Jahrgang 
1-26 (1867)
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Dierte Folge. 331

Böllerſchüſſe ſich in Kanonenſalven verwandelt hatten, hielt auch ſchon die Kaiſerin im ſechsſpännigen offenen Wagen

6 1 Ehren eingeladen hatte.»Il faut bien que je vous fasse b les honneurs de ma maison,« ſagte er lachend, und bat

uns, ihm zu helfen, die wackelnden Tiſchplatten zu ſtützen und auf dem improviſirten Buffet die Flaſchen und Gläſer zu ordnen.

Als aber gleich darauf ein paar Chaſſeurs zur Aus⸗ hülfe kamen, überließ ich ihnen die Sorge für die Tafel und ging noch eine Weile draußen in den Zeltreihen auf und ab. Ein glücklicher Zufall ließ mich mit dem Profeſſor Monnier, dem Erzieher des kaiſerlichen Prinzen, zuſammentreffen. Ich kannte Monnier von der Sorbonne her, als er noch wie wir andern gewöhnlichen Sterblichen dort aus⸗ und einging; nach ſeiner Erhebung(denn den Namen verdient doch gewiß ſeine Ernennung) hatte ich ihn nicht wiedergeſehen.

Die Gelegenheit war zu günſtig, um nicht den Profeſſor, der mir mit alter Herzlichkeit entgegenkam, zu bitten, mich ſeinem Zögling vorzuſtellen. Monſieur Monnier lächelte und antwortete:Mon cher, das iſt keineswegs ſo leicht, wie Sie zu glauben ſcheinen; der kleine Prinz iſt längſt eine hohe Perſon geworden, und um eine wirkliche Audienz zu erhalten, müſſen Sie ſich an den Oberkammerherrn, den Herzog von Baſſano wenden, und auch an den müſſen Sie, als Ausländer, ſich erſt durch Ihren Geſandten empfehlen laſſen. So will es die Hofetikette. Aber, fügte er beſchwichtigend hinzu, als er ſah, daß ich ein langes und verdrießliches Geſicht machen wollte,hier ſind wir eben nicht bei Hofe und wir können die Etikette umgehen. Kommen Sie einfach mit mir hinüber in unſern Garten, als ein Freund, der mich beſucht, und wir werden dort ſehr wahrſcheinlich den Prinzen mit einigen kleinen Cameraden finden.

So geſchah es auch, und das Glück, das mir ſchon ſo oft in ähnlichen Fällen günſtig geweſen, blieb mir auch hier getreu. Wir fanden den Prinzen, ganz wie es der Profeſſor geſagt hatte, im Garten und in Geſellſchaft zweier Knaben ſeines Alters, der eine, wie ich nachher erfuhr, ein Sohn des Generals Fleury und der andere ein Sohn des Doctors Conneau. Im Hintergrunde, zur Completirung der Scene, zwei betreßte Lakaien in rothſammetnen Kniehoſen und weiß⸗ ſeidenen Strümpfen. Die Knaben eilten ſofort auf uns zu und der Prinz begrüßte den Profeſſor ſehr herzlich; mich, der mit gezogenem Hute ehrerbietig vor ihm ſtand, ſah er anfangs neugierig an, als aber Monſieur Monnier mich als ſeinen Freund vorſtellte, gab er mir ungenirt die Hand und zog uns

unter dem Triumphbogen, und nahm mit der größten Freund⸗ lichkeit eine Menge Blumenſträuße entgegen, die ihr die weiß⸗ gekleideten Mädchen des Ortes überreichten. Zuletzt wurden der Sträuße ſo viel, daß die neben der Monarchin ſitzende Herzogin von Montebello dieſelben auf den Rückſitz des Wagens aufbaute und eine hohe Blumenmauer daraus machte. Der kaiſerliche Prinz ſprengte auf ſeinem Pony herbei, be⸗ grüßte die Mutter und ritt, als ſich der Zug nach dem kaiſer⸗ lichen Pavillon in Bewegung ſetzte, rechts neben dem Kutſchen⸗ ſchlage, ganz wie ein dienſtthuender Stallmeiſter. In drei andern vierſpännigen Wagen befand ſich das Gefolge; in dem erſten Wagen erkannte ich Fräulein Bouvet, die Vorleſerin und mehr noch die Freundin der Kaiſerin, und zur Zeit viel⸗ leicht die reizendſte weibliche Erſcheinung bei Hofe.

