Jahrgang 
1-26 (1867)
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der:

ieder

arm,

Vierte Literariſche Briefe von Otto Banck.

Lieder und Sprüche aus dem lyriſchen Nachlaſſe von Rückert. Frankfurt, bei Sauer⸗ länder.

Wenn Ihnen die Lyrik der Gegenwart mit Recht in ihren vielen ſüßlichen und ſchwächlichen Ergüſſen unbehaglich geworden iſt oder wenigſtens Ihren wohl⸗ begründeten kritiſchen Anforderungen gegenüber nur zu Vieles zu wünſchen übrig gelaſſen hat, ſo dürfen Sie im Gegenſatze dazu mit freudigen Erwartungen an die kleine lyriſche Hinterlaſſenſchaft eines tüchtigen, von Gediegenheit durchdrungenen Altmeiſters der Poeſie herantreten.

Dieſe Erwartungen werden in der That auch nicht durch das oben genannte Buch getäuſcht, ſobald man ſie mit richtigem Maße zu hegen verſteht.

Der greiſe Rückert gehörte ſtets zu den faſt über⸗ fleißigen Dichtern, ſein Quell ſtrömte unaufhörlich und ſein vielgeſtaltiges Innenleben, welches tauſend Beziehungen zur Wirklichkeit hatte, wurde von oft un⸗ bedeutenden Dingen zur Production angeregt. Er ging von dem in vieler Beziehung ſehr ſtichhaltigen Satze aus, der übrigens auch in der Kritik ſeinen guten Boden hat, daß es vielmehr darauf ankommt, was ein Dichter Bedeutendes ſagt, als worüber er es ſagt. Das Gänſe⸗ blümchen ſtand ihm hierin mit der Roſe gleich, und er hat über das Schwalbenlied, welches die Welt wenig bewundert, wohl Schöneres geſungen, als über den ergreifenden Seelenton der oft gerühmten Nach⸗ tigall. Er fand Arkadien in jeder Thalflur, ja in den Sandebenen der Mark und es hob ſich auch dort ſeine Bruſt im alten ewigen Schöpfungstriebe, ſobald Frühling, Sommer und Herbſt die Auen beſuchten, Wolken ſchwebten und Winde wehten, der Bach durch die Kieſel murmelte und ein fühlendes Menſchenkind daran gedacht werden konnte, in deſſen Geiſtesauge ſich Himmel und Erde ſpiegelten. Ja, Rückert war ein Poet, der auch geſungen haben würde am ein⸗ ſamen Meeresſtrande, auf unbewohnter Inſel, wo nur er ſelbſt da war als Hörer, als Kritiker. Seine Lieder ſind mit ſinnig ſpielender Hand in die Fluthen des Lebens geſchrieben, ohne Sorge darum, ob ihre Runen mit den Waſſern des Lebens auch wieder zerfließen. Die Tüchtigkeit war ſein Ziel, die geſunde Regel des Denkers ſeine Richtſchnur; aber er hat dabei weniger als Andere auf den Ruhm bei der Nachwelt ſpeculirt. Seine Beſchäftigung mit der ſprachlichen und poetiſchen Cultur des Orients nährte in ihm vorzugsweiſe den ſchon vorhandenen Hang contemplativer Weisheit und Ruhe und ſeine eigent⸗

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Folge. 217

liche Lyrik neigte ſich, namentlich im Alten, immer mehr zur Spruchpoeſie, zum Epigramm, zur Aenie.

Daß Rückert ein unbefangener Freidenker war, daß ihm die hoöchſten Güter des Lebens über alle conventionellen und confeſſionellen Formen und Vor⸗ urtheile erhaben waren, gab ſeinen Ausſprüchen oft einen glühenden Strahl der Oppoſition, der tief ein⸗ ſchneidenden Polemik gegen gemein verbreitete, aber auch gemeinſchädliche Mängel und Rechtsverkümme⸗ rungen in der modernen Geſellſchaft. Er ſteht nach dieſer moraliſchen Richtung hin keinesweges einzig da, aber er iſt von Andern ziemlich iſolirt durch die ten⸗ denzloſe Unbefangenheit und Sachliebe, mit denen er ohne Rückſicht auf Perſonen oder egoiſtiſche Selbſt⸗ zwecke ſeiner Muſe das Jagdrevier im Irrgarten der Täuſchungen eröffnete.

Was uns hier an Liedern und Sprüchen aus Rückert's Nachlaß vorliegt, gehört durchſchnittlich kei⸗ neswegs zu ſeinen vorzüglichſten Productionen; doch es würde auch ganz unzuläſſig ſein, dies zu erwarten. Keineswegs iſt aber die hier und da ausgeſprochene gegneriſche Behauptung richtig, daß ſich unter dieſen Sachen nur wenige von bleibendem Werth befänden. Im Gegentheil, eine ſehr beträchtliche Zahl derſelben ſchließt ſich dem Allerbeſten an, deſſen wir uns in dieſem Genre von Leſſing erfreuen.

Ueber die Art ſeines Dichtens ſagt Rückert ſelbſt:

Sie ſagen bei jedem neuen Gedicht: Mußt du denn immer dichten?

Ich ſage: denkt an euer Gebiet! Müßt ihr nicht immer denken?

Sie ſagen: es iſt ein Unterſchied Zwiſchen Denken und Dichten.

Ich ſage: Für mich mit nichten, Ich denke nie, ohne zu dichten

Und dichte nie, ohne zu denken.

Wir wollen dieſem Spruche in bunter, aber für das Buch hoffentlich bezeichnender Auswahl noch einige andere folgen laſſen:

Nachmann und Vormann.

Eins hätt' ich mir gerne verbeten,

Daß kein Nachmann mir ſollt' auf die Ferſe treten,

Wie ich meinen Vormann um Verzeihung bat,

Den ich auf die Ferſe trat.

Doch was Bitte, Vorbitte und Abbitte?

Tritte kriegt man und giebt Tritte.

Warten und immer warten. Ich warte auf des Abends Verlauf, Mein Glück geht vielleicht mit dem Vollmond auf. Dann wart' ich auf den Morgenſchein; Mit Sonnenaufgang wird es ſein. Mond und Sonne kommen und gehn, Aber mein Glück hab' ich nicht geſehn.

Sehr ſchön ſind auch viele ſeiner Hexameter und Pentameter: