Jahrgang 
1-26 (1867)
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302 Novellen⸗

Scherze ſie anbläſt. Es iſt unmöglich zu ſagen, worin das ſeinen Grund hat vielleicht in irgend einem magnetiſchen Einfluſſe des Athems oder in dem Gefühl, daß die kalte Em⸗ pfindung, welche von dem Menſchen kommt, ein Zeichen ſeines Mißfallens ſein möge. So ſoll es auf manche Pferde einen ſehr heftigen und unerklärbaren Eindruck machen, wenn man ihnen etwas in's Ohr flüſtert, als wenn ſie dieſem Geflüſter irgend eine abergläubiſche Bedeutung beilegten, wie der Hund dem Anblaſen aus einem Munde. Die höchſte Anſtrengung einer rein ſchöpferiſchen Einbildung, die wir bei den Thieren kennten, iſt die, welche ſie veranlaßt, ſich todt zu ſtellen, um der Gefangenſchaft zu entgehen, und davon erzählt uns Sir Emerſon Tennent ein Beiſpiel von einem Elephanten. Der Elephant legte ſich in dieſem Falle nach ſeiner Gefangen⸗ nahme abſichtlich nieder, unterdrückte jede Bewegung ſo, daß die Perſonen, die ihn gefangen genonimen hatten, ihn für todt hielten. Zwei derſelben lehnten ſich gegen den Leichnam, wofür ſie ihn nahmen, während die übrigen ihm die Seile abzogen, mit denen ſie ihn gefangen genommen hatten. Sie hatten ſich erſt wenige Schritte von der Stelle, wo er lag, entfernt, als er plötzlich aufſprang und mit einem lauten Freudengeſchrei ſchnell in die Dſchongles zurück floh. In einem ſolchen Falle muß das Thier deutlich begreifen, daß ſeine Jäger nichts mit ihm anfangen können und es verlaſſen werden, wenn ſie es für todt halten, und zu gleicher Zeit müſſen ſie eine Vorſtellung davon haben, welches die Zeichen des Todes ſind. C.

Schünheit der amerikaniſchen Damen.

Ueber dieſes Thema ſpricht ſich William Hepworth Dixon im New American in folgender Art aus:

In vielen der jüngeren Städte der Union findet ſich auch viel Schönheit mit einem guten Theil von Witz und geiſtiger Bildung vereinigt; aber die Schönheit dieſer jüngern Städte(wenigſtens das Muſter davon, das ich hier in Sara⸗ toga und vor kurzer Zeit in Lebanon Springs zwei nord⸗ amerikaniſche Badeörter ſah) gleicht weniger der Kunſt von Gainsborough und Reynolds als der von Guido und Greuſe. Es iſt in derſelben viel vlämiſch Blut. Die Haut iſt ſchöner, das Auge blauer, der Ausdruck kühner, als bei dem engliſchen Typus. Die Newyorker Schönheit hat mehr Guß und Farbe, die Boſtoner Schönheit mehr Feuer und Zartheit. Einige Männer würden die offenere und kühnere Liebenswürdigkeit in Newyork mit der roſigen Farbe und Fülle des Fleiſches, wie Rubens ſie liebt, vorziehen; aber ein engliſches Auge wird in dem ſanften und ſchüchternen Ausdruck des ältern Typus mehr Reiz finden. In Newyork iſt das Leben glänzender, die Kleidung koſtbarer, das Möble⸗ ment verſchwenderiſcher als in Neu⸗England; aber die Wir⸗ kung dieſer Pracht, als erziehendes Agens, wird eher auf dem Auge als auf der Seele gefunden. Darf ich meine Meinung durch ein Beiſpiel anſchaulicher machen? In der Fifth Avenue in Newyork findet man ein Gebäude, deſſen Bau mehr Geld gekoſtet hat, als es koſtete, Bridgewater Houſe in London zu erbauen, und in dem die Weine und Speiſen, die einem Gaſte ſervirt werden, eben ſo gut ſein mögen, wie ſolche auf einem engliſchen Schenktiſche; aber ein Amerikaner würde es zu allererſt fühlen, welch ein weiter Zwiſchenraum dieſe beiden Häuſer voneinander trennt. Das eine Haus gehört dem Reichthume, das andere der Dichtkunſt. Das eine rühmt ſich, Säulen von Marmor und vergoldete Wände zu haben, das andere, Gemälde von Raphael und Shakes⸗

Jeitung.

peare's Werke in Prachtausgaben zu beſitzen. In der Fifth Avenue giebt es einen Palaſt, in Cleveland Row ein Reli⸗ quienkäſtchen. Etwas von dieſem Unterſchiede finde ich oder bilde ich mir ein zwiſchen den Schönheiten von Boſton und Richmond und denen von Waſhington und Newyork zu finden. Natürlich ſpreche ich nicht von den erſt reich gewordenen auf⸗ geputzten Königinnen und den Petroleum⸗Kaiſerinnen; dieſe Damen bilden eine Claſſe ganz für ſich, und ſelbſt wenn ſie zufälliger Weiſe in der Fifth Avenue leben, ſo haben ſie zu derſelben doch keine an dere Beziehung, als daß ſie dort ſind. Ich ſpreche von den wirklichen Newyorker vornehmen Da⸗ men, welche man ſelhſt in Hyde Park zu den Ladies rechnen würde, wenn ich ſage, daß ſie in der Regel einen Styl und ein Benehmen, einen Guß, eine Freimüthigkeit, ein Ver⸗ trauen zu ſich ſelbſt haben, wie man es bei ihren Schweſtern weder in Neu⸗, noch in Alt⸗England ſieht.(Unter Neu⸗ England verſteht man die Staaten Maſſachuſetts, Maine, Neuhampfhire, Rhode⸗Island, Connecticut und Vermont.) Ich war ſehr böſe auf ihn; aber ich ſetzte mich bei Zeiten darüber hinweg und dann gab ich ihm ſeinen Abſchied, ſagte eine junge und hübſche Dame aus Newyork zu einer Freundin von mir, als ſie in dem Geheimniß einer Freund⸗ ſchaft, welche zwei lange Tage alt war, mit ihr von ihren Liebesangelegenheiten plauderté⸗ Unterihm meinte ſie einen Anbeter, den ſie, bei der Weisheit ihrer ſechzehn Sommer, aus der Menge ausgewählt hatte; einen, den ſie, wenn die Grille nur eine kurze Zeit länger gedauert hätte, durch die geſetzlichen Gebräuche zu ihrem Gatten gemacht haben würde. Die junge Dame war kein unverſchämter Zieraffe, wie man deren zuweilen in einem Eiſenbahnzuge, in einem Nachen auf einem Fluſſe ſieht, die mit ſtolzen Worten ſpielt und muthwillige Mienen annimmt, ſondern ein liebliches, elegantes Mädchen, eine vornehme Dame von der Stirn bis zur Zehe, mit einem feinen Benehmen, einer leiſen Stimme, einem gebildeten Geiſte; ein Stück weiblicher Grazie, wie es ein Mann in einer Schweſter zu haben und in einer Gattin zu erlangen wünſchen würde. Ihre Selt⸗ ſamkeit beſtand zuerſt in dem, was ſie ſagte; dann in der Wahl ihrer Worte, oder, um es anders auszudrücken, ſie lag in dem Unterſchied zwiſchen den gewohnten Gedanken in Be⸗ zug auf die Beziehungen zwiſchen Männern und Frauen eines engliſchen und eines amerikaniſchen Mädchens.I was pad upon him, but I let him off drückt in ſchlichten ſäch⸗ ſiſchen Worten eine Idee aus, welche ſchwerlich in das Ge⸗ müth eines engliſchen Mädchens Eingang gefunden haben würde, und ſelbſt, wenn das der Fall geweſen wäre, ſo würde ſie nie in dieſer trockenen, leidenſchaftsloſen Art ihren Lippen entſchlüpft ſein. In dieſer Redensart lagen die wichtigſten Geheimniſſe des amerikaniſchen Lebens verborgen: der Mangel an Frauen auf dem ehelichen Markte, und die Macht zu wählen und zu verwerfen, welche dieſer Mangel einem jungen und hübſchen Mädchen verleiht. C.

Ein gemüthloſes Volk.

Die in der neuſten Zeit ſo eifrig betriebenen anthropo⸗ logiſchen Studien, welche culturgeſchichtlich neue Blicke gewähren, geben über den Charakter einzelner Menſchenragen und Volksſtämme ein intereſſantes Licht. Es zeigt ſich dabei immer mehr die verſchiedene Begabung der Geiſter und Gemüther. Eine tiefe und zugleich ſonderbare Stellung nehmen die Eskimos ein, welche über den ganzen arktiſchen Umkreis