310 Novellen⸗
Der Baron verließ ohne Antwort das Zimmer und Walther wankte ſtöhnend hinterdrein. In der Thür wendete er ſich um:„Fräuleinchen, ſie hatten Recht. Sie ſind alte Bekannte von uns und zwar ſehr genaue.“
Die Generalin bedeckte die Augen mit den zit⸗ ternden Händen.
Auf dem Gange faßte der Inſpector krampfhaft den Arm ſeines Herrn.„Wann wirſt Du Hochzeit machen? Eile Dich, armer Herr, ſonſt wird's zu ſpät.“
„Nicht morgen, lieber Alter. Und,“ ſetzte der Ge⸗ fragte leiſe hinzu,„auch nicht, wie ich gehofft, in einem Jahr.“
„Auch nicht in einem Jahr“ hatte der Herr vom Thal gemurmelt, als er ſein Zimmer aufſuchte, um nun die letzten Vorkehrungen zu einem ſchnellen Auf⸗ bruch zu treffen, denn er erwartete die Ordre jeden Augenblick.
Die Mutter und der greiſe Verwalter mußten es jetzt erfahren.
Die Kriegsbereitſchaft trat ſchneller ein, wie man gedacht hatte. Der bittere Ernſt der Zukunft war unzweifelhaft.
Margarethe hatte falſch prophezeit. Schlachtmuſik war es, die ſie harmlos und jubilirend empfing, und nicht zu Tanz und Bankett allein, wie damals, als vor zehn Jahren Carl's Ehrentag gefeiert wurde, zo⸗ gen die Trompeter ein. Dennoch erhielt ſich die Stim⸗ mung im Dorf und in der Nachbarſchaft friſch und fröhlich. Allgemein herrſchte die Anſicht: es wird nicht ſo ſchlimm werden. Sie beſetzen blos die Grenzen und kommen nach ein paar Monaten luſtig wieder heim. Einzelne Häupter beugten ſich wohl ſeufzend:„Sollt's weiter gehen, dann, Herr Gott im Himmel, ſteh' ihnen und uns in der Heimath bei. Dann wird's das Rechte ſein und wir ſind ja die ächten Landeskinder noch, die mit und für den König zu arbeiten und zu ſterben wiſſen.“
In Peterswaldau ging es über die Maßen luſtig zu. Das Schloß ſteckte voll Officiere, die ſich's wohl ſein ließen, und für Abwechslung ſorgte die ſchöne Gräfin vollauf.
Die Buchenauer zuckten die Achſeln, und da nach wiederholten Beſuchen endlich der Baron gezwungen ward, aus Rückſicht für die Cameraden auch an einem Feſte Theil zu nehmen, als die Frau Gräfin ſogar darauf beſtand, Fräulein von Murſtein ſelbſt zum Ball abzuholen, da erſcholl ein Fluch grade heraus von Walther's Lippen. Er rannte zu Bröſe in's Pfarr⸗ haus und ſchien außer ſich zu ſein. Alle ruhigen Vorſtellungen des Geiſtlichen blieben erfolglos.
Zeitung.
„Reden Sie mir nicht von Zeit und Vergangen⸗ heit, lieber Herr,“ jammerte Margarethens treuer Ver⸗ ehrer.„Ich weiß es beſſer, daß die Hexe unverwüſt⸗ lich iſt und nur auf die Gelegenheit gepaßt hat, ihn wieder in ihre Netze zu bekommen.“
„Thorheit, beſter Inſpector, zehn Jahre hält allen⸗ falls Liebe zu einem reinen Herzen aus, aber nicht
ſo eine jugendliche Schwärmerei, wie der Baron für
die ſchöne Altenhauſen hatte.“
„Das wiſſen wir,“ ſagte der Invalide.„Außer⸗ dem ſteht unſerem Herrn ein Engel zur Seite, aber die Teufelin hat's ja auf unſere unſchuldige Kleine abgeſehen. Merken Sie's denn nicht, wozu dieſer blitzhübſche Lieutenant, der Stiefbruder, von früh bis ſpät uns um Garten und Hof ſpaziert? Warun ſteckt er nicht im Schloß, wo er doch hingehört, denn Jagd⸗ zeit haben wir nicht; dazu putzt ſich auch Keiner mit ſeiner neueſten Uniform heraus.“
„Ich ſehe auch darin keine Gefahr,“ behauptete Bröſe,„denn unſer Fräulein iſt liebreizend, das wiſſen wir Alle. Soll der hübſche Officier ihr denn nicht ein wenig den Hof machen?“
„Nein, das ſoll er nicht!“ donnerte der Stelz⸗
fuß.„Ich habe Luſt, ihm das Genick zu brechen für
ſeine Notenbücher und Gedichte und Albums und den verrückten Schnickſchnack, den er uns in's Haus ſchleppt.“
Bröſe hatte ſein Käppchen gegen den kleinen grauen Hut vertauſcht, langte den Krückenſtock aus
dem Schranke und ſchickte ſich an, Walther den Berg⸗ pfad entlang hinter den Gärten des Thales zu be⸗
gleiten.
Sie waren kaum funfzig Schritte gegangen, da war ihr Weg von einer wunderlichen Cavalcade gekreuzt. für eine Puppe, ſaß der Erbe von Peterswaldau, ein hübſcher roſiger Bube, ſein Geſpann, zwei ſchneeweiße Ziegenböcke, ganz geſchickt lenkend. länderin, ſeine-Mabonnes, wie die Buchenauer ſie betitelten, ritt auf geduldigem Maulthier zur Seite, und lachend und plaudernd ſprengten die Gräfin, ihr Stiefbruder und Margarethe, ja Margarethe, des fin⸗ ſteren Carl's Pflegekind, zu den Steinkehlen hinauf.
Walther ſtand ſprachlos. Endlich ziſchte er wüthend:„Mein Herr hat den Verſtand verloren, daß er das zugiebt.“
„Welche Uebertreibung!“ bemerkte der Geiſtliche. „Er thut wohl, dem Kinde den Umgang mit Jugend und Frohſinn zu geſtatten. Ich bin, wie er, überzeugt, daß er ihrer Liebe ſicher iſt und ſie getroſt ein paar Wochen verjubeln laſſen kann.— Sill genug wird es bei uns bald ſein,“ fügte er ſeufzend hinzu.
In zierlichem Wägelchen, kaum höher wie
Die junge Eng⸗


