328 Novellen⸗Jeitung.
deren anderer Bodenſtedt mit mehreren unterſtützenden Kräften arbeiten. Man darf getroſt behaupten, daß dieſe Uebertragungen in ihrer Geſammtheit ſehr nütz⸗ lich ſind, wenn auch bei einzelnen Stücken deren drin— gendes oder nothwendiges Bedürfniß beſtritten werden kann.„Durch möglichſt vieler Zeugen Mund wird allzumeiſt die Wahrheit kund“ läͤßt ſich auch beim Ueberſetzen ſagen, denn es iſt ein Bezeugen deſſen, was der fremde Satz in der Mutterſprache heißen ſoll. So hat ſich z. B., um nur einen Fall zu er⸗ wähnen, Dingelſtedt's neueſte Uebertragung des Sturms, mit allen andern verglichen, in Bezug auf Klarheit und geſund natürlichen und zugleich kurzen Ausdruck beachtenswerthe Verdienſte erworben.
Auch von Jordan ließen ſich einige treffliche Ar⸗ beiten rühmen, und was die Shakeſpeare'ſche Lyrik anbetrifft, ſo hat Bodenſtedt durch geſchmackvolle Ver⸗ deutſchung der Sonette alle Rivalen hinter ſich gelaſſen.
Das vorliegende Buch von Simrock bringt dieſe Sonette gleichfalls und fügt noch als die übrigen lyriſchen Producte hinzu: Venus und Adonis; Tar⸗ quin und Lucretia; der Liebenden Klage; der ver⸗ liebte Pilger, und: Lieder aus den Dramen.
Um Breite zu vermeiden, möchte ich nicht gern als unbekannt vorausſetzen, daß man an die Lyrik der Shakeſpeare'ſchen Zeitepoche vermöge der äſthetiſchen Anſchauungen derſelben einen anderen kritäſchen Maß⸗ ſtab anlegen muß, als er für unſere Tage vorgeſchrie⸗ ben iſt. Sowohl im poetiſchen Gedankengehalt,— wenn wir von den Sonetten abſehen,— als in der nicht ſeltenen Gelungenheit der Uebertragung wird Tarquin und Lucretia das intereſſanteſte Stück ge⸗ nannt werden müſſen. Ich will davon eine Probe mittheilen, die den Geiſt gebildeter Leſer in Erregung ſetzen wird durch die Macht der Shakeſpeare'ſchen Vorſtellungen, Vergleiche und poetiſchen Empſindungen. Nachdem Lucretia in Abweſenheit ihres Gatten Collatin von deſſen treuloſem Waffengefährten, dem Prinzen Tar⸗ quinus hinterliſtig auf ihrem Landſitze beſucht und eine ſchuldloſe Beute ſeiner zügelloſen Gewaltthätig⸗ keit geworden iſt, wendet ſie ſich in einer verzweif⸗ lungsvollen Selbſtbetrachtung gegen die„Gelegen⸗ heit“, welche zu böſen Thaten Raum ſchafft und klagt dieſe„Kupplerin“ allen Frevels an. Es braucht kaum er⸗ wähnt zu werden, daß ſich bei den nachfolgenden Be⸗ trachtungen in der Anſchauung Shakeſpeare's die Be⸗ griffe„Gelegenheit“,„Zeit“ und„Zufall“ mit wenig ſtrenger Logik identiſiciren und combiniren. Hören wir dieſen Erguß:
„Ja, deine Schuld, Gelegenheit, iſt groß, Denn dem Verrath hilfſt du erſt zum Verrath, Du ſtellſt das Lamm dem Zahn des Wolfes bloß,
Du biſt der Anlaß jeder Miſſethat.
Zu Raub und Diebſtahl giebſt du guten Rath. In deiner dunkeln Höhle ſitzt der Mord, Schleppt ungeſehn der Pilger Seelen fort.
„Durch dich bricht die Veſtalie die Geſetze; Du ſchürſt ſo lange, bis die Scham zerrinnt. Du Volksverführerin, verrufne Metze,
Die Treu und Redlichkeit ermordeſt blind, Du lockſt der Schande bis das Lob entrinnt. Durch dich verwandelt Honig ſich in Galle, Verführerin, verrätheriſche Falle!
„Dein heimlich Feiern wird des Landes Schmach, Dein Sonderfeſt ein öffentlich Entbehren.
Man ruft zum Schimpf ſich deine Titel nach; Dein Süßmaul läßt uns bittern Wermuth zehren. Kurz mögen deine Eitelkeiten währen.
Wie kommt's nur, ſchändliche Gelegenheit,
Daß ſie dich Schlimme ſuchen weit und breit?
„Wann nimnſt du wohl dich des Verlaßnen an Und zeigſt ihm, wo dem Flehn Erhörung werde? Wann haſt du Einhalt je dem Streit gethan, Wen losgekauft von knechtiſcher Beſchwerde? Wem liehſt du Troſt und Rettung aus Gefährde? Der Arme, Lahme, Blinde, Kranke ſchreit
Nach dir und trifft dich nie, Gelegenheit!
„Der Kranke ſtirbt, indeß der Arzt ſich ruht,
Der Vormund ſchwelgt, die Waiſe lernt entbehren; Vorkehrung ſäumt, es wächſt der Seuche Wuth; Der Richter tafelt bei der Wittwe Zähren:
Zur Wohlthat magſt du nimmer Zeit gewähren;
Doch wenn Verrath, Raub, Mord, Gewaltthat raſen,
Dazu hat deine Stunde ſtets geblaſen.
„Wenn Recht und Pflicht um Beiſtand dich erſuchen,
So haſt du ſie zu weigern tauſend Gründe.
Sie zahlten gern; doch pflegſt du nichts zu buchen. Umſonſt zu Hülfe kommſt du bei der Sünde, Weißt ſie zu fördern Schliche viel und Fünde. Mein Gatte wäre ſtatt Tarquins zu mir Gekommen; doch er ward gehemmt von dir.
„Mißſchaffne Zeit, du Spießgeſell der Nacht,
Die alles Unheils grauſer Bote biſt,
Die Jugend gern zum Knecht der Lüſte macht, Der Tugend Fallſtrick, Apfel allem Zwiſt,
Du nährſt und mordeſt Alles was da iſt. Erhöre mich, du Wimpel auf dem Dache!
Mit mir, die nun befleckt, ein Ende mache.
„Wer hat in deinem Dienſt, Gelegenheit,
Um meine Ruheſtunden mich gebracht?
Mein Glück zerſtört, ein ewig nagend Leid
Mir auf die Bruſt geſchnürt als ſchwere Fracht? Zu ſühnen was mit Krieg ſich droht und Schlacht, Das zähle, Zeit, zu deines Amtes Pflichten, Nicht, keuſcher Ehe Frieden zu vernichten.
„Der Fürſten Zwieſpalt ziemt dir beizulegen,
Entlarve Falſchheit, Wahrheit bring' an's Licht;
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