Jahrgang 
1-26 (1867)
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Novellen

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Jeder Bürger ſtellt die Frage an ſie:

Wer ſeid Ihr?

Wir ſind keine blutigen Verbrecher; wir wollen mit der menſchlichen Geſellſchaft in Frieden leben; wir haben nie einen Mann oder eine Frau geſchlagen.

Wer ſeid Ihr?

Wir ſind nicht Ihre Feinde. Wir haben die Geſell⸗ ſchaft in ihren Geſetzen verletzt, aber wir haben nie einen Menſchen ſterben laſſen. Wir haben die Sitten und die Geſetze übertreten, aber keinen Menſchen verwundet.

Fremde, wir fragen Euch, wer Ihr ſeid, und Ihr ſagt uns, was Ihr nicht ſeid.

Wir ſind freigelaſſene Sträflinge.

Zieht Euch zurück und ſterbt vor Hunger.

So laßt uns denn die Kohlen anzünden und zuſammen ſterben. C.

Ruſſiſche Beluſtigungen.

Im Monat Februar fällt in Rußland das berühmte Feſt Maslanitza oder die Butterwoche, welche die Summe und die Subſtanz aller ruſſiſchen Feſte in ſich enthält. Alle Butter, welche in den nächſten ſieben Wochen verzehrt werden ſollte, wird in dieſe Woche concentrirt. Was mit Butter verzehrt werden kann, wird mit Butter zubereitet und Alles, wozu keine Butter gegeben werden kann, wird als unwürdig, be⸗ nutzt zu werden, zurückgewieſen. Das Hauptgericht der

Zeilung.

Woche iſt Blinni, ein Art von Pfannkuchen, mit Butter gemacht, mit Butter gebacken und mit Butterſauce gegeſſen. Gleich nach dem Frühſtück folgen die Vergnügen und Be⸗ luſtigungen. Früher wurde die Eisfläche der Newa als die Bühne für die verſchiedenen Zeitvertreibe benutzt, aber vor einigen Jahren brach es unter der Laſt der großen Menſchen⸗ menge ein und eine große Menge der ſich Beluſtigenden er⸗ trank. Seitdem benutzt man den großen Admiralsplatz zu dieſem Zwecke. An den dem Feſte vorhergehenden Tagen ſieht man große Züge von Schlitten, welche mit Bauholz, Pfoſten, Bretern, großen Eisſtücken und allen Materialien für die Errichtung von Buden, Theatern, Schaukeln und Eisbahnen beladen ſind, ſich dorthin drängen. In dem ge⸗ frornen Erdboden wird eine Höhlung ausgegraben, worin das Ende eines Pfoſtens befeſtigt wird. Sie wird dann mit Waſſer ausgefüllt, welches, unter dem Einfluſſe eines ruſ⸗ ſiſchen Februars, ihn an ſeiner Stelle ſo befeſtigt, als wenn er in einem feſten Felſen mit Blei eingelöthet wäre. Der Carneval beginnt mit dem erſten Sonntag der Butterwoche und ganz Petersburg überläßt ſich dem Vergnügen der Eis⸗ bahn und des Schaukelns oder ſieht wenigſtens zu, wie An⸗ dere ſich ſchaukeln oder auf dem Eiſe gleiten. Das eigen⸗ thümlichſte Wintervergnügen in Petersburg iſt das der Eis⸗ berge, welche während derButterwoche im höchſten Glanze ſind. Um dieſe zu bilden, wird ein ſchmales, dreißig bis vier⸗ zig Fuß hohes Gerüſte errichtet. Auf der einen Seite deſſelben finden ſich Treppenſtufen, um daſſelbe erſteigen zu können, auf der andern Seite iſt der Abhang, anfangs ſteil, dann mehr ſtufenweiſe, bis er ſich zu ebener Erde endigt. Auf dieſen langen Abhang werden Eisſtücke gelegt, über welche Waſſer geſchüttet wird, welches durch ſein Gefrieren die Eis⸗ blöcke vereinigt und eine ganz gleiche Oberfläche herſtellt, auf welcher die fröhliche Menge auf Schlitten oder noch häu⸗ ſiger auf glatten Eisblöcken, denen man eine paſſende Form gegeben hat, herabgleitet. Das iſt ruſſiſche National⸗

beluſtigung, die ſo beliebt iſt, daß ein nachgeahmter Berg von polirtem Holz im Sommer zu demſelben Vergnügen benutzt wird. C.

