Jahrgang 
1-26 (1867)
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Sie kauerte weinend auf dem Teppich vor ihrem Betſtuhl, die Bibel auf den Knieen.

Gedankenlos wandte ſie die Blätter um. Da fiel ihr Blick auf die Worte, die ſie einſt den Groß⸗ vater hatte ſprechen hören, in der Stunde, als Carl heimkehrte, ſo blaß und traurig:Rufet mich an in der Noth, ſo will ich euch erretten und ihr ſollt mich preiſen.

O Herr, klagte Margarethe,wie oft rief ich Dich an! Willſt Du mich denn nicht hören? Ich habe wohl nicht recht gebetet. Verzeihe mir meine Sünden; denn ich weiß, es war ein großes Vergehen, daß ich meine Liebe in Deinem Dienſt nicht habe vergeſſen können, daß ich die Blutenden und Sterbenden verließ und meinem Herzen folgte. O klagt mich nicht an, Ihr Armen, denen ich Beiſtand gelobt hatte! Beſſere wie ich haben Euch zur Seite geſtanden und ich leide ſchwer genug in meiner Einſamkeit!

Des Pfarrers eindringlichſte Vorſtellungen hatten nicht vermocht, ihre Selbſtvorwürfe zu heben. Sie beharrte darauf, eine Abtrünnige zu ſein, da ſie ſich von ihrem Gatten hatte bewegen laſſen, den Beruf in den Krankenhäuſern aufzugeben, und ſie hielt ſeinen unſeligen Argwohn gegen ſie nun für eine Strafe

des Himmels.

Der Zuſpruch einer älteren Frau oder überhaupt nur einer Freundin würde ſie leichter vermocht haben, eine natürliche Folge in den Ereigniſſen des letzten Jahres zu finden. Aber Tauſendſchön, obwohl weit und breit ein Liebling, hatte doch zu einſam gelebt und ſich geiſtig ganz inſolirt, unter ihres Vetters Ob⸗ hut entwickelt, ſo daß ſie jetzt nicht gewagt hätte, ihre

Norh⸗

Kory einem fremden Herzen anzuvertrauen.

Sie vermied ängſtlich jeden forſchenden Blick, an denen es ſelbſt die Buchenauer nicht fehlen ließen; denn ihre Heimkehr ohne den Gemahl, den ſie nach dem Urtheil der Leute ſtatt Walther doch hätte be⸗ gleiten müſſen, da man ihn noch immer für krank hielt, mußte ſelbſtverſtändlich viel Stoff zum Nach⸗ denken und Vermuthen geben.

Mutter Reetzen hatte geradezu gefragt:

Guädige Frau Baronin, warum tragen Sie zwei Ringe? Die Leute im Dorf ſchwatzen darüber albernes Zeug. Thun Sie einen davon fort, denn Sie ſind ja keine Wittfrau.

Tauſendſchön behielt ihren Trauring am Finger,

den anderen, welchen Carl ſo entſetzt von ſich ge⸗

wieſen, ſchloß ſie in eine Kapſel, die an ihrem Halſe die Locken ihrer Eltern barg.

Sie hatte den Wittwen der Soldaten reiche Ge⸗ ſchenke geſendet. In den letzten Tagen erhielt ſie dafür den Dank und eine der Frauen ſchloß ihr Schreiben mit

Vierle

Folge. 355

den Worten:Mein Mann war ein zu guter Mann, darum iſt er uns fortgenommen. Er hat uns mit ſeiner Hand nur Gutes gethan, und daß ſie uns in unſerer Armuth nach ſeinem Tode noch hielt, das iſt der Beweis. Sie werden auch Glück und Segen von dem Ringe haben, wenn er auch ſehr einfach und gar nicht koſtbar iſt.

In der Nacht, da Margaretheus Herz unter der Muthloſigkeit erdrückt zu werden ſchien, nahm ſie den unſcheinbaren Reif wieder aus dem Medaillon und ſteckte ihn neben den ihren.

Ja, ſagte ſie,ich bin eine Wittwe, oder ſchlim⸗ mer wie das, denn die arme Frau, die mir dankt, hat ihres Mannes Herz doch einſt beſeſſen. Ich aber nicht. Mitleid in der Todesſtunde hat Carl bewogen, mir den Platz zu geben, der einer Anderen gebührt. Denn wenn er mich lieb hätte wie ſein Theuerſtes, wie wäre es möglich, Verdacht gegen mich zu hegen? Er hätte wiſſen müſſen, daß ohne ihn mein Leben troſtlos und elend iſt, daß er ſeit meiner Kindheit mir Alles, Alles war. Hat er mich nicht in jedem Gedanken errathen, meine Worte mit ſeinem Blicke, ſeinem Lächeln, oder Zürnen beantwortet, ehe ſie noch auf meine Lippen traten? Und er ſollte nur das eine nicht gefühlt, geſehen haben, das ich doch nicht aus⸗ ſprechen konnte! O, dieſe Sidonie hat all' die Jahre ihr Recht in ſeiner Liebe behauptet, er täuſcht ſich und mich, wenn er meint, er habe ſie verſchmerzt. Ich war ſein Pflegekind, ein Spielzeug, den Kum⸗ mer ein wenig zu zerſtreuen. Ich bin zu einfach, zu unbedeutend, um die prächtige Frau und ihr Anden⸗ ken zu verdunkeln, vergeſſen zu machen.

Tauſendſchön ſprang auf und preßte die Hände ineinander.

Dennoch, dennoch will ich mit dieſer Sidonie in die Schranken treten. Ich bin ſeine Frau. Ich will Muth faſſen, mir einen Platz erobern, mit Mühe und Ausdauer. Jetzt will ich keiner Anderen mehr weichen; Gott hat ihn mir von den Todten wieder⸗ gegeben. Jetzt gehört er mir allein, denn Sidonie hat ihn und den Bruder verlaſſen, den ſie doch auch für ihren Liebling erklärte. Sie hat lachend und tanzend die Nächte verbracht, während Carl und Heinrich an ihren ſchweren Wunden litten.

Margarethe ſchloß ihr Fenſter und die Gardinen, ſie wollte zu ſchlafen verſuchen, obwohl ihre Stirn fieberhaft glühte.

Außen hatte eine Weile Ruhe geherrſcht. Jetzt tönten wieder Stimmen und Nero kratzte eifrig an der Thür, dann hörte ſie ihn nach dem Corridor laufen, auch dort ſchnuppern und ächzen. Sie lockte ihn zu ſich in das Zimmer.