Jahrgang 
1-26 (1867)
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266 Novellen

zu bleiben; da er aber nicht zu derſelben Zeit in zwei Häuſern wohnen konnte und er den Hauszins bis zu dieſer Zeit bezah⸗ len mußte, einerlei, ob ich dort wohnte oder nicht, ſo war das nicht als eine beſonders große Gunſt zu betrachten, Gott mag es mir vergeben, aber ich fürchte, daß ich mich in den dunkeln Tagen, welche nun folgten, ſehr verſündigte. Ich hatte einige Freundinnen, welche ihr Beſtes thaten oder vielmehr ſagten; aber es gab eine Perſon, die nie in meine Nähe kam, die kein gütiges Wort für mich hatte, welche mich die mir auferlegte harte Prüfung allein bekämpfen ließ, ohne mir eine helfende Hand zu reichen. Herr Thompſon hätte mir wenigſtens ſchrei⸗ ben und mich in meinem Kummer tröſten können, aber er that es nicht. Und doch war er in der Nachbarſchaft. Er war ſehr oft in dem Hauſe des Herrn Norris. Jeſſie erzählte mir es ſelbſt. Es iſt wahr, er hatte mit ihrem Gatten Geſchäftsſa⸗ chen zu beſprechen; aber dennoch, wie konnte er das thun?

Er that es, ja er that noch mehr. Herr Norris ſtürzte

eines Morgens von ſeinem Pferde und wurde todt zu Hauſe gebracht. Jeſſie wurde Wittwe und wie die Welt ſagte, eine arme Wittwe. Herr Norris war nicht der reiche Mann, für den man ihn gehalten hatte und er hinterließ viele Schulden. Ich beſuchte ſie nur ein einziges Mal. Ich fand ſie kalt, bitter und in ihrem Unglück mißtrauiſch; dennoch würde ich wieder zu ihr gegangen ſein, wäre Herr Thompſon nicht der Teſta⸗ ments⸗Executor des Herrn Norris geweſen. Er hatte mit der Wittwe Geſchäfte zu ordnen und ich hätte dabei ſtören kön⸗ nen; überdies konnte ich es nicht ertragen, ſie beiſammen zu ſehen. Das war ſehr unrecht und nutzlos, aber es war ein⸗ mal ſo. Miſtriß Gray beſuchte michoft. Ich kann nicht ſagen, daß ſie mich ſehr tröſtete. Sie gab mir eine Menge läſtiger Rathſchläge und erzählte mir Vieles, was ich viel lieber gar nicht gehört hätte. Was ging es mich an, daß die Beſorgung der Angelegenheiten ihn ſo oft und bis zu ſo ſpäter Stunde bei Jeſſie hielt? Sie waren Beide frei; und wenn er ihr ver⸗ geben und ſie heirathen wollte und wenn ſie ſich entſchloſſen, wieder um des Geldes willen zu heirathen, ich ſage das von Neuem was war das für mich?

Und dennoch vermuthe ich, daß es trotz alledem etwas für mich war; denn als Miſtriß Gray mich eines Nachmit⸗ tags im Februar verließ, fühlte ich mich als das einſamſte, verlaſſenſte Weſen auf dieſer großen, weiten Erde. Sie hatte von Neuem die mir verhaßte Saite berührt, daß Herr Thomp⸗ ſon ganz verliebt in Miſtriß Norris zu ſein ſcheine.Und was meinſt Du, liebe Auguſte, fügte ſie hinzu,er glaubte, Du wärſt von hier abgereiſt. Er ſchien ganz überraſcht, als ich ihm ſagte, ich hätte Dich am Sonntage noch geſehen.Wie 2» fragte er, ⸗ſie iſt nicht abgereiſt, ſie iſt nicht nach London gegangen?Nein, in der That. Was ſollte ſie denn in Lon⸗ don machen? Er ertheilte mir auf dieſe Frage keine Antwort, aber aus ein paar Worten, die er fallen ließ, ſah ich, daß er glaubte, Du würdeſt Dich in London verheirathen.Ich wünſchte, das wäre der Fall mit dem lieben armen Mädchen! entgegnete ich;es iſt ſehr hart, ſo jung und ſo vereinſamt zu ſein!

Ich weiß nicht, wie lange es war, daß Miſtriß Gray mich verlaſſen hatte, als ich Carlo aufbellen hörte. Die Schelle an der Thür ließ ſich vernehmen; ich ſah eine ſchlanke, dunkle Form vor meinem Fenſter vorübergehen, und meine kleine Dienerin öffnete die Thür und ſagte:

Herr Thompſon, Miß Raymond.

