346 Novellen
in der Nähe genießen konnte. Ihr folgte Peggy Wilverton, eine feiſte Yorkſhirer Dienſtmagd, welche die kleine Miß Kate, das höchſte Glück des Hauſes, trug. In einem der ver⸗ ſchiedenen Arbeitsſäle, welche die Weſtſeite der Manufackur bildeten, ſaß nämlich Edmund Osborne an ſeinem Webſtuhl beim Fenſter, das auf den Hof, oder beſſer geſagt, auf die Brückenpaſſage führte, und verfolgte die auf den Zinnen wandelnden Frauen und das Kind mit ſeinen Blicken, ſo oft ſie in ſeinen Geſichtskreis kamen. Osborne, etwa funfzehn Jahre und einer der vielen Lehrlinge des Geſchäfts, war der einzige Sohn einer armen kränklichen Wittwe, den Sir Hewet aus der Armenſchule von St. Paul auf ſein ehrliches Geſicht hin, und ſeiner fröhlich klugen, nußbraunen Augen wegen in die Manufactur angenommen. Der Knabe rechtfertigte durch Fleiß, Treue und grenzenloſe Dankbarkeit die Güte ſeines Principals, der es ihm ermöglicht hatte, ſogar hin und wieder ſeine Mutter uuterſtützen zu können. Der gute Junge wußte die Summe ſeiner kindlichen Gefühle nicht anders in beſchei⸗ denen Cours zu ſetzen, als durch die anhänglichſte Liebe zu der kleinen blaſſen Miß Kate, ſeines Herrn Tochter. Wo er ihr nur begegnen mochte, küßte er heimlich ihre Händchen, erſann er irgend eine kleine bunte Ueberraſchung, ein Spielzeug, das ſeine Geſchicklichkeit und Phantaſie verfertigte. Miß Kate, ſobald ſie ihn erblickte, rief jauchzend ſeinen Namen und ſtreckte ihm die Aermchen entgegen, um ihn zu umhalſen. Dies Wohlgefallen Kate's bemerkten Herr und Dame Hewet ſehr bald und verſtatteten mitunter, daß Edmund Sonntags nach der Kirche mit dem Kinde ſpielen durfte. Daher ſchweiften auch heute ſeine Augen hinauf zur Zinne und be⸗ gleiteten beſtändig ſeine kleine Gönnerin. Seine Arbeit ging träger und unachtſamer denn ſonſt von der Hand, die Fäden riſſen ihm alle Augenblicke, er ſchürzte die Knoten ſchlecht, und das Gewebe verzog ſich, ſo daß ihm der Angſtſchweiß auf die Stirn trat und er nur noch confuſer wurde. Was war's, das den Knaben ſo aufregte, von ſeiner Pflicht abzog und ſein Auge mit ſeltſamer Bangigkeit nach den Spaziergängern hinaufblicken ließ?— Er hatte noch nie die Themſe ſo unter ſich ſchäumen und brüllen gehört, als an dieſem Abende. Der Werkführer hatte vor wenig Augenblicken erſt gegen einen der Spuler geäußert:„Wenn das Hochwaſſer noch größer wird, möchte die alte Brücke nicht mehr recht zuſammenhalten!“ Dieſer Scherz weckte furchbare Gedanken in dem Knaben und wenn er hinaufblickte, ſeines Herrn Frau ſorglos dahin⸗ wandeln, die Magd, Katharinen auf ihren Armen, mit vor⸗ * witziger Neugier über die Zinne gebeugt ſah, dann überkamd ihn ein unerklärbar Grauen, und als endlich der Werkmeiſter einmal hinausgegangen, ſprang er auf, eilte aus der Werk⸗ ſtatt und, nicht wiſſend was ihn treibe, klomm er haſtig die Treppe zum Dach empor und eilte auf die Oſiſeite, wo eben Frau Hewet weilte. In dem Augenblicke, da er der Gruppe anſichtig ward, glitt Etwas von der Zinne in den Strom! Ein gräßlicher Schrei der taumelnden Magd, der unſeligen Mutter, verkündete das Entſetzliche! Katharina war in die Themſe geſtürzt!— Osborne's Herz ſtand ſtill, ſein Körper bewegte ſich nur willenlos. Er ſtürzte an die Seite der Dame,
ſtarrte hinab, und da— eine Secunde nur, ſah er das Haupt
des Kindes über den Wellen!
„Herr, nimm meine Seele!“ ſchrie er, und hinab im ſauſenden Schwunge ſprang er, und die raſenden Wellen ſchloſſen ſich über Beiden.
