Vierte Folge. 269
8 brachte, fühlte ich mich furchtbar unglücklich. Der Verluſt der ,— Ich bitte Sie, Herr Claude, nehmen Sie das; es b wun Freiheit war mir eine unerträgliche Qual. 1— Ich beneidete iſt Vanillenchocolate. Ich weiß, Sie haben bei Herrn R. ihr Kin heimlich den Schuhputzer, der ſingend und pfeifend unter den nicht viel verdient. Das giebt ein paar Frühſtücke. Fürchten *r Rind Fenſtern vorüberging. Wie gern hätte ich meinen ganzen Sie nicht, mich zu berauben: der Chriſttag iſt vor der Thür, R for Weisheitsſchatz um ſeinen ſchmutzigen Schemel und ſeine Mama wird mir andere Chocolate geben, und Ihnen giebt 4 ſchwarzen Hände gegeben. Manchmal erſtickten mich faſt die vielleicht Niemand was.“ der Zig⸗ Thränen, aber ich wagte nicht zu weinen; ich mußte die Dieſes unerwartete Zeichen herzlicher Zuneigung emit vor⸗ Nacht abwarten, um mir dieſen Genuß zu geſtatten. Ich brachte mich in Verlegenheit. Ich bin mit einer ſehr einfäl⸗ n und e⸗ ſagte oft zu mir, warum hat mich mein Vater ſein Handwerk tigen Erregbarkeit behaftet und mein in Schwingung geſetz⸗ und führte nicht gelehrt? Da hätte ich Alles, was ich brauche: Brod und tes Gefühl entbehrt aller Geiſtesgegenwart. Statt dieſem lie⸗ ltes Stück Freiheit, mehr habe ich nie verlangt, und hier habe ich we⸗ benswürdigen Jungen zu danken, fing ich zu weinen an wie — der Brod noch Freiheit. Der gute Mann hatte geglaubt, ich ein großer Eſel. Er machte inzwiſchen Anſtalt, ſein Packet em Lehrer, müſſe mit Hülfe der Ausbildung, die er mir geben ließ, mei⸗ in meine Fracktaſche zu ſchieben, und ich— von Thränen ein Latein, nen Weg machen, wie ſo viele Andere; aber ſtatt der Gold⸗ geblendet, vom Schluchzen erſtickt, unfähig zu ſprechen— t gekauſt ſtücke gab er mir Rechenpfennige in den Beutel. Ich bin zu ſuchte ſeine Hände aufzuhalten, aber vergeblich. Sobald die rengeſchäft dumm, zu unbeholfen, zu ränkelos, um beim Unterrichtswe⸗ Chocolate in meiner Taſche war, nahm der liebe kleine Schelm er ſich den ſen Glück zu machen. Das Glück iſt wie die hohen Bäume: ſeinen Flug wie ein Vogel, den man aus einem Buſch in den dem Ende nur das Inſect, das kriecht, oder der Vogel, der fliegt, kann andern jagt. Einige Schritte vor mir blieb er ſtehen. erausgege⸗ ſein Neſt auf ihnen bauen.„— Herr Claude, rief er, wenn Sie mir verſprechen einer an⸗ Uebrigens war ich erſt am Anfang meiner Qual. Nach wollen, die Chocolate zu behalten, ſo komme ich wieder zu r Zeit ſehr zwei oder drei Tagen hatten meine Untergebenen allen Re⸗ Ihnen, ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen.“ eiten ihrer ſpect vor meiner Perſon verloren. Die zwei Nationen, die„„— O lieber Kleiner, ich verſpreche Dir's; ich werde nnaco hätte ſich täglich bekriegten, ſchloſſen einen Waffenſtillſtand und ſie immer behalten zum Andenken an unſere Freundſchaft.“ e Duoden verbündeten ſich gegen mich. Mein grauer Frack, welchen Er kam zurück und nahm mir beide Hände. der beſte Schneider meines Ortes gefertigt und meine„— Nun müſſen Sie mir noch verſprechen, daß Sie enügt, um prachtvoll erklärt hatte, war das Ziel aller mir's zu wiſſen thun, in welches Inſtitut Sie eintreten. Ich mit pül en und öfters ſogar ihrer Wurfgeſchoſſe ge⸗ mag den Herrn R. nicht leiden, weil er ein Royaliſt, und die au Stande. ein Strafen half, Klein und Groß lachte zu mei⸗ Madame R. nicht, weil ſie eine Engländerin n aber Sie ener Geiſt⸗ afen; de Schularreſt war ihnen ſo lieb wie die liebte ich von der erſten Stunde, ich weiß nicht wium, und en Folian⸗ Eryolung, denn beim Schularreſt mußte ich den Vorſitz ich werde Mama ſo lange bitten, mich zu Ihnen zu bringen, d die Kno führen. Unzähligemal kam ich in Verſuchung, an dieſer fre⸗ bis ſie einwilligt.