Jahrgang 
1-26 (1867)
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270 Novellen⸗

ermüden uns wie ein Holzhacker, der ſeinen Keil in einen Klotz treibt, um Buchſtaben und Silben in die harten Kin⸗ derköpfe zu keilen, und ruiniren uns, um langweilige Erklä⸗ rungen hundertmal zu wiederholen. Der arme Wegknecht kann ſeine Haue einen Augenblick ruhen laſſen, um einem alten Bekannten, der vorüber geht, die Hand zu drücken; der Maurer auf ſeinem Gerüſt dreht den Kopf nach der Gaſſe und blickt einem Mädchen, dem er freundlich zuwinkte, lange Zeit nach. Der Schloſſer, während er den Blasbalg auf⸗ und abzieht, träumt von ſeiner Heimath und vom Tage des Wiederſehens; der Schneider, der ſeinen Rock näht, findet in einer Falte ſeines Tuches ein luſtiges Lied, das er wieder und wieder erklingen läßt, das er probiren will. Aber wir, wir müſſen unſern Kopf bewachen, wie eine Schildwache ihren Platz; wir müſſen jeden Traum, jede Erinnerung, jeden Wunſch unerbittlich abweiſen; wir müſſen ſehen und ſprechen zugleich, dieſen bändigen, jenen anſpornen, hier die Ordnung wahren, dort den Fleiß erwecken; kurz, wir müſſen die Ar⸗ beit thun von Dreien. Manche von uns haben glänzende Fähigkeiten, aber wenn ſich ihr Geiſt in höhere Regionen verſteigen will, müſſen ſie ihm die Flügel an den Katheder nageln; ſie haben ein goldenes Werkzeug und müſſen Steine damit klopfen. Und ihr, ihr Herren Biſchöfe, was thut ihr inzwiſchen? Ihr predigt auf einer Canzel, ihr ſpaziert als kleine Herrgötter unter einem Baldachin, ihr laßt euch von Leviten beräuchern, oder ihr verbannt gar einen alten Pfar⸗ rer aus ſeinem befreundeten Sprengel. Für dieſes harte Stück Arbeit zahlt euch die Regierung zehntauſend Franken per Jahr, aber ihr ſeid keine Leute, die ſich mit ſo Wenigem begnügen. Ihr macht jedes Jahr eine Reiſe, und wenn ihr fünfzig Stunden weit gefahren ſeid, kehrt ihr ermattet und erſchöpft in euern Palaſt zurück, um auszuruhen, und für dieſe

mühſame Wanderung verlangt ihr nicht weniger als zwei⸗

tanſend Franken. Ihr nennt das Reiſediäten. Ach! wie viele von uns wären überglücklich, wenn ſie für die ſaure Arbeit eines ganzen Jahres nur die Hälfte von dem bekämen, was ihr in acht Tagen mit Frühſtücken, Mittageſſen und Triumphlaufen verdient.

Wolltet ihr etwa behaupten, eurer Fähigkeit gebühre eine ſo großartige Belohnung? Wer ſagt euch denn, daß zu einem Biſchof mehr Verſtand vonnöthen ſei, als zu ei⸗ nem Schulmeiſter? Ein guter Lehrer muß Alles wiſſen, ſo⸗ gar ein wenig Theologie; aber ein Biſchof, was, außer ſeiner Theologie, braucht der zu wiſſen? Glaubt ihr, ehrlich ge⸗ ſtanden, es gehöre nicht mehr zu einem guten Arithmetiker oder guten Grammatiker, als zum Fabrieiren heiliger Oele? Ich wette, daß die Perſon des Herrn Dupin genug Stoff zu zehn Biſchöfen enthält, aber ich leugne, daß man einen ein⸗ zigen Schulmeiſter aus ihm machen könnte. Oder wolltet ihr etwa gar behaupten, die Höhe eures Gehaltes richte ſich nach der Nützlichkeit eurer Verrichtung? Dies wäre eine zweite Selbſttäuſchung; auch nach dieſer Seite hin ſind wir im Vortheil. Die Diöceſe war vier Monate lang ohne Bi⸗ ſchof, und kein Menſch merkte was davon. Die Glocken läu⸗ teten, die Meſſen wurden geleſen, die Weiber gingen zur Beichte, nach wie vor; es war nur ein Prieſter weniger in der Stadt, und ſeit der Ankunft Seiner Eminenz iſt einer mehr da, das iſt Alles. Aber wenn die Diöceſe vier Mo⸗ nate lang ohne Schulmeiſter bliebe, glaubt ihr, das wäre ge⸗ rade ſo? Werft uns alſo nicht wieder vor, daß wir Unter⸗ richt geben, um Geld zu verdienen, denn ihr ſeht, daß wir im Stande ſind, euch zu antworten..