Ich ſtieg auf. Er trat ein, wie gewöhnlich mit ſeinem

Regenſchirm, und Carlo eilte ihm entgegen, um ihn wedelnd tigung an. Dann bo

Zeitung.

war furchtbar aufgeregt. Ich war ganz überzeugt davon, er ſei gekommen, um mir zu erzählen, er habe die Äbſicht, Jeſſie zu heirathen und mich zu fragen, ob ich nicht mit ihnen gehen und bei ihnen bleiben wolle, oder etwas Aehnliches. Nichts Andres konnte ihn zu mir gebracht haben. Oder vielleicht hatte er, da Jeſſie ihm ohne Zweifel mitgetheilt hatte, daß ich nach London abgereiſt ſei, nachdem er die Wahrheit erfahren hatte, ſich wegen ſeiner langen Kälte beſchämt gefühlt und er war gekommen, um ſich deshalb in irgend einer Art zu ent⸗ ſchuldigen. Er machte aber keine Entſchuldigung, ſondern fragte, wie ich mich befinde, nahm einen Stuhl, blickte ſehr ſcharf in mein Geſicht und ohne meine Antwort abzuwarten, ſprach er die Beſorgniß aus, daß ich nicht ganz wohl ſei. O, ich bin nicht krank, Sie wiſſen es, erwiderte ich ein wenig gleichgültig.Ich hoffe, Sie befinden ſich wohl, Herr Tompſon? Er ſagte, er befinde ſich ſehr wohl und ſah nach dem Feuer in dem Camin. Eine Zeitlang ſchwiegen wir Beide. Ich ſprach zuerſt. Meine Bemerkung war kaum eine freund⸗ liche. Ich ſagte: 2⁴ Ich hörte, Sie wären ſo ſehr durch Geſchäfte in An⸗ ſpruch genommen, daß ich kaum erwartete, Sie zu ſehen. Ich ärgerte mich über mich ſelbſt, ſobald ich das geſagt hatte. Er konnte denken, ich hätte mich über ſeine lange Abweſenheit ge⸗ grämt, und war das wirklich der Fall? Er nahm aber meinen indirecten Vorwurf ſehr gut auf. Er antwortete, er ſei aller⸗ 4 dings ſehr beſchäftigt geweſen, aber jetzt ſei Alles vorüber. Miſtriß Norris, fügte er hinzu,iſt dieſen Morgen abge⸗ reiſt. Mein Herz fing heftig an zu pochen, aber ich war ſtumm. Sie iſt in keiner ſehr zufriedenen Stimmung abgereiſt, wie ich glaube, fuhr er fort.Die Bilanz zu ihren Gunſten war niedrig, niedriger, als ich erwartetete. Miſtriß Nor⸗ ris mag eine jährliche Einnahme von etwa hundert Pf. St. haben. Das und wenige Juwelen bilden den Nettogewinn, den ſie aus ihrer Heirath gezogen hat. Unglücklicherweiſe können dieſe Speculationen, wie Sie ſehen, nicht oft wieder⸗ holt werden. Das Capital der Jugend und Schönheit hat nur

her ſollte das erſte Wagniß das beſte ſein. Miſtriß Norris, die es ſo gefunden hat, iſt gebeugt. Ich finde das ganz na⸗ türlich, aber Sie wiſſen, ich habe keine Urſache, ſie ſehr zu bemitleiden.

Ich dachte ganz ſo, aber wie peinlich war mir dieſes kalte, harte Gerede. 3

Ich bilde mir ein, fuhr er fort,daß dieſe gütige Dame irgend ein andres Ende unſres Rechnungsabſchluſſes erwartete. Das iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft für meine Eitel⸗ keit, es ſei denn, daß es meine verkäufliche Eitelkeit zeigt. Iſt es nicht ſo?

Ich wollte dieſe Frage nicht beantworten. Sein Ton, ſeine Manier verdroß mich. Plötzlich richtetete er ſeine Au⸗ gen auf die meinigen.

Erreichte Sie ein ſolches Gerücht? fragte er.

Ich konnte es nicht leugnen. Mein Geſicht war feuer⸗ roth. Ich glaube, ich ſtammelte etwas, aber ich weiß nicht was.

Sogar Sie haben es vernommen, ſagte er, indem er

eine Zeit und eine ſehr kurze; es nutzt ſich bald ab und da.

darüber gar nicht erfreut zu ſein ſchien;die Welt iſt ſehr gü⸗ tig. Und Sie glaubten es auch! Ichhatte gehofft, Sie kennten mich beſſer. cer Erbe d w.. Er ſchien ganz verlahte Erbſchaft fiel ge fhret

abet h fand es 1 mer ſie

zu bewillkommnen. Ich konnte kein einziges Wort ſagen. Ich ihm zu erlauben, d

mer willens geweſ m Mor⸗