284 Novellen dern derſelben, alſo auch bei Victor Couſin machte, ſagte er unter Anderem, für den Fall, daß Herr Couſin als Philoſoph ſeine dramatiſchen Werke noch nicht genügend kenne, erlaube er ſich, ihm eine Loge anzubieten, um ſein Stück„Olympia's Heirath“ anſehen zu können. Couſin nahm das Billet an und ſagte zu ſeinem Secretär(einem anderen als den obigen):
— Ich nehme Sie heute Abend mit in's Theater.
— Nicht möglich!
— Nicht wahr, Sie finden mich heute ſehr freigebig? Holen Sie mich Abends ab.
Sie gingen alſo am Abend zuſammen, aber am Theater
angelangt, bemerkte Couſin, daß er das Billet vergeſſen habe und
ſagte verdrießlich:— Das iſt ja zum Tollwerden— kom⸗ men Sie, wir gehen wieder, denn ich mag nicht 20 Francs ausgeben, um Olympia ſich verheirathen zu ſehen.
Aber indeſſen ſtürzte ein wahrer Gußregen vom Himmel herab und man mußte einen Wagen nehmen.
— Nach der Sorbonne!l rief Couſin dem Kutſcher zu.
— Schon gut entgegnete derſelbe, auf ſeine Pferde los⸗ peitſchend; eine halbe Stunde darauf hielt der Fiacre vor ei⸗ ner Baumwollſpinnerei und der Kutſcher ſagte:
— Lieber Herr, möchten Sie wohl ſo gefällig ſein und mir ſagen, ob dies die Sorbonne iſt?
— Als Couſin den Kopf herausſtreckte und ſich vor der Baumwollſpinnerei ſah, die noch ein ganzes Stück von ſeiner Wohnung entfernt war, ſtieg er ſcheltend aus und weigerte ſich zu bezahlen; er ging ſeines Weges und überließ es dem unglücklichen Secretär, mit dem Kutſcher fertig zu werden.
Vor einigen Jahren hatte der Philoſoph einen ſehr ſchö⸗ nen jungen Mann als Secretär, welcher ſo weit von ſeinem Principal entfernt wohnte, daß er jeden Morgen durch halb Paris laufen mußte, um dorthin zu gelangen. Eines Tages nahm ihm ein Windſtoß auf dem Pont-Neuf ſeinen Hut und entführte denſelben in die Seine. Als Couſin den Se⸗ cretär baarhaupt ankommen ſah, rief er ihm entgegen:
— Wo zum Kuckuk haben Sie denn Ihren Hut ge⸗ laſſen?
— Meinen Hut? Wozu erſt von etwas ſprechen, was nicht mehr vorhanden iſt? Der Hut wird jetzt etwa in Saint⸗ Cloud ſein, morgen in Havre und in einigen Tagen vielleicht in Amerika, wenn die Strömung günſtig iſt, die ihn mit der Seine in's Meer treibt.
Der große Mann hatte eine erhabene Idee und ſagte: — Ich habe nicht die Gewohnheit, meinen Secretären Vor⸗ ſchüſſe zu bewilligen, indeſſen will ich Ihnen einen Hut geben.
Damit ging er in einen Alkoven und kam dann wieder, ſieben bis acht dickbeſtaubte alte Hüte in der Hand.
— Verſuchen Sie!
Der Secretär verſuchte einen, zwei, alle acht— ſie waren aber alle zu groß und fielen ihm über die Ohren.
— Legen Sie Papier hinein, meinte Victor Couſin.
Dies geſchah, aber die Hüte paßten nun noch ſchlechter.
— Schadet nichts, ſagte der Philoſoph, nehmen Sie trotzdem einen und tragen Sie ihn in der Hand.
So ſah man den jungen Mann ein ganzes Jahr lang überall mit dem Hut in der Hand— warum? wußten nur Wenige, die Meiſten glaubten, es geſchehe aus Eitelkeit, um ſein ſchönes Haar zu zeigen.— r.
Der Architekt Hittorff. Am 27. März fand in Paris die Leichenfeier des 74 Jahre alten Hittorff ſtatt, in welchem die Metropole Frank⸗
„Zeitung.
reichs einen ihrer ausgezeichnetſten Baumeiſter, Deutſchland aber einen ſeiner Söhne verloren hat, auf den es mit Stolz blicken konnte, wenn derſelbe auch ſeit 57 Jahren ſeinen dauernden Wohnſitz in Paris gehabt hat. Der Mann ver⸗ dient, daß wir unſern Leſern Näheres über ſein Leben, ſeine Werke und ſeine Schriften mittheilen.
