix abgewieſen! da erröthete Osborne tief, küßte haſtig ihre Hand und zerdrückte in der Wimper eine Freudenthräne.

So ſollte es nicht immer bleiben. Der elegante Talbot, Graf von Shrewsbury, des reichſten, edelſten und eifrigſten Proteſtanten, Lord Archimbald's einziger Sohn, verkehrte lange bei Hewet, und eines Tages erhielt Sir William einen ceremoniöſen Brief des alten Lord, in welchem ihm derſelbe anzeigte:daß er nächſten Tages geſonnen ſei, mit Gefolge feierlichſt bei ihm vorzuſprechen, um im Namen ſeines Sohnes bei der Tochter Sir William Hewet's in aller Form Rechtens anzuhalten! Sir William ſchloß nach Em⸗ pfang des Schreibens ſeine Werkſtätten mit dem Bemerken, jeder Arbeiter ſolle nichts deſto weniger vollen Lohn und ein Geſchenk erhalten und am nächſten Tage im Feſtkleide er⸗ ſcheinen, denn er werde ſeine Tochter verloben. Auch ord⸗ nete er ſofort an, mit welchen Feierlichkeiten die Grafen Shrewsbury nebſt Gefolge empfangen werden ſollten. Miß Katharina und Edmund hatten eine thränenreiche Nacht! So ſehr Katharina auf ihres Vaters Liebe pochen durfte, er war ein ſtrenger Mann, der niemals ſeinen Beſchluß zurück⸗ nahm.

Am nächſten Tage verſammelten ſich Hewet's Leute auf dem innern, nun blumengeſchmückten Hofe der Manufactur. Die zur Zeit anweſenden Schiffe Hewet's hatten geflaggt und, Bord an Bord gelehnt, eine Gaſſe gebildet, durch welche zur beſtimmten Stunde Sir William in Begleitung des bleichen, traurig in ſeinem Schmucke blickenden Osborne, ſeiner erſten Buchhalter und Factoren, in einer mit himmel⸗ blauem Tuch belegten Staatsbarke hinaus auf die ſonnenbe⸗ glänzte Themſe fuhr. Seine Verwandten und Freunde bildeten in anderen Fahrzeugen das Ehrengeleit. So zog man ſtromaufwärts gegen Weſtminſter zu und ward beim alten Schwan des glänzenden Barkenzuges von Lord Shrews⸗ bury gewahr, der unter Zinken⸗ und Cimbelklang ihnen ent⸗ gegenkam.

Bisher hatte Hewet kein Wort an ſeine Umgebung ge⸗ richtet. Nun wendete er ſich zu dem hinter ihm ſitzenden Osborne und raunte ihm zu:Edmund, haſt Du mir heute Nichts zu ſagen?

Herr, und Osborne's Stimme bebte wie ein ver⸗ ſchwommen Echo,was ſollt' ich heute Euch Anderes zu ſagen haben, als: Gott ſegne alle Eure Wünſche!

Amen, ſagte Hewet kurz. Bald darauf trafen die beiden kleinen Barkenflotten zuſammen.

Nach ceremoniöſer Begrüßung nahm Hewet in Shrews⸗ bury's Boot zwiſchen Vater und Sohn unbedeckten Hauptes Platz und rückwärts ging's nach Hewet⸗Houſe.

Was ſagt Ihr zu unſerem Beſuch und ſeinem Zwecke, mein lieber Sir William? begann der alte Graf munter.

Wenn ich mir auch die eigentliche Antwort bis zu dem feierlichen Acte ſelbſt aufſparen muß, ſo mögen ſich Ihre Herr⸗ lichkeiten beiderſeits verſichert halten, daß mein Entſchluß nur ein ſolcher ſein wird, wie es ſo edle, hochherzige Männer, als Ew. Lordſchaften ſind, gerecht und billig finden mögen! Der junge Talbot erbleichte und wurde nachdenkend.

Novellen⸗Jeitung.