Noch einmal kamen ihre Leiber empor, vereint, ver⸗ ſtrickt, dann ward nichts mehr von ihnen geſehen.—
Frau Hewet war zuſammengebrochen. Die Magd rief
„Jeitung.
mit verzweifeltem Kreiſchen um Hülfe, Hewet und die Comp⸗ toiriſten, deren Fenſter der ſpringende Osborne wie ein pfeilſchneller Schatten verdunkelt hatte, ſtürzten empor, die Manufactur ſtand im Nu ſtill.—
„Miß Kate Hewet iſt ertrunken!“ ſo ſtrömten die Ar⸗ beiter zur City an das Ufer und gen Southwark. Alle Hände ſetzten ſich in Bewegung, wenigſtens den Körper des armen Kindes aufzufinden. An Edmund Osborne dachte kein Menſch.
Da ſtand der Millionär, der königliche Kaufmann Londons, deſſen Galleonen auf allen Meeren ſchwammen, bleich, ſtarren Blicks, geſträubten Haars; hielt ſein ohn⸗ mächtig Weib im Arme und murmelte wie wahnſinnig: „Ich habe mein einzig Glück, mein Kind hab' ich verloren!“
Ganz London kam in Alarm. Die Matroſen warfen ſich in die Boote, das Volk ſtand in dichten Maſſen an beiden Ufern, Sheriffs und Aldermen, der Lord⸗Mayor, vornehme befreundete Herren vom Hofe eilten auf die Schreckenskunde zu den unglücklichen Eltern. Umſonſt!— Der Abend ſank, die dicken Londoner Nebel hüllten Stadt und Fluß in fahl⸗ graue Schleier, die Nacht brach an und durch dies trübe Chaos dampften in mattem blutigen Roth gleich Irrwiſchen die Fackeln der fruchtlos im Strome Suchenden. Katharina Hewet war verſchwunden.— Die bleiche Mutter lag in Fieberſchauern und erwachte nur aus der Ohnmacht, um neu in ſie zu verſinken; Hewet ſaß an ihrem Lager unter ſeinen Freunden ſtumpf und wortlos, ach, das Leben hatte für ihn
ſeinen Zweck verloren, er athmete wohl, aber ſeine Seele⸗
empfand nicht mehr.— Niemand vermochte anzugeben, wie das Unglück gekommen ſei, ſelbſt Peggy, die Magd, welche der Sheriff ſogleich nach dem Gefängniß von Newgate bringen laſſen, hatte jedes Gedächtniß für das Ungeheure verloren. König Heinrich VIII. befahl alsbald, daß für dieſe Nacht die Brückenthore nicht geſchloſſen werden ſollten und hatte ſeine Leibgarde geſendet, dieſelben zu bewachen, wie unter den wogenden Volksmaſſen Ordnung zu halten. Mitternacht faſt war's und ſtill in dem weiten, reichen Hauſe, ſtumm wie das Elend und die Verzweiflung.—
Da, in der Ferne klingt's wie Tumult, wie ein Halo aus tauſend Kehlen. ein Fenſter auf.
„Gerettet! Gefunden! Es lebe Osborne!“ N dann näher, deutlicher.
„Osborne? Wer iſt das, Hewet? Man hat Euer Kind gefunden, Freund; faßt Euch! Dieſer Osborne ſcheint es ge⸗ funden zu haben!“
„Osborne? Edmund Osborne?“ fragte Hewet wie im Traume.„Ach, es iſt mein Lehrling, der armen Kate Lieb⸗ ling!“— Plötzlich ſtand er auf und ſtürzte an's Fenſter.
„Sie lebt!— Sie leben Beide!— Hurrah dem Lehr⸗ jungen! Altengland für immer!“ brauſte es tauſendfach, und wie eine ſchwarze Wetterwolke von Blitzen durchzuckt, ſo, vom Fackelſcheine umſprüht, ſtrömte die wogende Maſſe des Volkes zur Londonbrücke, ſo daß das Fallgatter des nördlichen Thores von des Königs Leuten geſchloſſen werden mußte, um dem Andrange zu wehren.
Wohl hörte Hewet die frohlockende Kunde, aber ſein Herz glaubte das Unmögliche nicht.„Aus dem Grabe kommen die Todten nicht wieder, die Fluth giebt ihr Opfer nimmer dem Leben zurück!“
Doch, an Dorſet's Hand, von Matroſen, Soldaten und einigen Beamten begleitet, trat Edmund Osborne in ſeines Herrn Trauergemach, auf ſeinen Armen die blaſſe, noch
ern,
Der Herzog von Dorſet reißt ſogleich


