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hielten wir den Gärtner denn eine ziemliche Weile auf, be⸗ ſahen uns ſeine Früchte, nahmen ein Stück nach dem andern aus ſeinem Korbe heraus und kauften nichts. Gutmüthig ließ ſich der Mann dies Alles gefallen, und als wir uns zum Geben wandten, frug er mich mit der ausgeſuchteſten Höf⸗ lichkeit, ob ich ihm nicht wenigſtens das Vergnügen machen wolle, ſeine Früchte zu koſten und ein paar Stück davon zur Probe anzunehmen. Darauf nöthigte er mir mit der freund⸗ lichſten Miene von der Welt einige ſeiner ſchönſten Mangos und Orangen auf und lehnte auf das Beſtimmteſte jede Be⸗ zahlung ab, welche ich ihm dafür anbot.
Auf dem Rückwege hörten wir entſetzliches Geſchrei, das mit Ausbrüchen noch entſetzlicheren Gelächters abwechſelte, und ſtießen bald auf einen gewaltigen, wildausſehenden Mann, der in völliger Tobſucht zu ſein ſchien, dann und wann ſtehen blieb und auf Alle um ihn her eine Fluth der energiſchſten Flüche und Schimpfwörter ſchleuderte.
Ein großer Volkshaufe folgte ihm, der ihn mit Stei⸗ nen und Koth bewarf, was er ſeinerſeits mit Zinſen erwi⸗ derte, indem er die größten Kieſel aufhob, die er erraffen konnte, und dieſe mit einer ſolchen Kraft in Bewegung ſetzte, daß der feſteſte Negerſchädel dem Wurfe kaum widerſtan⸗
Novellen⸗Zeitung.
Da jedoch keiner der Anweſenden von dem Treiben des Mannes die geringſte Notiz nahm, ſo behielt ich meine Be⸗ ſorgniß für mich und fuhr im Geſpräch mit meiner Nach⸗ barin und im Eſſen fort. Ein paar Augenblicke darauf mußte ich mich aber doch wieder nach dem Wahnſinnigen umſehen; zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß derſelbe wirklich ein Meſſer in der Hand und ſich damit ſchon ziemlich ſchwer ver⸗ letzt hatte, denn das Blut tropfte von ſeinem linken Arme herab. Ich machte meinen Freund auf den Vorfall aufmerk⸗ ſam. Mit großer Geiſtesgegenwart ſtand der Hausherr auf, füllte ein Glas mit Wein und bot es dem Manne am Buf⸗ fet an. Dieſer heftete einen Blick auf den Sprechenden, der nichts Gutes verkündete, legte aber ruhig das Meſſer nieder und verließ, ohne weiter ein Wort zu ſagen, das Zimmer. „Armer Burſche,“ ſprach mein Freund, als er mit völliger Gelaſſenheit wieder am Tiſche Platz genommen hatte,„er war einer der ausgezeichneten Gelehrten unſerer Univerſität, bis ihm ſeine Braut untreu wurde und ſeinen Bruder hei⸗ rathete. Von da an iſt er unheilbar wahnſinnig.“
Eine ähnliche Scene erlebte ich in einer muſikaliſchen Soirée, bei einem der erſten Beamten der Republik. Eben hatte ſich die Dame vom Hauſe an's Piano geſetzt, als ein
den haben würde. Der Mann war in der That ein Toll⸗ häusler, und zwar vom gefährlichſten Schlage, der hier un⸗ gehindert in den Straßen umherlaufen und nach Herzensluſt Unheil ſtiften durfte.
