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Vierte Folge.
den Chinchona⸗Bäumen zum Theil zerſtört wird und mit Flechten verwächſt. Die Rinde beſteht demnach aus dem todten Theile, der Peridermis, und dem lebenden, der Der⸗ mis. An jungen Zweigen giebt es keinen todten Theil der Rinde; hier bleiben die äußeren Schichten unverſehrt, wäh⸗
rend die inneren noch nicht Zeit gefunden haben, ſich zu ent⸗
wickeln. Dagegen iſt an dicken alten Zweigen der todte Theil ſehr beträchtlich, während die faſerige Schicht der Dermis vollkommen entwickelt iſt. Bei der Zurichtung der Rinde wird der Stamm des Baumes, um die Peridermis zu beſeitigen, mit einer Keule geſchlagen und dann die Dermis durch gleich⸗ förmige Einſchnitte abgelöſt. Die dünnen Rinden kleiner Zweige werden einfach in die Sonne gelegt und nehmen die Geſtalt von hohlen Cylindern oder Spulen an, von den Ein⸗ geborenen„Canuto⸗Rinde“ genannt. Die ſtärkere Rinde heißt„Tabla“ oder„Plancha“ und wird in grobe Leinwand eingenäht und in friſche Häute verpackt.
Die Chinarinde wurde bis auf unſer Jahrhundert in ihrem rohen natürlichen Zuſtande angewendet, und es waren ſchon zu verſchiedenen Zeiten zahlreiche Verſuche gemacht wor⸗ den, den eigentlichen heilkräftigen Beſtandtheil der Rinde zu entdecken, ehe man in dieſer Beziehung zu einem richtigen Ergebniß gelangte. Den erſten bemerkenswerthen Verſuch dieſer Art machten 1779 die Chemiker Buguet und Cornette, die in der Quinquina⸗Rinde das Vorhandenſein eines weſent⸗ lichen Salzes, einer harzigen und einer erdigen Subſtanz er⸗ kannten. Im Jahre 1790 entdeckte Fourcroy das Vorhanden⸗ ſein eines Farbſtoffes, nachmals Chinchona⸗Roth genannt, und 1800 glaubte ein ſchwediſcher Arzt, Weſtring, den wir⸗ kenden Grundſtoff der Quinquina⸗Rinde entdeckt zu haben. Aber erſt 1815 wurde durch Reuß, einen ruſſiſchen Chemiker, die erſte leidliche Analyſe der Chinarinde gegeben, und ziem⸗ lich um dieſelbe Zeit ſtellte Dr. Duncan in Edinburgh die Meinung auf, daß eine wirkliche Subſtanz als fiebervertrei⸗ bender Stoff in der Chinarinde vorhanden ſei. Dr. Gomez, ein Arzt der portugieſiſchen Marine, war(1816) der Erſte, der dieſen von Dr. Duncan angedeuteten Stoff abſonderte, den er„Chinchonin“ nannte. Aber die endliche Entdeckung des Quinin, Chinin, gelang erſt den ſranzöſiſchen Chemikern Pelletier und Caventou im Jahre 1820. Sie nahmen an, daß ein vegetabiliſches Alkaloid, analog dem Morphin und Strychnin, in der Quinquina⸗Rinde enthalten ſein müſſe, und entdeckten hierauf, daß der fiebertreibende Stoff in zwei, in den verſchiedenen Rindenarten theils vereinigt, theils ge⸗ trennt vorkommenden Alkaloiden, Quinin, oder Chinin und Chinchonin oder Cinchonin, enthalten war, die zwar gleiche Eigenſchaften beſaßen, von welchen aber das erſtere kräftiger war als das andere.
Quinin oder Chinin iſt eine weiße geruchloſe, bittere, ſchmelzbare, kryſtalliſirte Subſtanz mit der Eigenſchaft nach links ſich drehender Polariſation. Die Salze des Chinin ſind in Waſſer, Alkohol und Aether auflösbar. Das doppeltſchwe⸗ felſaure Salz des Chinin wird allen Salzen vorgezogen, weil es ein leicht herzuſtellendes feſtes Salz bildet, das ein ſtarkes Verhältniß des Alkaloides enthält. Es iſt ſehr bitter und auf⸗ lösbar und kryſtalliſirt in langen ſeidenartigen Nadeln. Man gewinnt es, indem man dem ſchwefelſauren Salz Schwefel⸗ ſäure hinzuſetzt. Chinchonin oder Cinchonin unterſcheidet ſich von Chinin dadurch, daß es in Waſſer weniger, in Aether gar nicht auflösbar iſt. Es hat die Eigenſchaft nach rechts ſich drehender Polariſation.