“ ratur, die, chen und in ihren Poſſen grauſamen Bande eine ſofortige und„— Gut, mein Kind, ich verſpreche Dir auch das.“ en Butze ſummariſche Rache zu nehmen. Aber wenn ich fortgeſchickt Und indem ich meine Hände aus den ſeinigen löſte, gaben ihn wurde, was ſollte ich machen? Wie ſollte ich meinen Eltern, floh ich auf die Straße, denn ich ſpürte, wie mir das Weinen legen, ti die mich auf beſtem Wege glaubten, unter's Angeſicht treten? wiederkam. Aus einiger Entfernung ſah ich meinen jungen u dich e Und ſelbſt wenn ich dieſen Entſchluß hätte faſſen wollen, wie Freund auf der Terraſſe ſtehen. Er blickte mir nach mit Au⸗ l le da eeinen Platz auf dem Poſtwagen bezahlen? Ich gen, die gewiß voller Thränen ſtanden. dlgen, un keinen Heller. Meine Familie gab mir eine Seitdem vergaß ich dieſes Kind. Ich aß brutaler MGermau von fünf Franken monatlich, die mir durch Weiſe ſeine Chocolate, ohne ihm Nachricht von der Penſion — autter zukamen; aber dieſe fünf Franken hatte ich zu geben, in die ich getreten war. Ich habe es vergeſſen, wie ſenm 5 ödchen und Brezeln vernaſcht, die ich unterwegs der Wanderer den Baum vergißt, unter welchem er, auf ſei⸗ 4 nn aß, wenn ich ausging, denn ich hatte fortwährend Hunger.“ nem Weg durch die Wüſte, einen Augenblick ausruhte. Dieſe m der ine Endlich aber brach dem armen Tillier doch die Geduld, arme verſtorbene Liebe, hier ruht ſie in einem Winkel meines 1, di der und nachdem er eines Tages einen unverſchämten jungen Herzens unter einem roſenfarbenen Flor; denn das Schickſal uh, Engländer gebührend durchgewalkt hatte, mußte er die Pen⸗ des Menſchen iſt das Vergeſſen. Auf dem Grunde jedes 1 de pi ſion im Spätjahr 1820 verlaſſen. Menſchenherzens liegt, ach! ein Häufchen Schlacken und r, well 5„Ich hatte— erzählt er weiter— mit Herrn R. ab⸗ Aſche. Unſere Seele iſt ein Friedhof voller Gräber und Kſſe tben gerechnet. Es kamen mir noch zweiundzwanzig Franken und Grabſchriften, ein Bret, wo die jungen Blüthen in die todten zehn Centimes zugut, die er mir gab. Sie hüpften mir in Blumen ihre Wurzeln ſchlagen. Das Vergeſſen iſt eine ich zwande der Taſche. Meine Habſeligkeiten waren bald beiſammen. Wohlthat Gottes; denn wenn der Menſch, während rings u als Mik Mein ganzer Koffer beſtand aus einem alten, an den vier um ihn Alles ſich wandelt und vergeht, nicht die Gabe des Franzoſel Zipfeln zuſammengeknüpften Halstuch, das mehr bekritzeltes Vergeſſens hätte, ſo wäre er das unglücklichſte aller Geſchöpfe; weier Na⸗ Papier enthielt, als Wäſche. Ein alter Cigarrenſtumpf, der ſein Leben wäre ein unaufhörlicher Schmerz und ſein Auge länder de ſich in meiner Taſche vorfand, kam mir zufällig unter die ein unerſchöpflicher Thränenquell.“ he Byron⸗ Finger. Es ſchien mir am Platze, mit der Cigarre im Munde Auf die Leiden des Lehrergehülfen folgen die Qualen dieſe ſollin abzuziehen. Ich zündete ſie in der Küche an und ſchritt des Schulmeiſters. Die lebhafte Schilderung derſelben giebt Racine s ſtolz über den Hof, wie eine Garniſon, die mit allen Kriegs⸗ zugleich eine Andeutung der Kämpfe, die Tillier mit dem Austauſche⸗ ehren die Feſtung verläßt. Am großen Thore ſtand ein Knabe, Clerus zu beſtehen hatte. Er ſchreibt: „Abjecki⸗ der auf Jemand zu warten ſchien. Dieſer junge Zögling„Wer von uns Beiden verdient ſein Brod ehrlicher, onen. 6 war im Arbeitsſaal mein Tiſchnachbar geweſen, und ich hatte ihr Biſchöfe, oder wir Schulmeiſter? Wir ſtecken vom Mor⸗ in ſolce ihm oft bei ſeinen Aufgaben geholfen. Sobald er mich kom⸗ gen bis zum Abend in einem Rudel Kinder, die kläffen wie Babel, d” men ſah, lief er auf mich zu und ſtreckte mir etwas Viereckiges, eine Meute, und quälen uns, um die ſchwerfällige verroſtete 29 in weiß Papier Gewickeltes entgegen. Maſchine, die man Schule nennt, in Gang zu bringen; und Hauſe-