„Eine widerwärtige Scene,“ ſagte ich zu meinem Be⸗ gleiter.„In jeder europäiſchen Stadt würde ſich die Polizei einmiſchen und den armen Wahnſinnigen vor den Brutali⸗ täten des Publicums und dieſes vor ſeiner Wuth ſchützen. Haben Sie denn kein Irrenhaus in Venezuela?“
„Irrenhäuſer haben wir nicht,“ lautete die Antwort. „Wozu auch? Ich habe noch nie gehört, daß die nach ihrem Belieben umhergehenden Irren ernſtliches Unglück angerichtet hätten. In der Regel ſind unſere Wahnſinnigen ſehr ruhige Geſellen; was Sie jetzt geſehen haben, iſt ein Ausnahme⸗ fall. Uebrigens werden Sie, ehe Sie uns verlaſſen, noch Gelegenheit haben, Ihr Urtheil über den Gegenſtand zu mo⸗ dificiren.“ 3
Am nächſten Tage ſollte ich bei meinem Bekannten ſpeiſen. Ich begab mich, wie verabredet, gegen ſieben Uhr Abends zu ihm und fand außer ihm nur die Damen des Hauſes, ſehr feine, liebenswürdige Erſcheinungen, anweſend. Schon war das Mahl, ganz in engliſcher Weiſe angeordnet, halb zu Ende, als ein Herr, den ich vorher nirgends geſehen, eilenden Schrittes in das Zimmer trat und ſchnurſtracks au die Herrin vom Hauſe zuging. Ich dachte, er wollte ſich we⸗ gen ſeines Zuſpätkommens entſchuldigen, allein er ſprach kein Wort, ſah ihr ein paar Minuten ſtarr in's Geſicht und ſchritt dann rund um die Tafel nach der andern Seite des Gemachs, wo er ſich in die Betrachtung eines Gemäldes ver⸗ tiefte. Ein eigenthümliches Benehmen, dachte ich, aber ich hielt den Herrn für einen genauen Freund des Hauſes, der ſich allenfalls einige Freiheiten erlauben konnte. An unſer geſtriges Geſpräch über Irre und Irrenhäuſer erinnerte ich mich im Augenblicke nicht. Als indeß der Mann wieder und immer wieder um unſern Tiſch herumging und abgebrochene Sätze murmelte, begann ich zu begreifen, wie es mit ihm ſtand: der neue Gaſt war wahnſinnig. Auf einmal rannte er auf das Buffet los und ſpielte mit den hier ſtehenden und liegenden Dingen und Geräthen.„Das wird gut werden,“ dachte ich, wenn der Verrückte jetzt ein Meſſer ergreift und damit auf Einen von uns losſtürzt!“
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langer, hagerer Herr erſchien, ſich hinter die Dame ſtellte und mit heiſerer, krächzender Stimme zu ſingen anſchickte. Die ganze Verſammlung ſchien erſchrocken, doch Niemand that dem Beginnen des Eindringlings Einhalt. Die Gruppe,
.die ſich um das Piano gebildet hatte, löſte ſich allmälig auf,
nur die Dame ſetzte gelaſſen ihr Spiel fort, bis der Wahn⸗ ſinnige— denn auch dieſer ungebetene Gaſt war ein ſolcher — plötzlich mit voller Fauſt auf die Taſten ſchlug und ein nervenerſchütterndes Gebrüll anfing. Jetzt erſt erhob ſie ſich vom Piano, der Irre aber tobte fort und dennoch legte Nie⸗ mand Hand an ihn, um ihn aus dem Zimmer zu ſchaffen, oder verſuchte wenigſtens, ihn zu begütigen,— eine Tole⸗ ranz, welche ſich mit europäiſchen Anſchauungen nicht verein⸗ baren laſſen will. 1
Am nächſten Sonntag fand das erſte jener officiellen Frühſtücke ſtatt, die ich hatte annehmen müſſen. Es war beim Miniſter der öffentlichen Arbeiten und ein überaus glänzen⸗ des Feſt mit mehr Schüſſeln als Gäſten, einer verſchwende⸗ riſchen Fülle von herrlichen Blumen und Früchten, welche das ganze Gemach mit dem köſtlichſten Arom erfüllten. Mir war der Ehrenplatz angewieſen, neben dem gegenwärtigen Präſidenten der Republik, einem alten General von einer eiſernen Conſtitution, der zu meinem Unglück alle Menſchen für gleich ſtark erachtete. Zwiſchen jedem Gange des Mah⸗ les nöthigte er mir eine der Früchte auf, welche reizend für Auge und Naſe, aber im höchſten Grade ſchädlich für den Magen des Nichtacclimatiſirten, die Tafel ſchmückten, ſo daß der Verlauf des Frühſtücks ſich für mich etwa folgenderma⸗ ßen geſtaltete. Eine mächtige Schüſſel voll Schildkrötenſuppe, dann eine halbe Ananas; Fiſche und Auſtern, darauf ver⸗ ſchiedene Cactusfrüchte, die man hier Tuna nennt; mit Zwie⸗ beln gefüllter Truthahn, hinterher ein Teller Kirſchen; ein Fricandeau von mir unbekanntem Fleiſche, darnach ein paar Orangen; Landſchildkröte in Ragout, alsdann Weintrauben und ſo fort in ſchier endloſem Wechſel. Es war ein hartes Stück Arbeit und die Perſpective auf eine Reihe ähnlicher Feſte, die ich noch abzuthun hatte, keineswegs erfreulich, Al⸗ lein es mußte aus⸗ und ſtillgehalten werden..