Indem die Entdeckung dieſer Alkaloide in der Quinquina⸗ Rinde die Chemiker in den Stand geſetzt hat, die heilkräftigen
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Stoffe auszuziehen, hat ſie die Nützlichkeit dieſer Pflanze we⸗ ſentlich vermehrt. In kleinen Doſen vermehren dieſelben den Appetit und befördern die Verdauung und in gelinden Fällen des Wechſelfiebers iſt Chinchonin von gleicher Wirkſamkeit wie Chinin, während in ernſten Fällen Chinin abſolut nöthig iſt. So beſitzen dieſe Alkaloide nicht blos toniſche Eigenſchaf⸗ ten, die in unendlich vielen Fällen benutzt werden können, ſondern auch eine fiebervertreibende Heilkraft, die nicht ihres Gleichen hat und wodurch ſie für tropiſche Länder und für niedrige ſumpfige Gegenden, wo Fieber herrſchen, zu einem faſt unentbehrlichen Lebensbedürfniß geworden ſind.
Dieſe Arznei, die koſtbarſte von allen, welche die Heil⸗ kunſt kennt, iſt einer der größten Siege, die der Menſch dem Pflanzenreich abgewonnen hat. Die Schätze, die Peru bietet und nach welchen die Spanier den Erdboden durchwühlten, ſind nicht zu vergleichen mit der Nützlichkeit der Quinquina⸗ Rinde, die ihnen ſo lange Zeit unbekannt blieb⸗
Die Rindenſammler von Bolivia haben allerlei Beſchwer⸗ den und Gefahren zu überwinden. Diejenigen, welche die Rinde auf ihrem Rücken aus dem Innern der Wälder brin⸗ gen, erhalten für den Centner fünfzehn Dollars. Sie müſſen ſich, wenn ſie in die Wälder gehen, mit Lebensmitteln und den nöthigen Bedürfniſſen und Decken für die Nacht aus⸗ rüſten, und wenn dieſe Vorräthe durch irgend einen Zufall verloren gehen, ſo iſt oft der Hungertod die unausbleibliche Folge. f
Dr. Weddell ſtieg einſt, als er den Coroico hinauf⸗ fuhr, an's Land, um an einer von Bäumen beſchatteten Stelle des Ufers zu übernachten. Hier fand er die Hütte eines Rin⸗ denſammlers und nicht weit davon einen auf dem Boden und im letzten Todeskampfe liegenden Mann, der faſt ganz nackt und mit Myriaden von Inſekten bedeckt war, deren Stiche wahrſcheinlich ſein Ende beſchleunigt hatten. Sein Geſicht war bis zur Unkenntlichkeit aufgeſchwollen und ſeine Glieder waren im gräßlichſten Zuſtande. Auf den Blättern, die das Dach der Hütte bildeten, lagen die Ueberreſte der Kleidung des Unglücklichen, ein Strohhut und einige Lumpen, und ein irdener Topf mit den Ueberbleibſeln der letzten Mahlzeit, etwas Mais und einigem Chunus. Das iſt das Schickſal, welchem die Rindenſammler ausgeſetzt ſind— der Tod in den Wäldern, fern von allen Freunden, ein Tod ohne Hülfe und ohne Troſt. 6.
Die drei Sträflinge.
Unter dem ſchriftlichen Nachlaß Alfred de Vigny's hat ſich der Entwurf eines Gedichts gefunden, dem eine ähnliche Idee wie den„Misérables“ von Victor Hugo zu Grunde liegt, und den jetzt Jules Levallois in der Opinion nationale veröffentlicht.
In Breſt auf den Galeeren leiſten ſich drei Sträflinge, die in der Kürze ihrer Befreiung entgegenſehen, gegenſeitig den Schwur, kein Verbrechen wieder zu begehen. Als ſie in Freiheit geſetzt worden ſind, ſuchen ſie Arbeit, aber überall weiſt man ſie zurück und ſie vereinigen ſich, um Kohlen anzu⸗ zünden und ſich zu erſticken.
„Wir haben keinen chriſtlichen Glauben mehr; wir lieben unſere Brüder, weil unſer Herz es uns ſagt; wir haben nie getödtet.“
„Ich habe falſches Geld geprägt.“
„Ich habe falſche Banknoten gemacht.“
„Ich habe bei der Entführung eines jungen Mädchens hülfreiche Hand geleiſtet.“
„Kommt, laßt uns Arbeit ſuchen.“


