Jahrgang 
1-26 (1867)
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mals jene andere Sorte von Gemüth kennen lernen, die aus ihren gährenden Tiefen vulcaniſche Gebilde der Dichtung emporwälzt, und bei welcher man nicht blos dieGemüthlichkeit einbüßt, ſondern es auch erleben kann, von Phyſiognomikernkalt geſcholten zu werden!

Die Reden meines Nero ſollen, wie man ſagt, zuweilen eine allzumoderne Färbung haben. Ich für meine Perſon wüßte mich keiner ſolchen Stelle zu erinnern. Die Gedanken ſelbſt verſtoßen kaum irgendwo in gröblicher Weiſe gegen die Zeitepoche, und moderne Ausdrücke(wieKokette oderPhleg⸗ ma) gebrauche ich ungefähr mit demſelben Rechte, mit welchem ich die Perſonen meiner Dichtung deutſch und nicht lateiniſch ſprechen laſſe.

Da es in meiner Abſicht lag, ein Zeit⸗ und Sitten⸗ bild zu liefern, ſo habe ich wenigſtens gefliſſentlich

Novellen⸗Zeitung.

nirgends die Wahrheit des Gemäldes durch ein Hin⸗ eintragen moderner Elemente geſtört. Nebenbei will ich nicht verſchweigen, daß ich, auch wenn ich nicht ſo gehandelt hätte, doch nicht glauben würde, ein unbe⸗ dingt verwerfliches Werk geſchrieben zu haben. Es ſei mir erlaubt, bei dieſer Gelegenheit einmal auf einen Umſtand aufmerkſam zu machen, der ſonſt nicht viel erwogen wird. Ich glaube bemerkt zu haben, daß es eine doppelte Weiſe der poetiſchen Behand⸗ lung hiſtoriſcher Stoffe giebt: eine ſtreng hiſtoriſche, und eine ſolche, bei welcher die Begebenheit, alles zeitlichen und örtlichen Colorits entkleidet, zum Motiv einer rein menſchlichen Lebensdarſtellung gemacht wird. Alle älteren Literaturen kennen nur dieſe letztere Be⸗ handlungsweiſe. Nicht blos der naive altdeutſche Helden⸗ ſang macht Griechen und Römer zu germaniſchen Recken; das ſtylvolle, ſeiner Richtung ſichere ſpaniſche Drama bildet die Helden aller Zonen zu wackeren ſpaniſchen Rittersleuten um; Shakeſpeare's römiſche Volksmänner ſprechen unbedenklich den Jargon, den die getreuen Unterthanen der Königin Eliſabeth verſtanden. Von den Helden der franzöſiſchen Bühne will ich gar nicht reden. Das eigentliche hiſtoriſche Drama mit ſtrenger Localfärbung iſt eine ſchätzbare Erfindung der Deut⸗ ſchen, die bei der Zerfahrenheit ihrer Richtungen, bei

ihrem Mangel an einem feſtſtehenden nationalen Formen⸗

genommen. Ich bin zufrieden, wenn man in dieſer Beziehung nicht mehr von mir verlangt, als von allen andern Dichtern und nicht ganz vergißt, daßhiſto⸗ riſche Treue im Epos und Drama immer etwas Con⸗ ventionelles an ſich hat, und daß ein Dichtwerk, in welchem der Held nur ganz genau ſo denkt und ſpricht, wie ſein hiſtoriſches Original denken und ſprechen konnte, ſchwerlich irgendwo gefunden wird.

Unmöglich iſt es heutzutage, daß der Held einer Dichtung peſſimiſtiſche Anſichten ausſpricht oder ein Wort vomWillen fallen läßt, ohne daß der Leſer ausruft:Aha, Schopenhauer! Aber ein Blaſirter, wie Nero, wird immer auch Peſſimiſt ſein, und was den Willen betrifft, ſo beruht ja die Tyrannei eben auf der übergreifenden, dämoniſchen Willensenergie in einem Individuum, ſo zu ſagen auf einer Superfötation des Willens; ſie wird alſo nothgedrungen und un⸗ abſichtlich, wenn ſie in einer gewaltigen und tiefen Natur, wie Nero, ihrer ſelbſt bewußt wird, an die Grundſätze einer Philoſophie zu gemahnen ſcheinen, die den Willen als oberſtes Princip der Individua⸗ lität und alles Seins überhaupt erfaßt.

Gegen die Beſchreibungen, welcheAhasverus in Rom enthält, iſt Leſſing's ehrwürdiger Schatten citirt worden. Aber dieſe Beſchwörung hat für mein Gewiſſen nichts Erſchütterndes. Was ſagt der Autor desBaocoon? Daß der Maler das Nebeneinander, der Dichter das Nacheinander am beſten ſchildern könne und daher auch ſolle. Wie aber, wenn ich als Dichter das Nebeneinander in ein Nacheinander auf⸗ löſe? Wollte ich die Toilette der ſchon angekleideten Agrippina ſtückweiſe beſchreiben, ſo würde ich gegen Leſſing ſündigen. Augen des Leſers ankleidet und ich das Bild in eine Reihe ſucceſſiver Momente auflöſe, die von Aeuße⸗ rungen des ſubjectiven Lebens durchwebt ſind, ſo mache ich mich keiner Verletzung der Grenzen zwiſchen Malerei und Dichtkunſt ſchuldig, und Leſſing kann in ſeinem Grabe ruhig ſchlafen. Daß die Scene ſo ausführlich geſchildert wird, hat ſeine Berechtigung darin, daß

der gleich darauf folgende Untergang der Agrippina, wie ich glaube, von doppelt erſchütternder Wirkung iſt, nachdem ſich das herrliche Weib ſo ſorgſam und

ſtyl in der Literatur, zum Experimentiren und Erfinden mit ſo hochfliegenden Erwartungen geſchmückt. Die

immer beſonders aufgelegt ſind. in Deutſchland noch

ältere Weiſe zurückgreifen. Die Verſuche der Romantiker Hebbel's Holofernes und Golo haben Es ſind keine Aſſyrer oder mittel⸗ alterliche Deutſche, ſondern Idealmenſchen außer aller Zeit. Ich ſelbſt habe, wie geſagt, eine ſolche romantiſche Licenz für mein Werk nicht in Anſpruch

ſind bekannt. den Hegel geleſen.

Es giebt aber auch immer Dichter, die auf jene falls nicht als todtes Inventar, ſondern als Hebel

Herrlichkeiten des goldenen Hauſes benutze ich eben⸗

pſychologiſcher Darſtellung, indem ich die Seelen⸗ ſtimmungen Nero's an denſelben ſich entwickeln und zum Ausdruck gelangen laſſe.

V Noch einmal, wir haben unſere Freude an der uUnbefangenheit gehabt, mit welcher der junge Dichter

Aber wenn Agrippina ſich vor den.

ſeine Auffaſſungen und Intentionen aufrecht zu erhalten