Aber für uns hatte damit die Abſchiedsſtunde geſchlagen, wollten wir anders nicht das Kaiſerfeſt des kommenden Tages in Paris verſäumen. Wir blieben aber doch bis zum Abend, um den großen Fackel⸗Zapfenſtreich(»la retraite aux flam- beaux«) mit anzuſehen. Der Anblick war wirklich feenhaft. Gegen ſechshundert Soldaten, jeder mit einer brennenden Fackel, bilden ein weites Carré; die Muſikcorps von allen Regimentern kommen alsdann aus ihren verſchiedenen Quar⸗ tieren ſtill herangezogen und ſtellen ſich in jenem Carré auf; ein Kanonenſchuß giebt das Signal zunächſt zu einem gewal⸗ tigen Trommelwirbel und dann zur Muſik ſelbſt. An jenem Abend wurde der Meyerbeer'ſche Schiller⸗Marſch geſpielt, und man kann ſich die Wirkung jener ſchönen Compoſition bei einem ſolchen Orcheſter leicht vorſtellen. Mit der Natio⸗ nalhymne»partant pour la Syrie« ziehen zuletzt die ver⸗ ſchiedenen Muſikcorps wieder davon, jedes einzelne von zehn bis zwanzig Fackeln begleitet, ſo daß der Platz vor dem kai⸗ ſerlichen Pavillon endlich ganz leer wird. Aber mit Aug' und Ohr verfolgt man nun die verſchwindenden Lichter und Klänge; zuletzt leuchten und wehen nur noch einzelne Funken und Töne herüber, bis auch dieſe in der Ferne und in der Nacht verſinken. Ein wahrhaft poetiſcher Schluß des lauten, glänzenden, vielbewegten Lagertages, und auch wir wüßten unſern Bericht, der freilich nur ein ſchwaches, unvollkommenes Abbild des großen Ganzen gegeben, nicht beſſer und paſſender zu ſchließen. L.

dann in eine Seiten⸗Allee, wo ein kleiner Schießſtand ein⸗

gerichtet war. Zwei andere Lakaien hielten die Scheibe und Der Süden im Norden.

4 vol⸗ die Armbrüſte, und die jungen Herren ſetzten ihr Spiel fort. Daß Island, welches jetzt entvölkert und beinahe eine undeCharles ſchießt immer ſchlechter als ich, rief der Prinz, Eiswüſte iſt, früher ein ganz erträgliches Klima nebſt Getreide⸗ durcj indem er ſich zu uns wandte,aber er thut es abſichtlich, um bau und mannigfache Cultur beſaß, läßt ſich hiſtoriſch nach⸗ eren mich gewinnen zu laſſen. Charles, der Sohn Fleury's, weiſen. Ueberraſchender jedoch iſt es, jetzt annehmen zu

zän betheuerte lachend, er könne nicht beſſer ſchießan; aber Louis dürfen, daß eine mehr als gemäßigte Zone bis zum Pol

4* Conneau zeigte uns triumphirend ein ſilbernes Pfeifchen, das reichte. Nicht die Menſchengeſchichte, ſondern die Geologie vuuſ er bereits gewonnen hatte, und blies auch eine Melodie darauf, that dies neuerdings dar.

ontra

Es ſind vielleicht fünf bis ſechs Jahre her, ſeit man zu Atanakerdluk, an der Nordküſte von Grönland, unterm 70. Grade nördlicher Breite, mitten im ewigen Eiſe der Polar⸗ welt, eine mächtige Ablagerung verſteinerter Pflanzen ent⸗ deckte. Zahlreiche Proben dieſer merkwürdigen Verſteine⸗ rungen gelangten ſeitdem nach England, und da die dortigen Gelehrten nicht recht wußten, was ſie daraus machen ſollten, ſchickten ſie dieſelben zur Prüfung an den berühmten deutſchen Geologen Profeſſor A. O. Heer in Zürich, der denn auch dem Gegenſtande ſeine beſondere Aufmerkſamkeit geſchenkt und kürzlich ein intereſſantes Gutachten darüber abgegeben

ſo gut er konnte. Der Prinz trug ſeine bekannte Corporals⸗ d1. Uniform mit dem Kepi und ſah allerliebſt aus.

Der Telegraph hatte die Ankunft der Kaiſerin mit großem und hohen Gefolge auf drei Uhr Nachmittags ſigna⸗ liſirt. Dieſe Nachricht brachte neue Bewegung in das Lager, und aus Chalons und der übrigen Umgegend zogen ſtets neue Menſchenmaſſen heran, alle nach Mourmelon hin, wo eine zweite Ehrenpforte erbaut worden war, und wohin ſich auch

der Kaiſer mit ſeiner Suite begab, als die erſten Böllerſchüſſe staſt das Eintreffen des Extrazuges auf dem nahen Bahnhofe an⸗ zeigten. Nach zehn Minuten, während welcher Zeit die