250
Novellen
dieſen Erzählungen neben dem Vergnügen, welches ſie den erregbaren Nerven bereiten, auch mit leichter Mühe geſchichtliche Kenntniſſe einſammeln zu können. Vor dieſer Täuſchung muß gewarnt werden, denn es herrſcht in ſolchen Romanen nicht der Geiſt der Wahr⸗ heit und realen Wirklichkeit, ſondern vielmehr die Willkür der Uebertreibung und die Sucht, die Motive und Thatſachen wie ein ſpielendes Kind zu verſchleppen.
Es ſind noch nicht viele Jahre ſeit jener be⸗ ſchränkten Periode verfloſſen, in welcher die Engherzig⸗
Zeitung.
keit einer wiſſenſchaftlichen Cenſur die freie Behand⸗ lung der preußiſchen Geſchichte zum Nachtheile aller wahren Bildung inhibirte. Seitdem dieſer Licht⸗ dämpfer verſchwunden iſt, wurde ſelbſt im Gebiete der ernſten Forſchung und Geſchichtsberichtigung viel für die preußiſche Staats⸗ und Volkshiſtorie gethan; man darf aber ſagen, daß gerade die Zeit vor Frie⸗
drich dem Großen dem Leſer bis jetzt weniger deutlich gemacht wurde, als die Tage des denkwürdigen Königs und die nach ihm aufblühende Epoche.
Jeuillelon.
Der Regenſchirm des fjerrn Thompſon. Nach dem Engliſchen von Friedrich Coßmann.
„Auguſte, ich wünſchte, daß Du Chopin's Marſch übteſt, Herr Thompſon liebt die Muſik.“
O, wie überdrüſſig war ichtes, dieſen Namen erwähnen zu hören! Meine arme Tante meinte es natürlich ſehr gut, aber ſie konnte ſich gar keine Vorſtellung davon machen, wie verhaßt ſie mir die ledigen Herren machte, von denen ſie wünſchte, ich möge ihnen zu gefallen ſuchen. Ich war eine Waiſe und beſaß nur ein jährliches Einkommen von vierzig Pf. St. und der Jahrgehalt meiner Tante dauerte blos bis zu ihrem Tode; daher war ihr Wunſch, mich verheirathet zu ſehen, ſicher ſehr ehrenwerth und natürlich, aber für mich war er ſchrecklich. Vielleicht weil ich ein ſtolzes Mädchen, vielleicht auch, weil ich eine Thörin war, machte überdies die bloße Thatſache, daß ein Mann, mochte er jung oder mittlern Alters ſein— nur ältere und verheirathete Herren waren davon ausgeſchloſſen— um meinetwillen in unſer Haus kam, ihn in meinen Augen abſcheulich. Ich würde mich nicht wundern, wenn das der Grund geweſen wäre, weshalb ich Keinem gefiel. Man ſagte, ich ſei ein ſehr hübſches Mäd⸗ chen— jetzt kann ich das wohl ſagen, denn leider! war das vor langer Zeit—, aber weniger hübſche Mädchen mit nicht mehr Vorzügen, als ich deren beſaß, fanden auf dem Markte der Ehen mit einer Prämie Abnehmer und ich blieb Auguſte Raymond, unbegehrt und ungeſucht. Mir war das ganz gleichgültig. Ich beklagte blos, daß meine Tante ebenſowohl dieſe unglücklichen Herren wie mich mit ihren nutzloſen An⸗ ſtrengungen quälte, mich dahin zu bringen, an ihnen Gefallen zu finden. Sie war aber meine beſte Freundin und ich liebte ean ganzem Herzen. Daher ſetzte ich mich auch an das
und dann vergaß ich ſie, denn die göttliche Muſik, die ich damals leidenſchaftlich liebte, verſetzte mich in höhere Sphären.
„Liebe Auguſte! Herr Thompſon!“ ſagte die Stimme meiner Tante, als ich das Pigno ſchloß. Ich kehrte mich um und ſah ihn; ſchlank, braun, ernſt, ſehr wenig verändert und gar nicht alt. Wir hatten ihn zum Diner erwartet und er kam ſchon zum Lunch; ich habe vergeſſen, wie dieſes Miß⸗ verſtändniß entſtanden war. Als er die Gartenthür öffnete, traf er dort meine Tante. Sie hörten mich ſpielen und blieben an einem Fenſter ſtehen, um auf mein Spiel zu lauſchen.
