Vierle
letah, der Milizer drückt den verklopften Tzako zurecht und ſchaut ſeinem Gegner einige Augenblicke prüfend in's Ge⸗ ſicht, dann fällt er ihm verſöhnt in die Arme, die ihm dieſer
ae, wem entgegen bietet. Der Arbeitsmann ſucht jetzt in allen Taſchen Shänke nach einem Schilling, um eine halbe Pinte als Friedenstrunk chmuck dafür zu erkaufen; aber alles Suchen erweiſt ſich vergebens; hanmu⸗ er hat in ſeinem iriſchen Ehrgefühl mit dem letzten Penceſtück n ſeinen den Dudelſackpfeifer bezahlt. Doch Pat, der für Alles Rath c, venn weiß, bittet ſeinen Gegner, den Platz nicht zu verlaſſen und
gähnelt. verſchwindet unter der Menge. Doch nur kurze Zeit iſt ver⸗ gangen und ſeelenvergnügt kehrt er wieder in bloßen Hemd⸗ ärmeln. Er hat das Fragment ſeines alten ſchwarzen Fracks bei demſelben dem Platz anwohnenden Kleidertrödler, von dem er ihn vor wenigen Tagen erhandelt, wieder verkauft; der Erlös reicht hin zur fröhlichen Beendigung einer Nacht, die er als die allerglücklichſte ſeines armen Lebens— the most happy of his poor life— bezeichnet.
Der Irländer iſt an jeden Wechſel des Lebens gewöhnt; er trägt ihn mit philoſophiſchem Anſtand. Dabei erfreut er ſich ſeines Daſeins, ſo oft ſich die Gelegenheit dazu darbietet. Aber ſelbſt in der Freude gewahrt man in ſeinem Geſicht den elegiſchen Zug, den er mit dem Sarmaten im Vollgefühl der verlorenen Nationalität gemeinſam hat.— Da, wo die Herren ſeit Jahrhunderten am beſten Mark des Landes rück⸗ ſichtslos zehren, ſollte man es dem Volke nicht allzu ſehr ver⸗ argen, wenn es für Jahre ſchwerer Leiden in Stunden der Freude, kurzen Stunden, Vergeſſenheit ſucht!—
Süden
ſentiren
Ein ruſſiſcher Dichter.
Erſt kürzlich ſind in Moskau die Memoiren des längſt verſtorbenen ruſſiſchen Juſtizminiſters und Dichters Iwan Iwanowitſch Dmitriew veröffentlicht worden. Dieſe inter⸗ eſſanten Aufzeichnungen umfaſſen zwei Bände, deren erſter aus literariſchen Erinnerungen beſteht und ein lebhaftes Bild der literariſchen Kreiſe in den Jahren 1760— 1837, der Lebenszeit Dmitriew's, entwirft. Bruchſtücke daraus ſind bereits in mehreren ruſſiſchen Blättern veröffentlicht worden; der zweite Theil jedoch, welcher die Amtsthätigkeit Dmitriew's ſchildert, war Lisher völlig unbekannt und wir entnehmen demſelben einen der intereſſanteſten Abſchnitte gleich zu Beginn.
Der Anfang der Dienſtcarrière Dmitriew's iſt höchſt originell und fällt in die erſten Wochen der Regierung Kaiſer Paul's I. Während Dmitriew noch zu Lebzeiten Katharina's auf Urlaub ſeine Verwandten in der Heimath beſuchte— er diente damals im Militär— erfuhr er eines Tages den plötzlichen Tod der Kaiſerin und eilte nach Petersburg, um ſeine Entlaſſung zu erbitten, damit er ſich im Kreiſe ſeiner Freunde in Moskau erholen könne.
Nachdem ihm dieſelbe mit dem Range eines Oberſten Pae gewährt worden war, beabſichtigte Dmitriew, erſt einige Tage ganz ruhig zu Hauſe zu verbringen und eine angefangene
— in den nelancho⸗
ſch Kan Dichtung zu vollenden, dann aber ſich dem Kaiſer Paul vor⸗ ur, ſ zuſtellen und ihm ſeinen Dank bei der Wachtparade darzu⸗
bringen. Seine Vorſtellung ereignete ſich jedoch früher als er erwartete, und zwar auf eine ſehr ungewöhnliche Weiſe. Am Weihnachtstage nämlich erhielt er eine Aufforderung von dem Polizeiminiſter, mit ſeinem Dienſtcollegen, dem Stabscapitän Lichatſchew, vor dem Kaiſer zu erſcheinen. In Geſellſchaft des Polizeiminiſters fuhren ſie in den Palaſt. .4 Dmitriew glaubte, man würde ihn durch die leeren Säle, an pf, la den Schildwachen vorüber, gerade in das Cabinet des Kaiſers
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Jolge. 235 führen, aber bei den erſten Schritten in die inneren Gemächer überraſchte ihn ein unerwarteter Anblick. Er erzählt darüber:
„Ich erblicke in denſelben die Vertreter der ganzen Stadt, alle Militär⸗ und Civilbeamte, die höchſten Würden⸗ träger und Hofchargen beiderlei Geſchlechts in vollem Glanze der ſtrahlendſten Toiletten und Uniformen, und an der Spitze dieſer ganzen Menſchenmaſſe den Kaiſer ſelbſt!
Umgeben von ſeiner Generalität und den Officieren erwartete er uns in dem Gemach, wo die Parole und die kaiſerlichen Befehle ertheilt werden. Bei unſerem Eintritt in das Zimmer weiſt er uns einen Platz ihm gegenüber an, wendet ſich darauf an die Verſammlung und erklärt, daß ein unbekannter Menſch der dienſtthuenden Schildwache einen an den Kaiſer adreſſirten Brief eingehändigt habe, in welchem ihm mitgetheilt werde, daß der Oberſt Dmitriew und Stabs⸗ capitän Lichatſchew ihm nach dem Leben trachten.„Hören Sie,“ fuhr er fort, und las nun den Inhalt des Briefes, welcher in ſeinem Hute lag, der Verſammlung laut vor. Nach Ab⸗ leſung deſſelben ſagte der Kaiſer:„Der Brief iſt nicht unterzeichnet, doch habe ich den Kriegsgouverneur Archarov beauftragt, den Angeber ausfindig zu machen. Unterdeſſen,“ fuhr er, ſich zu uns wendend fort,„überliefere ich Sie in die Hände des Gouverneurs. Obgleich ich hoffe, daß dies eine bloße Verleumdung iſt, kann ich den Fall doch nicht ganz unbeachtet vorübergehen laſſen. Uebrigens bin ich mir voll⸗ kommen bewußt, daß der Kaiſer ebenſo ein Menſch iſt wie alle anderen, daß auch er ſeine Schwächen und Fehler haben kann; ich regiere jedoch erſt ſo kurze Zeit, daß es mir wohl kaum hätte gelingen können, irgend Jemandem etwas zu Leide zu thun, wenn ich es ſelbſt gewollt hätte.“ Hier machte er eine kleine Pauſe, dann ſchloß er mit den folgenden Worten: „Wenn man auch mich nicht will, ſo müßte doch ein Anderer
an meiner Stelle ſein, und meine Kinder ſind noch gar zu
jung zum Regieren.“
Bei dieſen Worten ſtürmten die Großfürſten und der Thronfolger Ceſarewitſch auf ihn zu, um ihm die Hände zu küſſen; Alles gerieth in Aufregung und drängte ſich an den Kaiſer, die Generäle und Officiere ſtrömten an ihm vorüber und küßten ihn, wo ſie nur ankamen, entweder ſeine Hand oder ſeine Schulter oder auch nur den Saum ſeines Rockes.
Als Alles wieder in die frühere Ruhe und Ordnung gekommen war, zog ſich der Kaiſer zurück und Archarov nickte uns mit dem Kopfe zu, daß wir ihm folgen ſollten. Im Vor⸗ zimmer überlieferte er uns dem Polizeimeiſter, welcher uns in das Haus des Kriegsgouverneurs führte.“
Die Angeſchuldigten verbrachten einige Tage im Arreſt im Hauſe des Kriegsgouverneurs Archarov in ſehr natürlicher
Verſtimmtheit, obgleich Archarov überaus höflich mit ihnen
umging und ſie ſelbſt zu ſeiner Tafel zog. Dank der Kühn⸗ heit und Geſchicklichkeit dieſes Mannes in Polizei-Angelegen⸗ heiten, war der Angeber bald entdeckt. Es war der Diener Lichatſchew's; in ſeiner Rocktaſche wurde noch ein Brief ge⸗ funden, der an ſeinen Vater und ſeine Mutter im Dorfe adreſſirt war. In dieſem Briefe berichtete er, daß allen Leib⸗ eigenen die Freiheit geſchenkt werden ſolle; wenn ſich dies nicht realiſire, ſo hoffe er die Freiheit auf anderem Wege zu erlangen, das heißt durch Beſchuldigung vollſtändig unſchul⸗ diger Männer.
Der Kaiſer befahl, den Angeber dem Criminalgericht zu übergeben, die Beſchuldigten aber feierlich zu rechtfertigen. Nach einigen Tagen wurden ſie wieder in den Palaſt be⸗ ſchieden.
„Wir machten uns abermals auf den Weg,“ erzählt


