Jahrgang 
1-26 (1867)
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268 Novellen⸗Zeitung.

um Ihres ſchrecklichen Regenſchirms willen geſchehen, ſagte ich mit einer kleinen Eiferſucht.

Ganz wahr, erwiderte er mit ſeinem eigenthümlichen Lächeln;aber ich kam zurück und blickte erſt durch das Fenſter und ſah, wie Sie Ihr Geſicht auf jenem Kiſſen verbargen und wie Carlo nach Ihnen blickte, als finde er es ſeltſam, daß Sie ſo verlaſſen ſein ſollten, und in Folge deſſen kam ich wegen meines Regenſchirms herein; doch um Ihnen die Wahrheit zu geſtehen, ich hatte ihn abſichtlich vergeſſen.

Vielleicht ſagte er das nur, um mir zu gefallen; aber als ich damals in ſein Geſicht blickte, dachte ich nicht ſo, und ob⸗ ſchon ſeitdem manche Jahre über uns Beide dahingerollt ſind, glaube ich es auch jetzt nicht.

Aus Tillier's Memoiren.

Claude Tillier, der 1801 in Clamecy geboren war, der Verfaſſer des trefflichen komiſchen RomansMein Onkel Benjamin, über den wir mit unſeren Leſern noch ſprechen werden, hat ein merkwürdig dornenvolles und durch wenig Anerkennung verſüßtes Leben mehr durchkämpft als durchlebt.

Er erzählte ſelbſt manche ſeiner Erlebniſſe und wir wol⸗ len davon Einiges aus der qualvollen Epoche, in welcher er Lehrergehülfe war, hier mittheilen. Man erkennt darin den gefürchteten ſpäteren Pamphletiſten wieder.

Ich, der mit euch ſcherzt und lacht, ſo ruft er dem Le⸗ ſer zu,bin durch des Lebens ſchwerſte Prüfungen gegangen. Ich war(euler, Lehrergehülfe, Soldat und Schulmeiſter. Mit dieſe Handthierungen verband ich immer die des Poeten. Der Corporal, der Schuldirector, die verzogenen Kinder, die zärtlichen Mütter und der Reim waren meine fünf unerbitt⸗ lichen Feinde, die mich unabläſſſg verfolgten.... Jetzt bin ich Pamphletiſt, Pamphletiſt mit etwas ſpitzem Zahn, von dem verſchiedene Leute Narben tragen; aber niemals werde ich ſo viel Schlimmes von der Geſellſchaft ſagen, als ſie mir zuge⸗ fügt hat.

Ehe ich Soldat wurde, war ich Lehrergehülfe. Von allen Knechten der unglücklichſte aber iſt ohne Zweifel der Repetent in einer Penſion. Mit Entſetzen erinnere ich mich des kläglichen Bewußtſeins, das ich mit mir ſchleppte, als ich, mein Zeugniß in der Taſche, wie ein Domeſtik an Lichtmeß, jenen lateiniſchen Trödelkrämern der Hauptſtadt, welche die Sprachen Homer's und Virgil's im Fürkauf verſchachern, meine Dienſte anbot.... Ich war neunzehn Jahre alt; das Leiden ſuchte mich bei Zeiten heim, und nicht ohne Mühe konnte ich mir das Stückchen Brod erwerben, das jeder Bett⸗ ler zu finden weiß. Vier Wochen lang durchwanderte ich die Straßen von Paris mit meiner Großmutter; die ent⸗

fernteſten Vorſtädte hatten wir durchſpäht, an die Thüren

aller Anſtalten, die der Wegweiſer kennt, hatten wir geklopft; aber die gute Frau mochte ſagen ſo viel ſie wollte:Claude hat alle Claſſen abſolvirt und ſogar ein Acceſſit in der Phi⸗ loſophie davon getragen. Umſonſt! meine unglückſeligen neunzehn Jahre waren ſchuld, daß ich meiner Großmutter üllerall heimgeſchlagen wurde. Von Haus zu Haus wies man uns die Thüre mit dem Donnerwort:Wir brauchen Nie⸗ mand. Ein ſpaßhafter Penſionsvorſtand ſtellte ſich ſogar, als halte er mich für einen Zögling, der ihm gebracht werde. Endlich fand meine Großmutter in einem Inſtitut Avenue de Lamothe⸗Piquet ein Eckchen für mich. Die vortreffliche Anſtalt lag zwiſchen dem Invalidenhaus und der Militär⸗ ſchule, gerade einer Penſion für dreſſirte Hunde gegenüber, welche daſelbſt apportiren und die Pfote geben lernten.