ſah ich ihn, wie geſagt, erſt.
Zu dieſer Zeit wußte ich es nicht, aber ſpäter wußte ich es; er gefiel mir von dieſem Augenblick an. Ich bin nicht gewiß, daß Herr Thompſon jedem Mädchen gefallen hätte. Er war entſchieden von einem ſehr guten Anſehen und er war ebenſowohl einſichtsvoll wie munter; aber er hatte eine ſeltſame und ſchroffe Manier, die geeignet war, Fremde zu erſchrecken. Das gefiel mir indeſſen ſehr gut. Ich liebte dieſes excentriſche Weſen, das ihn nie zu weit fortriß, und den leichten Mangel an Politur, die Allem, was er ſagte und that, einen gewiſſen Reiz gab. Ich liebte an ihm Alles, ſeinen
war groß, ſolid, maſſiv und ſchrecklich aufdrängend. Er hatte ihn an dieſem heitern, warmen Tage in ſeiner Hand, und ſo lange wie unſere Bekanntſchaft währte, ſah ich Herrn Thompſon nie ohne denſelben. Später, als wir in intimeren Verhältniſſen zueinander ſtanden, zog ich ihn damit auf. „Ja,“ ſagte er in ganz heitrer Laune,„ich geſtehe, er iſt mein Steckenpferd. Mein früheſter Ehrgeiz als Knabe war, einen
derbare und übte ihrem Wunſche gemäß Chopin's Marſch zu brand’ſten des Herrn Thompſon, der dieſen Abend kommen jerte. Der arme Schelm wußte nicht, daß er von Seiten mneiner Tante blos zu dem Zweck auf acht Tage eingeladen worden war, um ſich in die Nichte ſeines zweiten Couſins zu verlieben. Ich hatte ihn ſeit meiner Kindheit nicht wieder geſehen. Er war damals ein junger Mann, ſchlank, braun und ernſt und bereits auf dem Wege zum Wohlſtande. Jetzt war er ein reicher Mann— wenigſtens reich für ein ſo armes Mädchen, wie ich es war, aber er war Herr Thompſon und ich haßte ihn; außerdem mußte er alt, ganz alt ſein.
An alle dieſe dieſe Dinge dachte ich, während ich ſpielte,
und ich konnte ihn nicht dazu bringen, mich für a
Mann iſt es, beim Gehen einen in der Hand zu haben.“ Ganz natürlich ſprachen wir am erſten Morgen, den wir zuſammen verlebten, nicht von dem Regenſchirme. Herr Thompſon lobte meine muſikaliſche Fertigkeit und indem er mir in's Geſicht blickte, ſagte er, ich ſpiele göttlich. Er ſagte das ohne irgend eine Einleitung und ich ſah, daß er es ehr⸗ lich meinte. Meine Tante war entzückt und ich war darüber erfreut; aber ich fühlte doch auch, daß Herr Thompſon mich
als ein kleines Mädchen behandelte; und das that er— nicht
blos damals— ſondern ſpäter immer. Ein langweiliger Mann! Ich hatte ihn mir als alt vorgeſtellt, ehe 6 ihn ſah,
lt zu halten, jetzt, wo er mich ſah.
Als ich zu ſpielen aufhörte, traten ſie in's Zimmer und dann
Regenſchirm ausgenommen. Dieſen verabſcheuete ich. Er—
Regenſchirm zu beſitzen, und meine größte Glückſeligkeit als
3
ganzen mit ſe und) geſſen erinne laſſen Zeit! er ſeh ich ih Ihnen pflegte als Ki itigen 9 4 ſelbe bi behalte bei der glaubte an, w ſal. L zwiſchen Freund ſten Ve meiner jetzt we geiomn war d ſchrecl den B am Hit und H Jiſſie käſtlich mir de gehen war in bemer! ſdignen Ich ör⸗
und ich
bnnte nir, nich
nachher ſagte m Gum le Sien
ihn be


