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wolke. Die Lippe feſt geſchloſſen, die Stirn gefaltet, die Hand zuſammengedrückt, wie er thut, wenn er ſehr zornig iſt und doch nicht ſprechen mag. Ich ſehe ihn deutlich vor mir, mit der herabgefallenen Locke über den finſteren Augen. O Gott, die Augen ſind ja nicht mehr finſter, nur oft ſo traurig! Großmama, kannſt Du glauben, ich vermöchte etwas Anderes zu thun, wie weinen, ſobald er mich ſo anſieht?“
Margarethe ſchlang ihre Arme um den Hals der alten Frau und flüſterte kaum hörbar:„Als er mich zum letzten Male zu meinem todten Vater aufhob, da, Großmama, hat ſich der Blick ſo feſt in mein Herz geprägt, und dann noch einmal: an dem Abend, da er nach ſeiner langen Abweſenheit zu uns kam, um hier zu bleiben.“
Die Generalin küßte ihre Pflegetochter.
„Und nun denke, Großmama, die Sorgen und Mühen mit den Leuten und den großen Gütern. Jeder ſpricht ihn um Dienſte, Rath und Auskunft an. Er iſt für Alle bereit, mir aber opfert er faſt jede Mußeſtunde; er lebt, gleich einem Greis, zurückge⸗ zogen und häuslich, und iſt er nicht jung, wie die Söhne unſerer Nachbarn, die in Geſellſchaften, auf der Jagd und großen Reiſen ihre Tage verbringen? Wie hat er uns verwöhnt! Er iſt ein ächter Haus⸗ papa!“— das junge Mädchen ſchüttelte lachend den Kopf —„und ich ein thoͤrichtes Ding, ſeine Schülerin, mit der er täͤglich die liebe Noth hat. Seine Methode iſt famos, Großmütterchen. Du weißt, ich war in der Schule recht ſchwach, und plaudern wir jetzt nicht engliſch und franzöſiſch, wie unſer liebes Deutſch? Dazu Rudern und Reiten, das iſt auch eine Kunſt.“
Margarethe ſchloß nachdenklich:
„Mit der Muſik ſteht es freilich ſchlecht, denn dabei dabei ſoll ich Lehrmeiſter ſein. Carl bringt es ja niemals über die Variationen nach ⸗Spinne, arme Margarethe⸗, hinaus, die er auch nur übt, um mich zu necken. Sein Geſang iſt ſchrecklich und er hat doch eine ſchoͤne Stimme. Ja, es liegt nur an mir. Er ſpottet ſtets, wenn er darauf beſteht, das Mantellied und die Grenadiere zu ſingen; einen halben Ton tiefer wie das Piano.“
Tauſendſchön ging, Toilette zu machen und nahm dann wieder mit ihrem Nähzeug neben der Generalin Platz. Sie hatte ein ſchweres Herz in ihr Stübchen getragen, das ſie heute Morgen ſo glücklich und leicht verließ. Es lag ſeit Wochen auf dem Ver⸗ hältniß zu ihrem Vetter ein Schatten, dem ſie nicht zu entgehen verſtand. War ſie allein, dann ſchien ſein Blick ſie warm und hütend zu umgeben. Sie dachte mehr an ihn, wie ſonſt, als er ſo bleich und wortkarg dahinſchritt. Stand ſie jetzt aber neben
Novellen
Zeitung.
ihm, nahm er ihre Hand, was er ſeit ihrer Kindheit oft zu thun pflegte, denn er umſchloß ihre zehn kleinen Finger mit ſeiner Rechten und nannte ſie Elfen⸗ oder Puppenhände. Jetzt war ihr das peinlich. Sie vermied ihn faſt abſichtlich und wußte ſich doch nie zu ſagen, warum, denn es war eben Alles um ſie her, wie ſonſt.
Walther's inhaltſchwere Blicke machten ſie ſtutzig und beklommen.
„Obriſt Brummbär,“ ſagte ſie, da er ſie wieder mit höchſt eigenthümlichem Winken der kleinen grauen Augen nach dem Wetter fragte,„Obriſt Brummbär, Du ſiehſt, er iſt nicht im Saal; ſieh aber einmal in meine Taſche, die oben im Gange liegen geblieben iſt, viel⸗ leicht habe ich ihn darin verborgen, oder im Kaninchen⸗ haus.“
Die Generalin erhob lächelnd den Finger gegen den Inſpector, da trat der Reitknecht ein.
„Herr Baron wären bereit, auch die Pferde ge⸗ ſattelt. Laſſen um des gnädigen Fräuleins Begleitung nach Kölſen bitten.“
Tauſendſchön blickte erröthend auf die Groß⸗ mutter, und dieſe ſprach:
„Siehſt Du, er zürnt nicht mehr. Gehe mit ihm, mein Herz.“
Walther humpelte eilig über den Hof in Be⸗ gleitung eines Dorfjungen, der geſtikulirend auf die Gruppen der Landleute am Bach und vor der Mühle wies. Das Thal ſchien in unerklärlicher Aufregung, und mehrere Extrapoſtwagen, eine ſehr ungewöhnliche Erſcheinung auf hieſigen Wegen, raſſelten unter den widerwärtigen Tönen des Poſthorns drüben auf der Chauſſée.
Baron von Buch und ſein Mündel hatten den Herrenhof, jenſeits der Haupteinfahrt, verlaſſen. Sie
wendeten ſich dem Waldpfad und den laubigen Ufern
des Baches nach dem Kölſener Thal zu.
Still, mit betend gefaltenen Händen ruhte die greiſe Frau in ihrem Sorgenſtuhl. Sie hatte ihren Kindern nachgeblickt, bis das Stampfen der Pferde verhallt war. Dann nahm ſie das alte vergilbte Ge⸗ betbuch, Peters Troſt und Zuflucht in den Stunden der Noth, jetzt ihre letzte und einzige Lectüre, denn die Augen waren ſchwach, das Herz müde. Von dem Treiben der Welt hörte ſie erzählen wie aus fremden Märchenländern. Zeitungen und Briefe blieben den jungen Leuten überlaſſen. Sie betheiligte ſich nicht mehr an ihren Arbeiten oder Geſchäften. Den Kreis ihrer Bekannten hatte der Tod ſo gelichtet, daß ſie auch nach ihnen wenig mehr fragte. Mitunter bemerkte ſie wohl beim Hören eines befreundeten.
Namens:


