300 Novellen⸗
„Die Aehnlichkeit unſeres traurigen Weſens,“ berichtet Gellert,„und vielleicht auch die Unähnlichkeit unſeres Ruhmes machte uns bald zu Freunden.“ Aber ganz ſo leicht wird dies wohl keinem dieſer beiden ſchüchternen Männer geworden ſein, denn Gellert hatte erſt die Scheu zu überwinden, die ihn anfangs in der Gegenwart eines anerkannt großen Feld⸗ herrn befiel, und Laudon, der dem Tode ſo oft in's Antlitz ge⸗ ſehen und mit ſeinem Blicke ein ganzes Heer zu lenken wußte, ward verlegen und ſchüchtern neben dem gefeierten, verehrten Dichter. Gellert ſagt ſelbſt:„Er fürchtete ſich anfangs vor mir, wie ich mich vor ihm.“
Laudon hatte den Profeſſor mehrmals in ſeiner Woh⸗ nung beſucht und fand großes Vergnügen an ſeiner Geſell⸗ ſchaft, aber bald quälte ihn der Gedanke, daß dem kranken Dichter ſeine Gegenwart läſtig fallen könne und er geſtand dies Bedenken auch offen ein. Ein anderes Mal ſagte Laudon: „Sagen Sie mir nur, Herr Profeſſor, wie es möglich iſt, daß Sie ſo viele Bücher haben ſchreiben können und ſo viel Munteres und Scherzhaftes? Ich kann's gar nicht begreifen, wenn ich Sie ſo anſehe.“
„Das will ich Ihnen wohl ſagen,“ entgegnete Gellert; „aber ſagen Sie mir erſt, Herr General, wie es möglich iſt, daß Sie die Schlacht bei Kunersdorf haben gewinnen und Schweidnitz in einer Nacht einnehmen können? Ich kann's gar nicht begreifen, wenn ich Sie ſo anſehe.“ Laudon lachte herz⸗ lich über die treffende Antwort Gellert's. Der Verkehr zwiſchen Beiden wurde immer inniger und Gellert ſchreibt ſpäter über ſeinen Freund:„Er redete, aber richtig und wahr, nichts von ſeinen Thaten, wenig vom Kriege; in ſeiner Art, ſich zu kleiden, zeigte ſich ebenfalls die gefällige Einfachheit und Anſtändigkeit, die in ſeiner Rede herrſchte. Ich habe aus ſeinem Munde nichts als Erlaubtes und Gutes gehört und immer gemerkt, daß er religiös war. Sein natürlicher ſcharfer Verſtand und ſeine große Aufmerkſamkeit auf Alles erſetzten in der That bei ihm den Mangel an Wiſſen⸗ ſchaften.“
Laudon fühlte ſeinen Mangel an Kenntniſſen gar ſehr und las deshalb gute Bücher, um ſeinen Geiſt zu bilden, denn er hatte durch das rauhe Kriegshandwerk die Empfäng⸗ lichkeit für alles Gute und Schöne nicht eingebüßt; Gellert's Umgang mag für die Folgezeit dieſe Neigung wohl noch be⸗ feſtigt haben, denn im unmittelbaren Verkehr mit dem geiſt⸗ und gemüthvollen Dichter wurden in Laudon viele Anſchau⸗ ungen und Empfindungen lebendig, die bis dahin in ihm ge⸗ ſchlummert hatten, und er bat Gellert, ihn durch Empfehlung guter Bildungsmittel zu unterſtützen. Dieſer ſetzte denn auch dem Feldherrn einen förmlichen Katalog nützlicher und wiſſens⸗ werther Bücher auf und Laudon war für die geiſtige Anregung durch den Dichter ſehr dankbar, und bewies es dadurch, daß er ſich mit der zärtlichſten Sorgfalt nach dem Geſchmack und den Lebensgewohnheiten ſeines neuen Freundes erkundigte und einrichtete.
Gellert erzählt:„Er bat mich nur zu Tiſch, wenn er allein war, ließ meiſtens reiche Speiſen zubereiten, ließ einen gewohnten Wein kommen, ließ mich vom Herzen herausreden und redete ſelbſt ſo, ließ mich bald nach der Tafel gehen— kurz, er nahm meinen Willen faſt ganz an.“
Als Laudon's Abreiſe nahe war, dachte er öfter daran, dem Dichter, mit dem er ſo viele angenehme Stunden verlebt, irgend ein Zeichen der Erinnerung, einen Beweis ſeiner auf⸗ richtigen Verehrung zu hinterlaſſen, und da er ſelbſt nichts ausfindig machen konnte, ſo fragte er ſeinen Freund treu⸗
Zeitung.
herzig:„Was gebe ich Ihnen denn, das Ihnen lieb iſt? Ich möchte es gern wiſſen!“
„Aber, Herr General,“ erwiderte Gellert eben ſo offen⸗ herzig mit Hinweis auf ſeine zerrüttete Geſundheit,„wenn Sie mir die ganze Welt gäben, wäre mir das unter meinen jetzigen Umſtänden gleichgültig.“
Laudon hatte damals ſeinen Neffen aus der Garniſon Kuttenberg nach Carlsbad kommen laſſen, und der junge Lieutenant bat Gellert, er möge ſich bei dem General ver⸗ wenden, daß er ihn ein Jahr in Leipzig ſtudiren laſſe. Der Oheim gewährte dieſe Bitte gern, indeſſen mag der junge Officier ſeinen Vorſatz wohl geändert haben.
Der General benutzte noch jeden Augenblick, um des Dichters Geſellſchaft ungeſtört zu genießen; er führte ihn häufig aus der Geſellſchaft, die Gellert umgab, ſowie es an⸗ ging hinweg, und in eine einſame Allee, wo er dem Freunde ſein Herz ausſchüttete. Der Abſchied wurde Beiden ſchwer. „Was ich Ihnen jetzt geſagt habe,“ ſprach Laudon in der letzten Unterredung mit dem Dichter,„das behalten Sie auf Ihrem Gewiſſen— leben Sie wohl— ich werde an Sie ſchreiben.“„Leben Sie auch wohl, liebſter Herr Ge⸗ neral, Gott beſchütze Sie und ſegne Sie Ihr Lebelang,“ er⸗ widerte Gellert. 2
Außerdem war Gellerk noch mit vielen anderen hoch⸗ geſtellten Perſonen zu Carlsbad im täglichen Verkehr, z. B. Graf Uhlefeld, der Oberhofmeiſter der Kaiſerin, früher Hof⸗ und Staatscanzler, zeichnete den Dichter in jeder Weiſe aus. Gellert'ſchildert ihn als einen einſichtsvollen, erfahrenen und
bei hohen Jahren noch ſehr belebten Herrn, von dem er nur
bedauerte, daß er ſehr harthörig war. Wenn Gellert bei ihm zu Tiſche geladen war, fand er auf ſeinem Gedecke einen Zettel, auf welchem die Namen ven zwanzig Weinſorten zu ſeiner Wahl verzeichnet waren.
Als der Graf ſeine Kur beendet hatte und aus dem Bade abreiſte, ſchenkte er dem Profeſſor vier Flaſchen Tokayer und ſechs Flaſchen Burgunder, was Gellert nur deshalb annahm, weil ſein eigener Landwein, den er zur Stärkung mitgenommen, verdorben und ungenießbar ge⸗ worden war.’
Als Gellert ſieben Wochen in Carlsbad zugebracht hatte, rüſtete er ſich zur Heimkehr; unmittelbar vor der Abreiſe er⸗ eignete ſich eine Scene, die einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Er beſtellte beim Poſtmeiſter ſeinen Reiſewagen; während des Geſprächs fällt ſein Blick auf einige auf dem Tiſche liegende Bücher, in denen er ſofort ſeine Schriften er⸗ kannte.
„Leſen Sie mich auch, Herr Poſtmeiſter?“ fragte er⸗ ſtaunt der Dichter;„das iſt mir viel Ehre.“
Kaum hatte er die Worte geſprochen, ſo trat eine alte Magd in ſchmutziger Kleidung in die Stube und ging auf ihn zu, deſſen Anweſenheit ſie erfahren hatte.
„Iſt Er der Herr mit dem großen Ruhme, der die ſchönen Bücher geſchrieben hat?“ rief ſie, fuhr noch ſeiner Hand und küßte ſie ohne Aufhören.—„Ach, gnädiger Herr, ich danke Ihm, ich danke Euer Gnaden!“
Kaum hatte ſich Gellert von ſeinem Erſtaunen etwas erholt, als er in ſeiner gütigen Weiſe die alte Magd fragte, ob ſie denn etwas von ſeinen Schriften auch wirklich geleſen hätte, worauf ſie erwiderte, ſie hätte für Alle hier im Hauſe des Poſtmeiſters geleſen und ſich davon erbaut. Und von Neuem rief ſie:—
„Alſo iſt Er der Herr mit dem großen Ruhme?“ indem ſie herzliche Wünſche für ſein Wohlergehen hinzufügte.


