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Diätarius beim Steueramt und Walther's Antipathie, weil er ſich einſt beim Seidel Unterhöhler eine Be⸗ merkung in Bezug auf die Verfaſſung unterſtanden hatte. Der Inſpector aber behauptete, Politikmachen iſt Sünde und wer eine politiſche Zeitung lieſt, ver⸗ dient den Galgen, gleichviel, welche Farbe das Blatt vertritt. Politik iſt allein des Königs Sache und der braucht ſich und ſeine Gedanken oder Handlungen nicht aufſchreiben zu laſſen. Er hat zu befehlen, wir zu gehorchen. Punctum! Wozu darüber Worte machen? Es iſt eben ſo unnütz, wie lange Predigten. Steckt Eure Naſe in die Bibel, da habt Ihr, was Ihr braucht, ohne groß Gewäſch.
Anſelm und die Peterswaldauer Beamten ge⸗ hörten einem Club in Niederkohlau an. Seitdem
vermied Walther ſelbſt ihren Gruß, wenn er es irgend konnte.
Die Generalin ſtützte ſich, um nicht zu fallen, auf ſeine Schulter. 2
„Warum ſagen Sie nicht, daß auch mein Sohn Befehl zum Aufbruch hat? Er wird nicht zurückbleiben, wenn Andere gehen, das weiß ich.“
„Gewiß nicht, liebe gnädige Frau, aber noch iſt er nicht daran, ſo viel ich weiß.“
„Kommen Sie nun mit hinein, Walther, wir müſ⸗ ſen allen Muth zuſammenfaſſen, wir zwei Alten. Die mürben Stämme werden nicht mehr viel tragen, wenn man ihre letzten friſchen Zweige abhaut, aber verzagen dürfen wir nicht. Laßt den Soldaten Quartier machen, wie ſich's gebührt in dem Hauſe, das ſich auf 1814 gegründet hat. Gebt ihnen die Schlüſſel zu Korn⸗ und Heuböden und die Mamſel ſoll ſich ſofort ihrer Schweſter Tochter zu Hülfe kommen laſſen, denn ich will nicht, daß Margarethe—“
Da fuhr der alte Mann ſeufzend mit der Hand über die Augen:
„Margarethe, o Fräuleinchen! Dir geht es noch ſchlimmer!“ 4— 4
„Sind Sie denn noch nicht zu Ende, Unglücks⸗ bote?“ rief die Herrin. 3
„Nein, noch nicht. In Peterswaldau ſind nicht blos Soldaten eingerückt. Da hauſt ſeit geſtern des Beelzebub rechte Tochter. Ja, ja, liebe gnädige Frau, des buckligen Grafen ſchöne Wittwe, die ſchwarze Si⸗ donie iſt mit Sack und Pack angekommen. Hinter den Steinkehlen zieht ein Wetter auf, das ſchlimmer iſt, wie der Krieg, denn nun verlieren wir unſern Herrn ſo wie ſo.“
„Walther!“
„Mir liegt die Ahnung wie Blei in den Gliedern, Gnädige; Sie werden ſehen, daß ich Recht habe.“
Daß ſich Baron von Buch vor Monaten, als
Novellen⸗Zeilung.
man im Thal von Kriegsausſichten nicht einmal träumte, bereits zum Rücktritt in die active Armee gemeldet, das hatte der gute Walther doch nicht geahnt, obgleich er immer Alles vorher zu wiſſen meinte. Carl war mit Seele und Leben Soldat, wie ſein Ahnherr, und der Kampf um die Trennung von der Heimath und ſeinen Lieben ſo kurz, wie er heftig war.
Er bewahrte ſein Geheimniß ſtreng, um die Frauen nicht vor der Zeit zu ängſtigen.—
Unter Stolze's Kaſtanien hatte ſich ungeachtet der Mittagsſtunde, in der jede brave Bäuerin am Herd
oder beim Melken beſchäftigt zu ſein pflegt, ein Kreis
der weiblichen Dorfnotabilitäten eingefunden. Die Quartiermacher hatten nach kurzer Raſt ihren Weg gen Kölſen fortgeſetzt, und da nun die wich⸗
tigen Tagesfragen genugſam erörtert, die Klagen über
den Krieg und ſeinen Jammer ſich gehörig Luft ge⸗ macht, manch roth und blau geſtreifter Schürzen⸗ zipfel die thränenden Augen doch ſchließlich hatte trocknen müſſen, da lenkte ſich die Unterhaltung auch den nebenſächlichen Neuigkeiten zu.
Mutter Schmidten und die Frau des Bauern Schwarz traten eben aus dem Erlenbruch, der ſich bis dicht an den Hof der Mühle zieht. Man rief ihnen eifrig entgegen:„Habt Ihr gehört, daß Altenhauſens Sidonie, die jetzt Gräfin und Wittfrau auf Peters⸗ waldau geworden iſt, im Schloß Wohnung gemacht hat?“
„Ja, Dörthe,“ nickte die Schwarzen.„Sie hat einen ganzen Rudel Kammerdiener und Friſirmamſells mit, auch einen Lieutenant, ihren Stiefbruder, der ſteht bei den Dragonern und ihren jungen Grafen, einen luſtigen kleinen Kerl. Er ſpricht fremd; ſeine Ma⸗ bonne geht neben ſeinem Reitpferd. Stolzens Pitte iſt ſo groß wie das Ding und ein Bedienter führt es an einer rothen Strippe mit blanken Knöpfen.“
„Schwarzen,“ hub des Müllers kleine Nichte an,
ihr ſeidenes Kopftuch auffaſſend— denn ſie war eine
Dorfſchöne und kokett wie eine Stadtmamſell, auch alten Frauen gegenüber,—„Schwarzen, Ihr müßt Eüch entſinnen, was einmal mit der Gräfin und unſerm Baron los geweſen iſt. Meine Mutter ſelig erzählte davon; aber ich war ein Kind und verſtand nicht Alles. Mir blieb es nur im Kopf, weil vom Todtſchie⸗ ßen dabei die Rede war. Der Baron ſoll ſich um die Gräfin duellirt haben und wollte ſich hernach ſelbſt umbringen.“
„Unſinn,“ brummte die Schwarzen.„Die Sido⸗ nie war immer eine luſtige Fahne, die wäre kein Mannsleben werth, am wenigſten unſern Baron.“
Die Weiber ſchwatzten und wisperten hin und her. Keine wußte die Geſchichte gründlich.
„Da kommt die Reetzen,“ ſagte Müllers Anna⸗Re⸗


