358 Novellen⸗
ſelig trug, ſind natürlich abgelegt, auch hatte ſie ſchon ſeit ein paar Wochen des Morgens und Abends ihre weißen vorgenommen, die der Herr vor Jahren ſchon gern an ihr ſah. Ich hörte ihn früher, als ſie noch faſt ein Kind war, einmal ſagen:«Tauſendſchön, auch wenn Du alt und grau biſt, mußt Du ſtets weiße Stoffe tragen, das gehört zu Deinem Namen.“ Am Hochzeitsabend ſah ſie wirklich aus, wie ein weißes Blümchen. Der Herr hatte die Pferde befohlen. Als der Tanz losging, ritten ſie Beide nach Kölſen, wo ſie auch ſonſt gern zu ſpazieren pflegten.“
Margarethe hatte ihres Gemahls Vorſchlag, in der köſtlichen Sommernacht den See zu beſuchen, gern angenommen, aber je mehr ſie ſich dem Ufern näherten, um ſo einſilbiger wurde das Paar.
„Mein Liebling,“ begann Carl ſeufzend, als er ſie vom Pferde hob und an ſein Herz drückte,„ich habe Dir von einem Freunde heute noch eine Nach⸗ richt zu bringen. Treudorf, der gute Heinrich—“
„Iſt er todt?“ fragte die junge Frau.„Armer Junge! Wie bedaure ich ihn! Er war ſo luſtig und lebte ſo gern! Aber,“ fügte ſie ruhig hinzu,„ich ahnte die Gefahr des böſen Huſtens. Hat er mir keinen Gruß geſchickt? Der arme Junge! Friede ſeiner Aſche!“
Sie umklammerte den Arm ihres Mannes und lispelte:
„O Carl, er iſt todt und wir ſind ſo glücklich, daß mir bange wird!“
„Ich bringe Dir Grüße und auch einen Brief von ihm,“ ſagte der Baron.„Du wirſt ihn bei dem hellen Mondlicht leſen können.“
Margarethe wollte das Schreiben, welches er ihr reichte, einſtecken.
„Gelegentlich, nicht jetzt, nicht hier.
„Lies immer,“ meinte er.„Heinrich wünſchte, es ſolle in der Stunde meiner Rückkehr geſchehen.“
Tauſendſchön erröthete ſchmerzlich, öffnete das Couvert aber doch. Plötzlich klatſchte ſie jubelnd in die Hände und rief:„Auch das noch! Dieſe Freude heute an dem himmliſchen Tage! O, nun wirſt Du kein Mißtrauen, keine Bitterkeit gegen Deine arme kleine Gänſeblume mehr haben, die doch nie eitel und abtrünnig war!“
„Heinrich würde ſagen,“ murmelte der Baron, „biſt Du Thor, den Eiferſucht blendete und verwirrte, befriedigt?“
„Ismanda,“ las die junge Frau.„Ismanda, das iſt ein prächtiger Name und die Braut iſt gewiß auch ſchön und edel. Und ich, ich möchte um keinen Preis Ismanda ſein, aber,“ ſetzte ſie ſchauernd hinzu, während ihr Blick ängſtlich nach den Schloßzinnen
Zeitung. 1
drüben über den Baumkronen flog,„Du, mein Karl, darfſt mich auch niemals, niemals wieder neben Sidonie
nennen.“ „Niemals!“ ſprach feierlich der glückliche Mann. „Laß uns jetzt heimkehren, mein Liebling.“
Dichterkränze.*)
Vier Sonette. 1. Goethe.
Ein Sänger, von Hellenengeiſt durchdrungen, Ein auserkorner Liebling der Kamönen,
Ein Prieſter am Altar des Ewig⸗Schönen, Das war der Dichter, der den Fauſt geſungen.
Er hat ſich zum IWmp emporgeſchwungen!
Die Saiten ſeiner gold'nen Leier tönen
Der Lyra gleich, die einſt, von Götterſöhnen Geſchlagen, hoch auf dem Parnaß erklungen..
Als ein Prophet der Kunſt auf lichter Wolke Ward Goethe's Nam' im Himmel angeſchrieben Von Genien der Schönheit und der Wahrheit.
Da leuchtet er für ewig. Doch dem Volke War er doch nur(und iſt es auch geblieben) Ein ferner Stern von wandelloſer Klarheit.
2.
Schiller.
Wie ein Geſtirn in tauſend Farben ſprühend, Hob ſich ſein Geiſt in ideale Ferne!
Ihn trug, von Thatendrang und Freiheit glühend, Sein Flug„bis an des Aethers bleichſte Sterne.“
Ein ewig Reich, in Jugendfriſche blühend, Wächſt hoch empor aus ſeiner Dichtung Kerne. Das arme Volk, ſich nach Erlöſung mühend, Das lauſcht dem Klange ſeiner Harfe gerne.
Es lauſcht und läßt die herrlichen Gedanken Des Meiſters nicht im todten Buche prangen; Es läßt ſie rauſchend durch die Herzen ſchweben.
*) Aus: Wilde Ranken. Gedichte von H. Harberts. Emden, Verlag von W. Haynel. 1867.
ͤ— d
b


