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meine ſtandhafte Tochter. Laß es den lieben Jungen nicht ahnen, wie ſchwer der Tag für Dich iſt.“ „Mutter, auch Du ahnſt es nicht. Der Brief heute Abend enthielt mehr, wie ich Dir ſagte, um auch Dir das Feſt nicht zu trüben.“ Sie fügte ſehr leiſe hinzu: „Murſtein iſt todt, Mama. Er hat ſelbſt Hand an ſein Leben gelegt.“ Entſetzt legte die die
Gräfin die Hand vor
Augen. Sie zitterte, und murmelte tonlos vor ſich hin:
„Gott verzeihe ihm die ſchweren Sünden und ſei der ſchwerſten ein barmherziger Richter.“
Geſenkten Hauptes ſchritten beide Frauen hinaus in die liebliche Sommernacht.
Auf dem Thal lag tiefer Frieden.
Sie ſahen von der Terraſſe, auf der ſich das neue Wohnhaus ſtattlich gegen die aufſteigenden Hügel lehnt, hinüber nach den dunklen Wäldern, nach dem Kreuz der Kirche am Fuß des Vierklewerberges. Wo die Mühle ihr Dach heimlich unter den großen Ka⸗ ſtanien birgt, da huſcht luſtig murmelnd der Bach dem Gutshof zu, unter breitgewölbter Brückenlage durch, neben dem eiſernen Gitter, bis zum Bruch. Er wispert geheimnißvoll in der Seufzerallee, der man danach den großartigen Namen beigelegt hat.
Zutraulich und von der üppigen Vegetation an⸗ gelockt, hielten ſonſt Rehe hier gern ihre Raſt. Sie traten oft an den Fahrweg und blickten fragend hinauf, wenn ſie von dem Geräuſch der Räder in ihrer Sieſta geſtört waren.
Der General duldete in der Nähe des Dorfes niemals Jagd, um ſo mehr, als es Roſa's beſondere Freude war, das Wild zu beobachten. Seit einem Jahre waren die Rehe verſchwunden.
Des Müllers Küchengarten dehnte ſich jetzt bis zum Bruch aus, und ſein Kettenhund erfüllte die Seufzerallee mit ſehr unerquicklichor Muſik.
Die Frauen im Buchenauer Garten hatten ſich weinend eine kurze Zeit ihrem Schmerz überlaſſen, dann erhob die Greiſin ihre Hand zum Hegen:
„Herr, du wolleſt uns den Frieden hier erhalten, deinen Frieden, der höher iſt, denn alle Vernunft. Du wolleſt auch ferner von uns abwenden das Trei⸗ ben und die Unruhe der Welt. Wolleſt auch unſer Kind ſegnen, daß es ſein Herz bewahrt, daß der Fürſt der Finſterniß ihm nicht Fallen lege, daß die Ver⸗ ſuchungen es geſtählt finden. Laß die Gebote der Alten wie Engel neben ihm ſtehen.“
Roſa hatte die Hände gefaltet; auch ſie blickte zu den Sternen auf.
Von dem hellen Saal des Geſindehauſes klang
Novellen⸗Zeitung.
Sohlen, die ſich in ächt ländlicher Weiſe im Tanze drehten.
Unter den flimmernden Glaskronen der großen Halle aber wiegten ſich luſtige Geſtalten nach der Muſik, die Carl's Regiment zu ſeinem Ehrentag ge⸗ ſtellt hatte.
Der Commandeur war ein Jugendfreund des alten Peter von Buch und mit Frau und Kindern anweſend.
Neben einem blühenden Fliederbaum am Fuß der Stufen, die zum Saal führen, lehnte flüſternd ein junges Paar.
„Sidonie,“ bat der junge Officier erröthend, wäh⸗ rend er ihre feinen Finger küßte,„Sidonie, verſprechen Sie mir, daß wir uns bald wiederſehen.“
Das ſchöne Mädchen ſah unruhig um ſich. Sie hatte die Schritte der alten Dame nicht überhört und ſie war vorſichtig.
„Ihre Mutter kommt. los, Herr von Buch.“„
Sie war faſt erzürnt, da er ſie dennoch in der ſeinen behielt.:
„Carl, Sie dringen wie ein verzogenes Kind. Doch meinetwegen. Sei es denn!“
Sie ſchien ihren Handſchuh feſter zu ſchließen. Ein zuſammengedrücktes Blatt fiel herab, Carl hob es auf und ſteckte es haſtig zu ſich.„Sidonie,“ bat er von Neuem,„gehen Sie nicht wieder zu Peterswaldau. Ich flehe Sie an, vermeiden Sie die Geſellſchaft ſeiner Mutter. Es iſt mir unerträglich, Sie dort zu wiſſen, während mich meine armen Eltern hier glücklich wähnen.“
„Kleiner Eiferſüchtiger!“ ſchalt die Damen„Wenn Ihnen jetzt der bucklige Peterswaldau gefährlich ſcheint, wie vor drei Monaten ihr geiſtes⸗ und herzensſchwacher
Laſſen Sie meine Hand
Oheim, dann ſtehen Sie wirklich noch in den Kinder⸗
ſchuhen Ihrer Fähndrichszeit.“ Die Stirn des jungen Mannes legte ſich in düſtre Falten.
„Sie wiſſen wohl, Sidonie, daß die alte Gräfin beſtimmte Hoffnungen und Pläne verfolgt.“
„Ja wohl, ja wohl, mein guter Herr von Buch,“ lächelte die Schöne, während Sie die Blüthenbüſchel des Flieders über ihrem Haupt ſchüttelte;„die alte Petersaldau wünſcht ſich eine anſpruchsloſe, unbe⸗ deutende Schwiegertochter, und da ſcheint ihr die ver⸗ waiſte Siddy für den buckligen jungen Greis eine ganz paſſende Acquiſition. Die Sidonie muß ſich ihre Ballfähnchen mit freundlicher Miene von Onkels und Tanten ſauer erobern.“ Bitter und mit höhniſch ver⸗ zogenem Geſicht ſchloß das junge Mädchen:„Wir wollen ſehen, wie theuer Siddy ſich verhandelt.“
Fiedel und Baßgeige, dazu das Stampfen derber
„Carl griff heftig nach ihrem Arm.
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