Jahrgang 
1-26 (1867)
Einzelbild herunterladen

8

316 Novellen⸗

darauf noch lange, wie es ſchien, in einem tiefen Gebete, was mich perſönlich aber nicht weiter wunderte; denn ich meine immer, ein Monarch müſſe länger beten, als Unſereiner.

Gegen zwölf Uhr ging es zu Tiſche, und da wir nicht die Ehre hatten, zur kaiſerlichen Tafel gezogen oder wie man bei uns ſagtbefohlen zu werden, ſo war uns die Ein⸗ ladung des Capitäns, uns an den Officiertiſch ſeines Regiments zu führen, doppelt willlommen. Bekanntlich hat in Frankreich jedes Regiment ſeine»mess⸗, ein Local, wo alle Officiere (mit Ausnahme natürlich der verheiratheten) zu ihren gemei⸗ ſchaftlichen Mahlzeiten und zu ſonſtiger Unterhaltung zuſam⸗ menkommen; wieder eine Einrichtung, die dem Centraliſations⸗ princip entſpricht, das in Frankreich Alles, Alles durchdringt. Sie hat aber, bei unverkennbaren ſocialen Mängeln, vom militäriſchen Standpuncte aus jedenfalls ihr Gutes.

Doch das Diner, trotz ſeiner feinen Speiſen und ſeiner noch feinern Weine(man meinte im Palais Royal bei Vefour zu ſpeiſen), hielt uns nicht lange; denn wir wünſchten ſehr, einen Spaziergang durch das Lager zu machen, um daſſelbe in ſeinen Einzelheiten zu beſehen.

Ueberraſchend war zunächſt die Sauberkeit, Eleganz möchte man ſagen, die überall im Lager herrſchte; beinahe vor jedem Soldatenzelt ein Blumenbeet, und die Zelte der Officiere ſtets von kleinen Gärten umgeben. Dabei eine Menge Statuen aus Gyps oder ähnlichen Compoſitionen, ſauber gemalt und auf zierlichen Piedeſtalen; auch große und kleine Triumphbogen, Obelisken und Pyramiden, äußerſt geſchickt aus leichtem Lattenwerk zuſammengeſetzt, mit Moos und Laubwerk hübſch überkleidet, mit paſſenden Inſchriften und ſonſtigen Emblemen verſehen. Das neunte Infanterie⸗ Regiment zeichnete ſich beſonders aus; es muß wirklich wahre Künſtler in ſeinen Reihen zählen. So hatte der Sergeant Wix ein Standbild der Kaiſerin ausgeſtellt, das er ſelbſt aus Thon verfertigt und das, bei der frappanteſten Aehnlichkeit, von allen Kennern als ein Kunſtwerk bezeichnet wurde; der Kaiſer beſichtigte es in Perſon und ſoll es ebenfalls vortrefflich gefunden und dem Künſtler geſagt haben:Das Kreuz kann ich Dir für Deine ſchöne Arbeit freilich nicht geben, denn das muß ſich der Soldat in der Schlacht verdienen, aber ich will Dir Deine Statue für tauſend Franken abkaufen. Der Capitain Julien, von demſelben Regimente, hatte in ſeinem Garten eine vollſtändige Feſtung en miniature conſtruirt, ein kleines Wunderwerk an Geſchicklichkeit und Ausdauer. Ein anderer Sergeant, auch vom neunten Regimente, hatte im Garten ſeines Oberſten eine Sonnenuhr aufgebaut und die zwölf Thierkreiszeichen durch Figuren ſeiner eigenen Compoſition dargeſtellt, äußerſt gelungene Caricaturen; ſo den Waſſermann als Pariſer porteur d'eau, die Fiſche als coloſſale dames de la halle, den Schützen als einen dicken, wie ein Amor coſtümirten Sapeur mit Köcher und Bogen u. ſ. w. Auch ein großes Gemälde, das im Speiſezelte des 74. Regiments aufgehängt war, hatte außerordentlichen Erfolg, ſchon wegen ſeines Gegenſtandes: Napoleon I. ſteht ſinnend und trauernd auf dem Helena⸗Felſen und ſchaut nach Frank⸗ reich hinüber; von dort erhebt es ſich wie ein Morgenroth, und ein Adler ſteigt herauf mit einer kaiſerlichen Fahne, deren Inſchrift dem Gefangenen das ſpätere glänzende Aufleben ſeiner geſtürzten Dynaſtie verkündigt. Ganz abgeſehen von der ultra⸗napoleoniſchen Conception, iſt das Gemälde wirklich vortrefflich und verdiente in jeder Ausſtellung einen Ehren⸗ platz. Der Künſtler iſt ein gemeiner Soldat, ein früherer Decorationsmaler.(Schluß folgt.)

