Jahrgang 
1-26 (1867)
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322 Novellen⸗

Trauer angelegt hatten, und ihre Namen und Orden darunter.

Die Sitte hat ſich nicht in allen Provinzen des Landes erhalten, aber in Buchenau wie in der ganzen Mark bleibt der Gebrauch in Ehren.

Ein jedes Mädchen hat die Verpflichtung, ihrem Gefährten aus der Confirmationszeit, der den Tod für das Vaterland ſtirbt, einen Bibelvers und ein Andenken in der Kirche zu widmen, und jetzt waren die ſämmtlichen Sparpfennige geopfert. Die Tafel ſollte neben dem Altar ihren Platz finden, dicht unter den Namen und eiſernen Kreuzen von 1813.

Des Bauern Schwarz Tochter ging tiefgebeugt dahin; ſie blickte unverwandt auf zwei der unſchein⸗ baren kleinen Bilder. Ihr einziger Bruder und der Bräutigam, des Vaters rüſtigſter Geſell, lagen in der kalten Erde des fernen Schlachtfeldes.

An der Pforte der Kirche nahm der Geiſtliche

die Leidtragenden in Empfang. Sie hielten ein Hoch⸗ amt, wie an einem offenen Grabe. Die Halle war dicht mit den Dorfbewohnern gefüllt und heiße Thrä⸗ nen begleiteten den Ton der Orgel.

Nun hängte der alte Bröſe die Schrift und die Bildchen unter das Kreuz. Beate legte bitterlich ſchluchzend den Lorbeer darauf und dann die zahlloſen friſchen Blumenkränze, welche man auf den Stufen des Altars zuſammengetragen hatte; da huben draußen an der Pforte die Schulkinder das jubelndeNun danket Alle Gott an. Die Menſchen in der Kirche ſanken lautlos auf ihre Kniee. Hell ſchien die Sonne durch die kleinen runden Scheiben der Fenſter und hinein zu der Pforte. Ihre Strahlen zitterten golden über die Kelche der Nachtkerzen, über rothe Büſchel brennender Liebe, die zwiſchen den Gräbern wucherte. Ein paar Glocken der Winde nickten noch einmal vor dem Crucifix herab, an deſſen durchbrochenem Fuß ſie hinaufgeklettert waren. Sie nickten; der Abendwind zog leiſe vorüber und ſie waren verwelkt dahin, wie der ſinkende Tag, denn auch die Sonne hatte den Buchen und dem Thal ihren letzten Gruß geſandt. Die Kuppe des Oberkahlenbergs ſtand jetzt grau vor der leuchtenden Scheibe und Thal und Wälder ſchickten ſich an, zur Ruhe zu gehen.

Allmälig war die Kirche geräumt, aber der Pfarrer weilte ſo lange, daß der Glöcknerjunge be⸗ fremdet von der Stiege im Thurm herabſchaute, was Hochwürden wohl noch immer da zu thun hätten. Der Heinz von der Glocke ſollte ja heute Abend noch ein paar Kiepen friſches Eichenlaub aus dem Forſt holen, um zu morgen Kränze und Ehrenpforten zu winden, auch Stockroſen, Kornblumen, ſogar Mummeln, und aus den Gärten der Bauern mußten die ſchönſten

* Zeitung. doppelten Levkoyen, Nelke

d Heckenroſen geſchnit⸗

ten werden. Es began Immern. Da ſchnupperte wie

Nero ehrfurchtsvoll Kirchenſchwelle, zog ſich

aber auf einen lein kenheinz zurück. tersr Bröſe, der faſt Kneh Stunde ruhig in einer Walt

Bank gelehnt hatte, trat jetk an den geſchloſſenen Treu

Betſtuhl der Herrſchaft. Darinnen knieete eine zarte ſchwa

Geſtalt in tiefer Tra braune Haar bedeckte

wie die Dorfmädchen; das ſchleierartiges Tuch. Ihre

Hände, durchſichtig wie das bleiche Geſicht, ruhten und feſtgeſchloſſen unter der Wange, welche ſie müde auf genug das Pult gelegt hatte. und k

Der Geiſtliche ſeufzte und ſchüttelte das weiße 1 Haupt. Dann bat er: den C

Kommen Sie nun auch hinaus, liebſte, gnädige 9 Frau! und

Sie ſchien es nicht zu hören. Ich u

Mein Liebling, Gretchen, wiederholte er, Klath laſſen Sie uns gehen. nicht

Sie erhob ſich und reichte ihm die Hand. wäſcht

Ja, lieber Paſtor, ſagte ſie freundlich.Ich gehe, aber ungern. Es iſt hier beſſer wie ſie oden ſchien es kaum ausſprechen zu können, wie zu Hauſe: einma O mein Gott!

Friſch und elaſtiſchen Schrittes kam ein Mädchen Puten auf ſie zu. denn

Frau Baronin wollen verzeihen. Die anderen Volk Mägde warten, um die Blumen zu morgen derweil cielen hier in's Kühle zu ſtellen. Es iſt ſpät, auch die alte 3 Mamſell fragt immerzu nach der gnädigen FrauCsi und ſchickt Boten über Boten, wegen dem feinen kochte Kuchen, der noch eingerührt werden ſoll. ihr T

Das Mädchen ſah verlegen um ſich in dem gekon Gotteshaus, denn ſie fühlte es wie Sünde, hier ſo Auge gar unheilige Dinge vorzubringen; dann faßte ſie Gehe ſich ſchnell ein Herz, drückte ihrer Herrin ein paar werd derbe Küſſe auf die Hand und ſprach ganz laut:

Der Hann kommt, einzige gnädige Frau, mein Weil Hann, mein Bleſſirter kommt. Herr Gott, wie die dank' ich dir!?. 6 6 de,

Sie warf ſich auf den Altarſtufen einen Augen⸗ nls blick nieder und ſchluchzte unter glückſeligem Lachen. die d Dann rieb ſie die Augen energiſch mit ihrer roth⸗. Auge wollenen Schürze und zog sans façon die blaſſe Frau dann hinaus in die warme Abendluft. Bröſe nickte traurig. filber Gute Nacht, mein Liebling! Dann wanderte er geſenk⸗ wui ten Hauptes in ſein ödes Haus. dild

An der Hecke, wo im Schutz vor Sonne und Sir Wind die wilden Roſen wuchern, da waren viel in⸗ nn haltſchwere Blätter der Dorfchronik zu einem bedeu⸗. reu tungsvollen Band verſammelt.. 1 5n