George Sand.

Von dieſer berühmten Schriftſtellerin entwirft Jouvin folgende Skizze:

Stellen Sie ſich eine Provinzdame vor, einſach, be⸗ ſcheiden und ſelbſt ein wenig furchtſam, eine vornehme Wittwe, bei welcher das vornehme Weſen der Patricierin ſich gemildert hat und mit dem wohlwollenden Ausdruck der guten Frau verſchmolzen iſt. Die Stirn voller Harmonie und gleich einem Dom erhaben, iſt ein geräumiger und ſicherer Aufenthalt für den Gedanken; die tiefen und klaren Augen haben den Strahl der Jugend bewahrt; die Naſe von einer ariſtocratiſchen Feinheit ſticht gegen das untere Geſicht, das ein wenig gemein iſt, ſehr ab; es iſt deutlich, daß dieſes Geſicht, in Poeſie begonnen, ſich in Proſa geendigt hat. In der bürgerlichen Schloßfrau von Nohant, welche für die Künſtler gaſtfrei, gegen die Armen gütig und den Ihrigen dis zur Aufopferung ergeben iſt, tragen der Blick und die Erinnerung Bedenken, das Muſter des von Calamatta ge⸗ ſtochenen ſchönen ſtolzen und männlichen Gemäldes anzuer⸗ kennen. 4

Die berühmte Verfaſſerin der Indiana und des Consuelo arbeitet in folgender Art:

Madame Sand hat aus ihrem Leben zwei Theile ge⸗ macht, die mit der Pünctlichkeit des Künſtlers geregelt ſind, der ſich dieſe Arbeit gegeben hat. Sie iſt bei Tage Schloß⸗ frau, in der Nacht Dichterin. Zur Stunde, wo die Gäſte in Nohant ſich zu Bette begeben, ſetzt ſie ſich an ihren Arbeits⸗ tiſch. Dort läuft bis des Morgens um 4 Uhr in der Stille der Nacht und in der Einſamkeit die Feder der Schriftſtel⸗ lerin, den Zaum am Halſe(wie Frau de Levigné ſagt), die Einbildungskraft breitet ihre Flügel aus, die Leidenſchaft be⸗ wegt ihre Fackel und die Dichtungen haben, um geboren zu werden, nicht nöthig, ſich einem vorher entworfenen Plane zu unterwerfen.

Es werden keine Ueberarbeitungen wieder damit vorge⸗ nommen; die Feder könnte die Wege nicht noch einmal machen, die ſie ſchon durchlaufen hat. Es wird nichts ausgeſtrichen; der Gedanke ſchreitet, ohne herumzutappen, voran und das Wort fügt ſich mit einer eben ſo ſtrengen, wie lichtvollen Ge⸗ nauigkeit und Beſtimmtheit in den Satz ein. Die Schrift⸗ ſtellerin zieht es vor, lieber hundert Seiten zu zerreißen, als eine einzige Zeile auszuſtreichen; ſie weiß nicht, ihr Geſchrie⸗ benes zu verbeſſern, aber ſie hat nie Bedenken, wieder von Neuem anzufangen, und vor der beſcheidenen Mißbilligung eines Freundes iſt es ihr begegnet, daß ſie den Roman, welchen die Revue oder der Buchhändler erwartete, das Luſt⸗ ſpiel, welches in Probe genommen werden ſollte, in's Feuer warf. C.

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Das Urtheil eines Irren. DerDerby erzählt folgendes Geſchichtchen. An dem Gitter eines Privat⸗Irrenhauſes in der Um⸗

führend und zwei ſchöne Hühnerhunde an einer Kuppel haltend.

Die Irren befanden ſich eben zu ihrer Erholung im Hofe.

Einer derſelben näherte ſſich dem Gitter und es entſpann 7

4 gebung von London hielt ein Jäger, die Flinte im Bandelier,

eine ziemlich leichte Jagdtaſche auf dem Rücken, ein Jagdpferd deg

dan un de konm

habe