Dieſe Nachbarſchaft gab Veranlaſſung zu einem Irr⸗ thum, den Claude drollig genug erzählt: Eine Dame, welche die Hundepenſion für ihren kleinen Vierfüßler ſuchte, wurde vom Inſtitutsherrn für eine Mutter gehalten, die ihr Kind unterbringen will.

Ich hatte in dieſem Hauſe fährt Tillier fort die Wäſche, die Koſt und ein Bett im Schlafſaal der Zög⸗ linge; in Anbetracht meiner großen Jugend wurde mir vor⸗ erſt kein Gehalt bewilligt. Ich leitete die Studien und Re⸗ petitionen, ich übermachte die Recreationsſtunden und führte die Zöglinge ſpazieren. Das war ein theuer bezahltes Stück Brod.

Der Beſitzer der Anſtalt hatte nichts von einem Lehrer, als den Namen auf ſeinem Schilde. Er verſtand kein Latein, nicht einmal das der Küche. Er hatte ein Inſtitut gekauft, wie ein Notariatsgehülfe manchmal ein Strickwaarengeſchäft kauft. Um ſeine Unwiſſenheit zu verbergen, ſuchte er ſich den Ruf eines Gelehrten zu verſchaffen; er hatte zu dem Ende die Schönheiten der franzöſiſchen Geſchichte herausgege⸗ ben, und arbeitete an den hiſtoriſchen Schönheiten einer an⸗ dern Nation. Dieſe Art von Büchern war zu jener Zeit ſehr im Schwang: jeder Nation wurden die Schönheiten ihrer Geſchichte in einem Duodezbande aufgetiſcht, Monaco hätte die Schönheiten ſeiner Geſchichte in einem Bande Duodez bekommen ſo gut, wie die andern.

Es giebt Leute, welchen eine gute Seite genügt, um ein gutes Buch daraus zu machen; andere bringen mit Hülfe eines guten Buches nicht einmal eine gute Seite zu Stande. Herr R. gehörte zu den Letzteren. Er war einer jener Geiſt⸗ verderber, die verſtümmeln ſtatt abzukürzen, die einen Folian⸗ ten nehmen, ihn ſeciren, das Fleiſch wegwerfen und die Kno⸗ chen behalten; einer jener Küchenjungen der Literatur, die, wenn ſie Aepfel ſchälen, nichts übrig laſſen als den Butzen. SeineSchönheiten der franzöſiſchen Geſchichte gaben ihm das Recht, ſich den Titel eines Schriftſtellers beizulegen, ein Titel, welcher dem andern eines Studienlehrers zu nicht ge⸗ ringer Zierde gereichte. Er verbrachte ſeine Tage in den öffentlichen Bibliotheken mit Anfertigung von uszügen, und

wo er wegen der Reinheit ſeines Royalisr Szugelaſſen wurde. Während ſeiner Abweſenheit fiel die Kr⸗ an die weibliche Linie. Dieſe weibliche Linie herrſchte in der Perſon der Ma⸗ dame R., einer rothhaarigen, bleichen Engländerin, die eine Haut hatte, wie die Eierſchalen eines welſchen Huhns, oder

gen ausgeſetzt war. Die Zöglinge liebten ſie ſehr, weil ſie ihnen immer recht gab; die Unterlehrer verabſcheuten ſie ebenſo ſehr, weil ſie ihnen immer unrecht gab.

In der Penſion des Herrn R. befanden ſich zwanzig bis fünfundzwanzig Engländer, welche ſeine Frau als Mit⸗ gift zugebracht hatte, und ungefähr eben ſo viele Franzoſen, die ſein Beibringen vorſtellten. Dieſe Miſchung zweier Na⸗ tionen bildete das Erziehungsſyſtem. Die Engländer der Frau ſollten den Franzoſen des Herrn die Sprache Byrons beim Schneller⸗ und Ballſpiel beibringen; und dieſe ſollten jenen, bei derſelben Gelegenheit, die Sprache Racine's zu Gemüthe führen. In Folge dieſes unglückſeligen Austauſches hatten die Subſtantiva ihre Artikel verloren, die Adjectiva

entſtand ein ſolcher Miſchmaſch beider Sprachen, ein ſolches Kauderwälſch, daß, wie beim Thurmbau von Babel, kein Menſch den andern mehr verſtand....

Während der erſten Tage, die ich in dieſem Hauſe zu⸗

ſeine Abende in den Salons des Faubourg Saint⸗Germaun, f

wie weißer Atlas, der längere Zeit den Frechheiten der Flie⸗

ihre Geſchlechter und die Verba ihre Conjugationen. Es.