So erreichte man das feſtliche Haus, begrüßt von den Matroſen und Arbeitern durch donnernden Zuruf. Hewet, die beiden Grafen an der Hand, ſchritt durch die Gruppen ſeiner Leute die breite Eichentreppe empor in ſein Staatsge⸗ mach, wo ſeltſamer Gedanke für heute! mit Myrthen umwunden, des Lehrlingsſchlechtes Webeſtück in ſeinem alten Glasſchrein ſtand. Die Cavaliere des Grafen, Hewet's Verwandte und Freunde und ſeine Leute folgten, ſo viel der Raum deren nur faſſen konnte.

Zu gleicher Zeit trat durch die Seitenthür Lady Maria Hewet, die ihre Tochter führte, und weißer war nicht das ſeidene Gewand und der bräutliche Schleier, als Katharinens Angeſicht.

Graf Archimbald zog den Federhut, trat, ſeinen Sohn neben ſich, gebückt vor und hielt ſeine Werbung:Daß mein Sohn, Sir Hewet, aus reiner Liebe für Euer edles Kind um ſie freit, ſchloß er,möge Euch mein irdiſches Gut, wie mein Rang beweiſen. Wenn mein Vermögen nur einen Roſenobel weniger beträgt, als das Eure, ſollet Ihr mich als einen unredlichen Mann abweiſen, und obwohl mein Rang nach Gottes Schluß höher iſt, als der Eure, ſo ſtehet Ihr ihme als Vater der Armen, als treuer Unterthan, als ein Vorbild altengliſcher Bürgertugend ig allen Ehren gleich!

Mein edler und terlauchter Graf, Ihr, junger Lord Talbot, Ihr, edle Herrn, die das alte Haus Shrewsbury lieben, und auch Ihr, meine lieben Verwandten und guten Diener, hört mit vollem und aufrichtigem Herzen meine Ant⸗ wort, denn mein Gewiſſen iſt ſchwer! An dem Tage, gerade wo ich das Glück meines Hauſes, die Zukunft meines einzigen Kindes für immer gründen ſoll, meine Seele alſo vor Dank zum Himmel gerichtet ſein müßte, iſt ſie ſchwer und trübe, und ich habe dieſe Nacht in Sorge und Schmerz um das kommende Heute verbracht! Ich ſoll mein Kind verloben und kann es doch nicht thun, ohne ein Herz zerbrechen zu müſſen, tief zu kränken, und da am undankbarſten zu ſein, wo das Geſchick mich zu lauteſter Ergebenheit mahnte. Seht dieſen geſchmückten Schrein an! Er enthälk grobes, graues Tuch und das Gewebe iſt ſo ſchlecht, daß ich es nicht einmal den Armen zur Blöße geben möchte. Aber dies Tuch ſoll, ich ſchwor es vor ſechzehn Jahren, das Brautkleid meiner Tochter werden, denn an dieſem Gewande wob Edmund Osborne, mein braver Lehrling, an jenem Abend, da er mein Kind aus den raſenden Wellen der Themſe rettete. Katharine, Kind,

tritt vor! Willſt Du gehorſam den Mann nehmen, den Dein

Vater Dir beſtimmt hat?

Aengliche Stille rings.Ja, Vater! hauchte die Wankende. Da begann ein unterdrücktes Schluchzen im fernen Winkel; es war Osborne.

Ihr ſeht, erlauchter Graf, ſagte Hewet,ſie wird gehorchen, wenn ich ihr befehle, daß ſie Euer Herrlichkeit Sohn heirathe! Ermeßt aber in Eurem Herzen, ob ſie wohl mit frohem Sinne gehorſamt? Ermeßt, ob ſie nicht ein ge⸗ brochen Herz unter jenem grauen Kleide zum Altar führt? Nie hat Edmund Osborne gewagt, ſeine Augen zum Kinde ſeines Herrn zu erheben, zu dem Kinde, dem er aus Liebe ſein Leben bot. Frei ſind wir Väter beide, urtheilt nun, edler Graf von Shrewsbury, Iyr ſelber, Lord Talbot, ſprecht! Was ſoll der Tuchmacher thun?!

Der alte Shrewsbury neigte finſter ſinnend ſein Haupt zur Erde; er ſchwieg.

Das Urtheil iſt klar, wie Gottes Wille! rief Talbot in edelſter Begeiſterung.Osborne hat ſie gerettet, ſie gehört Osborne!