Jacob Ignoz Hittorff wurde am 20. Auguſt 1793 in Cöln am Rhein geboren und beſtimmte ſich nach dem Wunſche ſeines Vaters für das Baufach, für welches er ſich unter der Leitung der beſten Baumeiſter ſeiner Vaterſtadt, die damals bekanntlich unter franzöſiſcher Herrſchaft ſtand, ausbildete. Um ſich in ſeinem Fache weiter auszubilden, begab er ſich im Alter von 17 Jahren nach Paris, wo er in Percier und Belanger Beſchützer und gleichzeitig treffliche Lehrer fand. Er nahm bald Antheil an den Arbeiten für die Herſtellung des Schlachthauſes du Roule und an der Ausführung der eiſernen Kuppel der Getreidehalle. Im Jahre 1814, alſo im Alter von 21 Jahren, erfolgte bereits ſeine Ernennung zum Inſpector der königlichen Gebäude, und nach dem Tode Belanger's folgte er demſelben in den Functionen als Architekt des Königs. Von da an wurde er mit den wichtigſten Arbeiten betraut, er baute mit Lecointe das Ambigu-Comique-Théätre, reſtaurirte den Saal Favart, entwarf den Plan für das dem Herzog von Berry zu errichtende Monument, ſowie auch den für die Reſtauration der Saint Remykirche in Reims, für die Trauercapelle der Herzogin von Kurland und für ein in Wien zu erbauendes Theater. Er organiſirte die Begräbniß⸗ Ceremonien des Herzogs von Condé und Ludwig's XVIII., die Feſte für die Geburt des Herzogs von Bordeaux, für die Krönung Karl's X. In der damaligen Zeit veröffentlichte er auch ein Werk unter dem Titel: Recueil des décorations et description du baptéme du Duc de Bordeaux.
In Folge der Juli⸗Revolution verlor er eine kurze Zeit ſeine amtliche Stellung, aber bald wurde er wieder zum Archi⸗ tekten der Regierung und zu dem der Stadt Paris ernannt, und zwei Jahre ſpäter, im Jahre 1832, begann er ſeine wichtigſten Werke: die Kirche Saint-Vincent de Paul, eine ge⸗ räumige Baſilica im italieniſchen Styl, deren Bau zehn Jahre in Anſpruch nahm; die Verſchönerungen der Champs⸗Elyſées und des Concordienplatzes, wo er die fünf Brunnen, den Piedeſtal des Obelisken, die frühere Rotunda der Panoramas und den großen Circus errichtete, deſſen Succurſale er ſpäter erbaute. Die Mairie des XII. Arrondiſſements auf dem Pantheon⸗Platze wurde von ihm beendigt. Nach einer Unterbrechung von mehreren Jahren wurde ihm-1852 von der kaiſerlichen Regierung der Auftrag ertheilt, die Ver⸗ zierungen auf dem Concordien⸗Platze umzugeſtalten und die großen Arbeiten im Boulogner Wäldchen zu leiten. Von ihm rührt der Entwurf der Avenue de l'Impératrice her und ebenſo zeichnete er den Plan der Zugänge des Triumphbogens de l'Etoile. Außerdem hat er ſich in Paris durch den Bau des prachtvollen Bahnhofs der Nordbahn und in der letzten Zeit der Mairie des I. Arrondiſſements und des Hospice Eugène Napoleon ein ſchönes Denkmal errichtet.
So entfaltete Hittorff, welcher die Werke des Alterthums gründlich ſtudirt hatte und es verſtand, ſeinen gereiften Ge⸗ ſchmack den verſchiedenartigſten Anforderungen anzupaſſen, in ſeinen Werken eine ganz ungewöhnliche Mannichfaltigkeit. Oeffentliche Plätze, Fontainen, Gärten und Promenaden, Matrien und Theater, Bahnhöfe oder Gräber, Paläſte oder Tempel, ſein vielſeitiges Talent wußte Alles zu erfinden, Alles zu erbauen, Alles zu verzieren.
Hittorff war aber nicht blos praktiſcher Baumeiſter,