Zeitung.

Die Bettler in Spanien und Italien.

Die Journale in Oviedo und Omiera melden, daß ein Schwarm von ettlern dieſe beiden Städte förmlich über⸗ ſchwemmt hat. Sie kommen meiſtens von den canariſchen In⸗ ſeln und aus Catalonien, von wo ſie ſich in's Innere der Halb⸗ inſel verbreiten, um nach der Reihe die Gegenden auszubeu⸗ ten, die ſie für ihre Induſtrie für die günſtigſten halten. Die bevölkerſten Städte und die von Ausländern am meiſten be⸗ ſuchten Orte werden natürlich von ihnen beſonders bevorzugt; die andern Ortſchaften berühren ſie nur beiläufig.

Spanien theilt mit Italien das Privilegium, das claſ⸗ ſiſche Land der Bettler zu ſein. Unter dieſen beiden ſchönen Himmeln, die von den Dichtern ſo ſehr gerühmt werden, trifft man ſie am häufigſten.

Die ſpaniſchen Bettler zeichnen ſich durch einen unbe⸗ zähmbaren Stolz aus. Ganz Caſtilien ſcheint in ihren Adern zu fließen. Man kennt die Antwort eines ſpaniſchen Leproſo, die er einem Manne gab, der ihn wegen ſeiner Trägheit ta⸗ delte:Ich bitte Sie um ein Almoſen, nicht um einen guten Rath.

Ein andres Beiſpiel ihres Stolzes iſt' das folgende. Eines Tages kommt ein Virtuoſe in einer kleinen Stadt in der Nähe von Madrid an. Sein Gepäck war gering; ein Koffer, eine Reiſetaſche, ſeine Violine und ein Packet Mu⸗ ſikalien; aber dennoch war es zu viel, um es auf ſeine Schul⸗ tern laſten zu können. Er wird in der Nähe einen Bettler gewahr, dem er ein Zeichen macht, zu ihm zu kommen und dem er dieſe Gegenſtände zeigt. Unſer Mann betrachtet den Koffer und die Reiſetaſche mit einer ſtolzen Verachtung, während er die Violine und das Packet Muſikalien auf ſeinen Arm nimmt und ſagt: Für wen halten Sie mich, Seüor? Ich bin ein freier Mann. Ich willige ein, mich mit ihrer Violine und Ihren Muſikalien zu belaſten, weil es Gegenſtände der Kunſt ſind; was das Uebrige betrifft, ſo wenden Sie ſich an jemand Andern oder tragen Sie es ſelbſt.

Der italieniſche Bettler beſitzt weder den Stolz noch die Schweigſamkeit ſeines ſpaniſchen Collegen. Er iſt ein krie⸗ chender Tiger. Die Hauptſeite ſeines Charakters iſt die Be⸗ harrlichkeit, und der wahre Typus des italieniſchen Bettlers recrutirt ſich unter den Neapolitanern bei den claſſiſchen Laz⸗ zaroni's, die Sonne ſcheint ihn einzuladen, die Hand aus⸗ zuſtrecken. Man muß ihm die Gerechtigkeit laſſen, daß er, ſobald er ſein Tageswerk gewonnen hat, d. h. ſobald er ſoviel Geld empfangen hat, um ſich eine Portion Polenta oder Ma⸗ caroni kaufen zu können, die Hand nicht mehr ausſtrecken würde und wäre er überzeugt, einen Ducato zu erlangen. Weit

er ſofort in tiefen Schlaf verſinkt. Wenn er aber noch nüch⸗ tern iſt, iſt er nicht zu behandeln. Er heftet ſich an die Schritte beſonders der Ausländer und läßt ihnen nicht eher Ruhe, bis er befriedigt worden iſt. Sobald einer von ihnen ein Al⸗ moſen empfangen hat, entfernt er ſich ſogleich, aber ein an⸗ derer folgt ihm, zuweilen zwei bis drei zu gleicher Zeit. Wehe dem Manne, der ſich mitleidig bewieſen hat. Er kann ſicher ſein, daß er in den Straßen Neapels ſtets von einer Bande Tagediebe umgeben iſt, die ihn begleiten und ihm ihr Elend vordemonſtriren. 4

Weder Worte, noch Drohungen, nicht einmal ein Fuß⸗ tritt ſchreckt ſie zurück oder vermindert ihre Hitze.

Indeſſen, wie es für jedes Uebel ein Heilmittel giebt, ſo beſteht auch für dieſes ein ſolches. Die Einwohner des Lan⸗ des ermangeln nie, es anzuwenden, und alle Ausländer, welche davon Gebrauch gemacht, haben ſich auch ſofort von der Wirk⸗

lieber legt er ſich in der Nähe einer Kirche in die Sonne, wott

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