Zeitung..*

Der Niagarafall im Winter.

Vor zwei Jahren befand ich mich im Februar in New⸗ York, wo zu dieſer Zeit der Frühling ſchon völlig eingekehrt war, während ich wenige Tage zuvor Boſton im tiefſten Schnee verlaſſen hatte.

Ich ſprach gegen verſchiedene Bekannte den Wunſch aus, den Niagarafall zu beſuchen, aber alle Welt rieth mir hiervon ab, indem man behauptete, es ſei geradezu unmöglich, im Winter ſich dem Waſſerfall zu nähern, die Inſeln und die Windgrotte zu ſehen Alles das müſſe man ſich nur im Sommer anſchauen und ich riskire nur, meine Zeit zu ver⸗ lieren und mich dort ohne Obdach zu befinden, da mit dem erſten Schnee ſämmtliche Hôtels in der Nähe des Niagara geſchloſſen und verlaſſen würden. Allein ich mußte binnen wenigen Tagen nach New⸗Orleans abreiſen, und ſo beſchloß ich denn, da mir keine andere Wahl blieb, aus der Noth eine Tugend zu machen und dennoch allen Gefahren zu trotzen. Schon der nächſtfolgende Morgen fand mich in dem ſchmutzigen und, wie dies in Amerika gewöhnlich der Fall iſt, höchſt uncomfortablen Warteſalon der nach Albany führenden Eiſenbahn, wo mir die Revolvers meiner Reiſegefährten, die auf einen vorüberfliegenden Raben ſchoſſen, vor den Ohren knallten.

Bald waren wir unterwegs und die Locomotive flog mit Pfeilgeſchwindigkeit vorwärts am rechten Ufer des Hudſon mit ſeinen berühmten Paliſſaden hin, während der Fluß mit unzähligen Briggs, Dampfern und Booten bedeckt war. Wir kamen an Weſt⸗Point, der berühmten polytechniſchen und Kriegsſchule der Vereinigten Staaten vorüber, aber die Häuſer waren alle geſchloſſen, kein menſchliches Weſen war zu ſehen und man hätte die ganze Gegend für unbewohnt halten können ohne die Rauchſäulen, welche aus allen Schorn⸗ ſteinen emporſtiegen.

Es wurde Abend, der Regen floß in Strömen und die Locomotive ſtieß ein unheimliches Geſtöhne aus, welches dem ſchneidenden Pfiff der europäiſchen Locomotiven entſpricht; ſo langten wir in Albany an, nachdem wir 144 Miles in ſieben Stunden durchraſt hatten. Am folgenden Morgen ſetzte ich meine Reiſe fort und kam durch Utika, Rom, Syracus, Palmyra bis nach Rocheſter; die Gegend wurde immer öder, einſamer und troſtloſer, dazu fiel der Schnee in dichten Flocken. Uebrigens ſcheint dieſer ganze Landſtrich faſt ausſchließlich von Deutſchen bewohnt zu ſein, denn alle Firma's und An⸗ ſchläge waren deutſch. In Rocheſter hält der Zug, damit die

Reiſenden zu Mittag eſſen können; Alles ſtürzt aus den

Waggons und an der engen Eingangsthür zur Reſtauration enſteht ein ungeheures Gedränge mit obligaten Rippenſtößen und Püffen. Nachdem ich einige Zeit in Geduld gewartet, bis das ärgſte Gedränge vorüber, gelangte ich in einen rieſigen Saal und ſetzte mich mit an den koloſſalen Tiſch, welcher faſt die ganze Länge des Saales einnahm. Die Speiſekarte be⸗ ſtand aus zehn Gerichten, aber das Beſte davon war längſt von den Andern verſchlungen, ehe ich mich hineingearbeitet hatte, und kaum hatte ich mich zu Tiſche geſetzt, ſo ſprangen meine Reiſegefährten ſchon ganz geſättigt wieder auf und ſtrömten hinaus, denn im Eſſen ſind die Amerikaner wahre Taſchenſpieler und ihre Schnelligkeit übertrifft noch den Dampf und die Elektricität.

Ich vernahm das Läuten einer Glocke und eilte hinaus, man läutete aber blos zum erſten Mal; ein wahrer Schnee⸗ ſturm wirbelte um fünf bis ſechs zur Abfahrt bereitſtehende Locomotiven. Mit welcher ſollte ich nun weiter reiſen? Kein Bahnbeamter, keine gedruckte Anzeige da, um Aufſchluß