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Vierte
Des Alters Stempel haſt du aufzuprägen.
Und Tag und Nacht halt an zu ihrer Pflicht; Zum Recht das Unrecht zwinge dein Gericht;
Den Bau des Stolzes haſt du zu erſtürmen,
Mit Staub das Gold zu decken auf den Thürmen.
„Den Wurm durchbohren laß der Fürſten Mal, Vergeſſen füttre mit Zertrümmerung;
Des alten Raben Schwinge rupfe kahl;
Der Bücher Inhalt mache wieder jung;
Dörr' alte Eichen, junge bring' in Schwung; Von Alterthümern friß ſo Stahl als Eiſen
Und laß das Rad des Glückes ſchwindelnd kreiſen.
„Mit Töchtertöchtern magſt du Frauen freuen,
Das Kind zum Mann, den Mann zum Kinde machen, Das Einhorn bänd'gen und den wilden Leuen,
Die Zähne ſtehlen aus des Tigers Rachen;
Mit Schlauheit auch des Schlauſten Liſt verlachen, Den Landmann mit der Aehren Gold beſchenken
Und Waſſertropfen in den Marmor ſenken.
„Mit jedem Schritt zertritt dein Fuß ein Loos, Und magſt ihn doch nicht wieder heimwärts rücken: Gingſt du zurück oft eine Stunde blos,
Du möchteſt Hunderttauſende beglücken:
Sie könnten ſich wie böſe Schuldner drücken.
O ſchlimme Nacht, zurück nur Eine Stunde, Mied' ich den Sturm und ginge nicht zu Grunde.
„Laß, athemloſe Magd der Ewigkeit,
Den flücht'gen Sextus hemmen Wall und Hecken; Erſinne jenſeit aller Möglichkeit
Ein Mittel, daß ihn die Gedanken ſchrecken
An dieſe Nacht, und böſe Geiſter necken.
In Teufel jeden Buſch auf ſeinem Pfad Verwandl' ihm das Bewußtſein dieſer That.
„Laß Nachts die Ruh ihm böſe Träume nehmen,
Im Bette ſollen ihn die Truden drücken;
Mißlingen laß ihm jedes Unternehmen;
Im Leide ſoll kein Mitleid ihn beglücken; Steinharte Herzen laß ſein Herz zerſtücken. Selbſt Frauenherzen, ſonſt doch ſanft und mild, Sie ſeien wider ihn wie Tiger wild.
„Ihm gönne Zeit, ſein krauſes Haar zu raufen, Ihm gönne Zeit, ſich ſelber zu zerfleiſchen;
Ihm gönne Zeit, aus dieſer Zeit zu laufen,
Zeit gönn' ihm, als gepeitſchter Sclav zu kreiſchen; Zeit gönn' ihm, was kein Bettler mag, zu heiſchen. Und Zeit zu ſehn, wie ihm ein Stück zu geben Auch Die verſchmähn, die von Almoſen leben.
„Ihm gönne Zeit, die Freunde zu erboſen
Bis Thorenwitz nach ihm die Pfeile ſchießt, Ihm Zeit zu ſehn, wie träg' dem Freudenloſen Die Zeit verſtreicht, die nur zu ſchnell verfließt, Wenn ſie im Flug' der Glückliche genießt.
Er habe Zeit, die Unthat zu bedauern,
Und Zeit, um die mißbrauchte Zeit zu trauern.“
Folge. 329
Der Ueberſetzung iſt Gewandtheit und Neigung für Treue nicht abzuſprechen, dagegen wird aber auch an vielen Stellen deutlich, daß der correcten Schönheit der Sprachfügung und Versbildung, der Satzconſtruction und Eurhythmik hier und da mit Leichtfertigkeit ent⸗ gegengetreten iſt.
Daſſelbe läßt ſich auch über die Verdeutſchung der andern Stücke ſagen. Manchen poetiſchen Reiz, aber auch viel Mühen bietet Venus und Adonis der Uebertragung dar, dieſes kleine Epos, das ſich für unſere heutigen Begriffe in einer ſehr wankenden, oft widerlichen Specialſchilderung ſinnlicher Triebe und mythologiſcher Potiphargelüſte verliert. Wenn auch darin zum Leide der blutdürſtigen Venus— Dank dem wohlthätigen Eber— die That nicht triumphirt, ſo thut es doch deſto kräftiger die Schamloſigkeit des Liebeswahnſinns, mit welcher der Dichter ſeinem Zeit⸗ geſchmack und dem Rauſche ſeiner Jugend ein Brand⸗ opfer gebracht hat. Die Erklärung iſt zugleich die Entſchuldigung, welche ſich aus den damaligen lite⸗ rariſchen Zeitzuſtänden von ſelbſt ergiebt.
Die Sonette hat Simrock nach der Ordnung der engliſchen Ausgabe aufeinander folgen laſſen und er thut gewiß ſehr wohl, von allen Hirngeſpinnſten der Ausleger abzuſehen, die ſich bis jetzt ſo viele Auslagen an Unſinn und Verſchrobenheit und ſo wenig an ge⸗ ſunder Vernunft und unbefangener Auffaſſung gemacht haben, daß ſie ſich keinen Credit damit verſchaffen konnten. Das fortwährende Interpretiren, Deuteln und Regenwürmergraben nach biographiſchen Be⸗ ziehungen iſt eine Zeitkrankheit, die beſonders bei vielen Vertretern des modernen Shakeſpearecultus zu einer anſteckenden Narrenſeuche wurde. Sie iſt für den freien unbefangenen Genuß der poetiſchen Schön⸗ heit eine beinahe ſo ekelhafte Störerin, als jene Epi⸗ demie der Gegenwart, welche ich die Tendenzkrätze nennen möchte, da es ſie immer juckt, allen Dich⸗ tungen Shakeſpeare’'s das durch die Dienerin Poeſie ausgeführte Programm eines ſogenannten moraliſchen Grundgedankens als magenſtärkendes Küchenrecept unterzuſchieben. Dieſe Auslegungen, bei welchen ſich noch beſſer als beim Profanismus des ſcharfſinnig naturaliſtiſchen Böotiers Rümelin die längſten Abhand⸗ lungen und ſchönen Phraſen gleich Kartenhäuſern aufbauen laſſen, erblicken in den Werken des Briten einen tiefſinnig claſſiſchen Rebus, während ihre Löſung deſſelben einige Aehnlichkeit mit einer Röſſelſprung⸗ Aufgabe hat,— es kommt darauf an, daß man die Richtung des Princips und den Athem nicht verliert. Die auch in England graſſirende Sucht, welche ſolche Maculaturen hervorruft, iſt, wie geſagt, ein Hautleiden, in dem manches proſaiſche Philoſophenfell ſeine poe⸗


