Jahrgang 
1-26 (1867)
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Geh hinauf, Mama, flüſterte ſie ſchaudernd. Sage der prunkenden Balldame, daß der Mann, den ſie und ihr Vater am grünen Tiſch zu Grunde richteten, ſie jetzt vor Gott verklagt; daß meine Schweſter nur ihretwillen verzweifelt. Ich kann es nicht länger er⸗ tragen, ſie tanzen und lachen zu ſehen, eben ſowenig, daß dieſe thörichten jungen Menſchen um ſie herum ſich wie die Motten an ihrem flatternden Licht verzehren.

Die Frau hielt erſchöpft inne, dann ſchloß ſie ſanfter:

Gott ſei Dank, daß ich meinen unſchuldigen Carl noch vor ihr hüten kann.

Aber der Großmutter bange Mienen ſuchten den Liebling. Sie hatte viel in ihrem Leben geſehen, und war dieſe Sidonie wirklich ein ſo gefährliches Geſchöpf, dann hielt ſie die Jugendlichkeit ihres Enkels ant wenigſten für eine Wehr gegen ihre Reize.

Die gefürchtete Dame ſchwatzte und lachte mit Henzn von Tapinsky.

Carl führte Flora Bröſe, des Pfarrers hoch⸗ ſtämmige Roſe, zur Quadrille und der luſtige Junge erinnerte ſie wohl neckend an die gemeinſchaftlich ver⸗ lebte Kindheit, da er häufig für den Ritter vonBröſes oder, wie man auch ſagte,Paſtors Bausbäckchen galt.

Die große Flora mit den carmoiſinrothen Wangen blickte ſchmelzend auf ihr Bouquet nieder. Tiefer konnte ſich ihr Antlitz nicht mehr färben. Es erhielt ſich ſtets auf dem Höhepunct flammender Geſundheit.

Die Generalin athmete auf.

Ja, ja, ſein Herz iſt frei und unbeirrt. Er hat Anhänglichkeit an die Spielgefährtin. Jetzt in⸗ tereſſirt ihn die Flora vom Dorfe, vorhin der Stern der Hofkreiſe. Sidonie hat jedenfalls keine größere Macht über ihn, wie Alles, was ihm für den Augen⸗ blick Vergnügen ſchafft. Er iſt vollkommen harmlos.

Großmama wandte alle Mühe auf, die Schwieger⸗ tochter zu beruhigen, und wirklich vermochte die Arme ihre Faſſung bis zum Morgen zu bewahren.

Als dann aber das Rollen des letzten Wagens verhallt war, das Kerzenlicht dem glänzend anbrechenden Tage wich und Herren und Knechte nun begannen, ihren gewohnten Beruf aufzunehmen, da wurden auch der General und Peter II. mit dem Trauerfall bekannt gemacht.

Carl war nicht zu finden.

Sein Burſche ſchlich pfiffig zur Seite.

Ich ſehe nicht ein, dachte er bei ſich,warum ich aller Welt erzählen ſoll, daß mein Herr Lieute⸗ nannt an der luſtigen Nacht noch nicht genug hatte. Ich hole, wie er mir befahl, um neun Uhr den Rap⸗ pen aus der Birkenſchlucht ab, und unterdeſſen denken die Alten, er ſchläft ſich aus. 7

Novellen⸗

Zeilung.

So geſchah es auch.

Carl ſchläft, ſagte Großpapa,er ſollte ſich ſchämen, denn wir Alten ſind nicht müde.

Roſa bat:Gönne ihm ein paar Stunden, er hat unaufhörlich getanzt.

Großmutter ſorgte, daß der Kaffee gegen neun Uhr für ihn fertig ſei, und friſch und erquickt erſchien dann auch der junge Held, eine wilde Roſe im Knopfloch.

Seine Mutter war über die ſeltene Blume ver⸗ wundert. Im Garten gab es doch nur Centifolien.

Ein Zweig der Gloire de Dijon iſt wild ausge⸗ ſchlagen, belehrte Carl erröthend. Er ſteckte die Blume ſorgſam in die Bruſttaſche.

Großmama lächelte.

An Bröſe's Hecke blühten dieſe Roſen, denn es war da ſchattig und geſchützt.

Der Burſche des Herrn Lieutenants wußte auch von einem Roſenbuſche zu erzählen, aber der ſtand in der Birkenſchlucht, links ab, von dem Schulzendorfer Weg Sidonie und die abſcheuliche alte Tante wohnten ſeit ſechs Wochen auf Schulzendorf und gingen übermorgen nach Montreux.

Als der junge Ofſicier von dem jähen Tode ſeines Oheims hörte, bemächtigte ſich ſeiner wahr⸗ haftes Entſetzen. Es bedurfte mehrerer Stunden, ehe er hinlänglich Faſſung errang, um ſeine Reiſe zu be⸗ ſtellen. Denn natürlich dachte er den Vater zu be⸗ gleiten.

Die Wittwe Murſteins ſollte in Buchenau Auf⸗

nahme finden; Peter der Zweite und Carl die Be⸗ ſtattung des Unglücklichen und dann, wenn es möglich

ſei, eine Ordnung der zerrütteten Vermögen sverhält⸗ niſſe übernehmen.

Daß Luiſen und ihrem Töchterchen Etwas zu retten ſein werde, hoffte Niemand, aber man wollte wenigſtens verſuchen, den Namen vor Schande zu be⸗ wahren.

Profeſſor Peter war mit hinlänglicher Vollmacht⸗

des Generals verſehen, und ſchlimmſten Falles aus deſſen Mitteln noch das Nothwendigſte zu beſtreiten. Auf der erſten Eiſenbahnſtation, kaum eine Stunde

von Buchenau entfernt, wurde den Herren ein Tele⸗

gramm eingehändigt:

Der Arzt der Frau von Murſtein bittet um ſchleunigen Beiſtand. Frau Luiſe iſt in Folge der Erſchütterung beim Tode des Gemahls an wieder⸗ holtem Blutſturz geſtorben. Selbſt todtenbleich, reichte

Carl das Blatt ſeinem Vater. (Fortſetzung folgt.)

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