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„Schlaf, lieber Hund,“ ſagte ſie.„Wundere dich nicht über das luſtige Treiben in dieſem armen herrenloſen Hauſe.“
Sie drückte die naſſen Wangen in das Kiſſen, verließ aber mit Tagesanbruch ihr Lager, denn ſobald ſie die Augen ſchloß, ſtürmten wilde, ängſtigende Traumbilder auf ſie ein. Sie öffnete von Neuem das Fenſter und mit dem erſten Lichtſchimmer zog auch wieder Stille und Ergebung in ihr krankes Herz. Eine Schaar weißer Tauben nahm ihren Weg über das Dach.
„Das ſind Friedensboten,“ ſägte die junge Frau; „ſie fliegen hinüber zum Hof. Ein gutes Zeichen für Marie. Ihr Mann ſoll die Verwalterſtelle erhalten, ſeitdem der gute Inſpector zu ſchwach für den Dienſt wird. Er kündigte ſeine Heimkehr an, um Johaun in das Amt einzuführen. Sie werden mir wenigſtens von Carl erzählen.“
Tauſendſchön erröthete tief.
„Vielleicht kommt auch ein Brief. O Gott, nur nicht wieder Geſchäftsſachen! Carl ſchreibt mir aus⸗ führlich und eingehend in Alles, was das Haus betrifft. Warum denn niemals ſo wie ſonſt, da er nur nach dem fragte, was mich anging, mir rieth, mich belehrte, mir jede kleine Frage genau beantwortete? Dagegen jetzt immerfort Nachrichten von dieſem armen Heinrich, der mir ſo entſetzlich gleichgültig iſt!“
Die junge Frau hatte ihre Toilette beendigt. Ihr weißes Mützchen, das gleiche Gewand paßten zu dem zarten troſtloſen Geſicht.
Sie ging zum Gartenſaal hinüber, ihr Frühſtüͤck einzunehmen. Ungeachtet der ſehr frühen Stunde war Alles bereit, denn mehrere Mägde waren gar nicht zu Bett gegangen und Marie lief der Herrin mit ſtrahlendem Geſicht ſchon im Corridor entgegen.
„Gott ſegne Dich, Liebe!“ ſagte Tauſendſchön.“
Das Mädchen klatſchte in die Hände.
„Glück und Segen und lauter, lauter Freude für Sie und uns Alle, liebſte gnädige Frau!“ jubelte Hann'’s Braut und ſprang nach der Küche.
Nero, der wie immer neben der Herrin ſchlich, hob verwundert und aufhorchend plötzlich das graue Haupt. Er ſtieß einen kurzen Laut aus und rannte faſt Mamſell um, die auch ſchon daher kam. In der Thür des Herrenzimmers verſchwand der Hund.
Mamſell blickte ihm verlegen nach. Sie dachte: „Was für einen merkwürdigen Verſtand ſolch ein Thier hat!“
Margarethe ſtand gedankenlos vor der alten Wand⸗ uhr im Saal; die zeigte auf Elf, man hatte ſie wieder nicht aufgezogen.
Nach einer Weile ſprach die junge Frau tonlos:
Novellen⸗Zeitung.
„Es iſt ganz gleich ob ich die Zeit weiß. vergeht wie geſtern. So wird es morgen und immer ſein. Jetzt bricht er an; die Sonne lacht, die Roſe auch. Marie macht Hochzeit; heute kommt Johann— er iſt der Letzte, der vom Feldzug heim⸗ kehrt, denn die Todten kommen nicht. Beate Schwarz iſt allein, ſie wird heute nicht mit zur Kirche gehen; ich aber werde die gute Marie begleiten. Ich! O Gott, und ich bin doch auch alléin, er kommt ja nicht, nicht zu mir, die ich doch ſeine Frau bin!“ Margarethe ſank auf einen Stuhl und flüſterte wie im Traume:
Der Tag
„Soll ich zu ihm gehen und ihn bitten, daß er
wiederkommt in ſein Haus, zu den Seinen, daß er mich an ſein Herz nimmt? Ach, das meine thut ſo weh!“
Mamſell Regine brachte den Kaffee. Die gute alte Seele ließ es ſich, ſeitdem Margarethe als Her⸗ rin heimkehrte, nicht nehmen, ſie, wie die beiden ver⸗ ſtorbenen Frauen von Buch, ſelbſt zu bedienen.
„Das iſt ſchön, Tantchen,“ ſprach Tauſendſchön, auf die beiden ineinander geſtellten Taſſen deutend. „Du willſt alſo heute mit mir frühſtücken. Ich hatte eine böſe Nacht. ſie nach einer Pauſe. heute eintrifft?“
Mamſell trippelte aufgeregt hin und her. Sie warf ſchüchterne Blicke nach der Thür zum Herren⸗ zimmer, dann wieder auf ihre gewaltig große ſilberne
Taſchenuhr, die in einer Kapſelt von Schildpatt an ihrem Schürzengurt hing.
„Was regt Dich auf, Tantchen?“ hub Tauſend⸗
ſchön wieder an.„Nimm Platz!“ „Ach,“ murmelte Regine,„ich habe Dir einen aparten Napfkuchen gebacken, den will ich holen.“
„Die alte Frau wird recht zerſtreut,“ dachte
Gretchen.„Der Napfkuchen ſteht ja mitten auf dem Tiſche. Wo bleibt Nero? Hier iſt die Milch für ihn.“
Sie zertheilte den Kuchen, that davon in den
Milchnapf und denſelben auf den Boden ſtellend rief
ſie nach dem Hunde.
Sie hörte ſein leiſes Schnuppern, ⸗Trappeln und Springen, Kratzen auf der Diele, aber Nero kam nicht durch die angelehnte Thür, vielmehr ſchien er einem leiſen Ruf zu folgen, der ihn vom Saal entfernte.
„Er iſt aufgeregt, wie das ganze Haus,“ dachte— die junge Frau und ſchickte ſich an, die Taſſen zu ordnen.
Da ſank ihre Hand auf den Rand des Tiſches. Sie wurde bleicher wie das Tuch. Man hatte Carl's Taſſe unter das tägliche Geräth geſtellt.„O mein Gott!“ rief ſie laut ſchluchzend. Wie in der Nacht
Wann kommt wohl Johann?“ fragte „Glaubſt Du, daß auch Walther
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