242 Rovellen
„Hm, es fragt ſich, wer mehr bedeutet, ein Müller⸗ knecht, oder ein Grenzjäger,“ entgegnete der Knecht achſelzuckend,„Ihr ſeht, die reiche Wittwe hat dem Knechte den Vorzug gegeben.“
Der Grenzjäger biß ſich auf die Lippen, um ſeine Wuth zu bemeiſtern.„Guter Freund, Ihr tänuſcht Euch, oder Ihr ſeid getäuſcht worden,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ich glaube nicht, daß die reiche Wittwe ſich ſo tief erniedrigen wird—“
„Wenn Ihr's nicht glauben wollt, fragt ſie ſelbſt,“ unterbrach der Knecht ihn ruhig,„ich glaube ſogar, daß der Bräutigam hauptſächlich Euch ſein Glück verdankt.“
„Wie?“
„Allerdings. Ihr könnt nicht leugnen, daß Eure Beſuche der Wittwe läſtig ſielen und wenn ich nicht irre, hat ſie Euch das geſtern Abend kurz und bündig geſagt. Um nun Euch für immer der Mühle fern zu halten, hat ſie den Obermüller ermuthigt, um ihre Hand zu werben; daß ſie längſt ihn gerne geſehen hat, iſt eine Thatſache, aber er war zu ſchüchtern. Na, geſtern Abend iſt die Sache in Ordnung gekommen;
Heitung.
wenn Ihr's bezweifelt, ſo geht hin und gratulirt, ſie werden die Gratulation annehmen.“
„Tod und Teufel!“ fuhr Weber auf.
„Geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ändern,“ fuhr der Knecht gleichmüthig fort,„Ihr ſeid nicht der Mann dazu, den Bräutigam aus dem Sattel zu heben.“
„Glaubt Ihr?“ fragte der Grenzjäger ſcharf. „Noch iſt nicht aller Tage Abend, guter Freund, das laßt Euch geſagt ſein.“
Der Knecht warf einen raſchen forſchenden Seiten⸗ blick auf ſeinen Begleiter, in deſſen Zügen Haß und Rachſucht ſich ſpiegelten, dann blickte er wieder ſinnend den Rauchwölkchen nach.
„Hm, wenn Ihr's könntet, ich möchte es ihm gönnen,“ nahm er nach einer Weile wieder das Wort. „Er iſt auch Einer von denen, die an liebſten in ein gemachtes Bett ſteigen. Gebt Acht, wenn er einmal die Mühle hat, wird er vor Hochmuth ſich ſelbſt nicht mehr kennen. Aber wie wollt Ihr's ermöglichen? Ich fürchte, er ſitzt zu feſt im Sattel—“
„Das Wie? iſt meine Sache,“ unterbrach Weber ihn raſch.„Wenn Ihr vielleicht glaubt, daß ich dabei auf Euren Beiſtand reflectire, ſo irrt Ihr.— Adieu.“
anſchritt.
Die Mittheilungen, welche der Knecht ihm ge⸗ macht hatte, bewogen den Grenzjäger, ſeinen Plan zu ändern, er ſah ein, daß er zuvörderſt ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit ungetheilt darauf richten mußte, den begün⸗ ſtigten Nebenbuhler zu beſeitigen; erſt wenn ihm dies gelungen war, durfte er hoffen, ſein Ziel zu erreichen.
War Hermann der Mitſchuldige der Schmuggler? Wußte er, daß ſie in der Mühle einen Schlupfwiukel hatten?
Vielleicht, aber wenn dies auch nicht der Fall war, die Beweiſe genügten, ihn zu verdächtigen und ſogar der Mitſchuld zu überführen.
Der Grenzjäger, überzeugt, daß der Knecht im Dorfe die Nachricht von der Verlobung verbreiten werde, kehrte an dieſem und am folgenden Tage nicht in der Schenke ein, er wußte, daß man dort ungedul⸗ dig ihn erwartete, um ihm die Galle in’s Blut zu treiben. Auch in der Nähe der Mühle ließ er ſich nicht ſehen, er fürchtete, dem Bräutigam oder der Müllerin zu begegnen. 3
Aber als die beiden Geusd'armen ankamen, ſchlug er unvorzüglich den Weg zur Mühle ein. Eine bos⸗ hafte Siegesfreude leuchtete in ſeinen Augen, als er mit ſtolz erhobenem Haupte den Gensd'armen vor⸗ Er war ſeines Sieges gewiß, und hatte er auch durch dieſen Sieg ſein Ziel noch nicht erreicht, ſo war er doch demſelben näher gekommen.
Am Fuße des Berges blieb er ſtehen.
„Ihr bleibt hier zurück,“ wandte er ſich zu Gensd'armen,„ſobald ich auf meiner Pfeife Signal gebe, eilt Ihr herbei, und zwar Einer dir in die Mühle, der Andre zu jener Thüre. Niemand wird hinaus gelaſſen, im Nothfalle macht Ihr von der Schußwaffe Gebrauch.“
Nachdem er dieſe Anordnung getroffen hat trat Weber in die Mühle.
Ein Schatten des Unmuths glitt über das hübſche Geſicht Anna's, als ſie den verhaßten Brautwerber vor ſich ſtehen ſah:
1„Was führt Euch hieher?“ fragte ſie kalt.„Ich denke, Euch vor einigen Tagen deutlich geſagt zu haben, daß—“
„Daß mein Beſuch Euch unangenehm ſei? Aller⸗ dings,“ unterbrach der Grenzjäger ſie.„Aber es giebt
Fälle, in denen der höflichſte Mann auf ſolche Wünſche
Kopfſchüttelnd blickte der Knecht dem Grenzjäger keine Rückſicht nehmen kann.“
nach, der raſch von dannen ſchritt.
„So muß man ihn zwingen, dieſe Rückſicht zu
„Na, meinetwegen!“ ſagte er.„Mir kann's nehmen,“ ſagte Hermann, der bei den letzten Worten
recht ſein, wenn der Grenzjäger eine Beſchäftigung Webers eintrat. findet, die ihn veranlaßt, ſeine Amtspflichten zu ver⸗ nachläſſigen; gelingt es ihm, die Wittwe zu gewinnen,
in Gottes Namen!“.
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„Sieh da, der glückliche Bäutigam!“ fuhr der twresde in einem Tone fort, der dem jungen Manne das Blut in die Wangen trieb.„Gratulire, hätte


