Jahrgang 
1-26 (1867)
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eerzählen hörte, die ſich ſeit langer Zeit auf Candia nieder⸗

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Er ſagte zu mir:Sie wiſſen nichts, als ſich zu betrinken und aus vollem Halſe und in ſchlechtem Griechiſch jede Artvon Unſinn zu ſingen. Nicht Einer von ihnen iſt gereiſt, nicht Einer kennt die türkiſche Sprache und eben ſo wenig hat er den Wunſch, ſie zu lernen. Wenn man hier vernünftig plaudern, wenn man türkiſch ſprechen will, ſo muß man ſich an einen Griechen wenden.

Obgleich die wahren Türken ſich weigerten, in dieſen improviſirten Türken, die ſich ſo gleichgültig gegen den Koran zeigten, Brüder anzuerkennen; obgleich das griechiſche Blut in den Adern der größten Zahl derjenigen floß, die ſich vor hundert Jahren den Namen Türken beilegten, ſo waren doch nirgends die muſelmänniſchen Beherrſcher für die Chriſten unverſchämter und grauſamer, als auf der Inſel Candia. Kein Chriſt war Herr weder ſeines Ackers, noch ſeines Hauſes, weder ſeiner Frau, noch ſeiner Töchter. Die Laune eines Mohamedaners war hinreichend, um ihm Alles zu rauben, was ihn das Leben lieben ließ. Alle Türken, welche die Inſel enthielt, waren in eins der vier Janitſcharen⸗Regimenter eingeſchrieben, welche es auf Candia gab, und unter dieſem Titel traten ſie jede Gerechtigkeit und jedes Recht mit Füßen und boten ſie in frecher Weiſe jeder Behörde Trotz. Im Laufe des letzten Jahrhunderts ſtieß der Sultan, dem man überall nicht gehorchte, nirgends auf größern Ungehorſam, als auf der Inſel Candia. Mehrmals empörten die candiotiſchen Türken ſich gegen den Paſcha, welchen die Pforte ihnen geſandt hatte, und ſie zwangen Conſtantinopel, den Chef anzuerkennen, den ſie ſich ſelbſt gegeben hatten, und die Wahl der Rebellen durch einen Firman zu beſtätigen. Daher war es den Gou⸗ verneuren unmöglich, irgend etwas mit Erfolg zu verſuchen, um das Leben und das Eigenthum der Chriſten gegen die Angriffe der Türken, die mit jedem Tage brutaler wurden, zu vertheidigen, um den Ackerbau und Handel wieder aufzu⸗ richten, welche die Abweſenheit jeder Ordnung und jeder Sicher⸗ heit von Jahr zu Jahr tiefer fallen und langſam erſterben ließ.

In die Grauſamkeit, mit welcher die neuen Muſelmänner gleich anfangs angefangen hatten, diejenigen zu behandeln,

die noch kurz vorher ihre Brüder waren, miſchte ſich ohne

Zweifel viel von jenem Haß, den die Renegaten faſt immer für den Glauben, den ſie eben verlaſſen haben, und für die, welche ſich zu demſelben zu bekennen fortfahren, zeigen. Die Beharrlichkeit ſo vieler Chriſten, feſt in dem Glauben ihrer Väter zu bleiben, trotzdem, daß ſie ſich dadurch ſo viele Leiden zuzogen, war für dieſe Abtrünnigen ein bitterer und beſtän⸗ diger Vorwurf. Sie rächten ſich dafür, indem ſie die Chriſten mit Demüthigungen und Beleidigungen überhäuften. Es iſt wahr, derſelbe Vorwurf quälte nicht mehr die Söhne derer, welche von ihrem Glauben abgefallen waren; aber die Gewohnheit war angenommen, und die Gewohnheit des Böſen erlangt man weniger leicht, als die des Guten, wie ſie⸗ ſich auch weniger ſchnell verliert.

Esiſt ſchwierig, ſich vorzuſtellen, zu welchen Exeeſſen dieſe phantaſtiſche und grauſame Tyrannei überall fortriß, wo ſie nicht wie in den gebirgigen Diſtricten das Innere durch die Furcht ſtummer Hinterhalte und nächtlicher Rache in Zaum gehalten wurde. Man wird darüber nach einigen Anekdoten urtheilen können, welche ich in einer franzöſiſchen Familie

gelaſſen hat und welche viele merkwürdige Einzelnheiten über den Unabhängigkeitskrieg und über die traurigen Jahre, welche dem Aufſtande vorhergingen, geſammelt hatte. Das Land⸗ haus, welches das Haupt dieſer Familie in Khalepa, in der Nähe

Novellen⸗Jeitung.

einem ſehr reichen Bey, einem wahren vornehmen Herrn des Landes. Wie faſt alle candiotiſchen Türken trank dieſer Bey Wein, und oft, um ſchneller zur Trunkenheit zu gelangen, Branntwein. So lange wie er nüchtern war, war er, wie man ſagt, ein ziemlich guter Teufel, dagegen gab es nichts, ſobald er einmal betrunken war, was er ſich nicht erlaubte und wagte. Eines Tages hört er, nachdem er getrunken hatte, daß eine Chriſtin, eines der hübſcheſten Mädchen des Landes, am folgenden Tage einen jungen Griechen heirathen werde, welcher unter den jungen Burſchen des Dorfes der behen⸗ deſte, der ſtärkſte, der eleganteſte war. Er ſchickt ſogleich zwei ſeiner Diener fort, um die Braut und deren Vater zu holen, um, wie er ſagteihnen zu der Hochzeit, die ſich vor⸗ bereitete, Glück zu wünſchen. Sie mußten wohl gehorchen; der Bräutigam, welcher vielleicht dagegen eine Einſprache eingelegt hätte, war in die Stadt gegangen, um die Hoch⸗ zeitsgeſchenke einzukaufen. Die armen Leute kommen daher ganz zitternd an; der Bey läßt ſie in ſeine Nähe kommen und richtet an das Mädchen grobe Complimente, von denen jedes Wort eine Beſchimpfung iſt. Unglücklicher Weiſe für ſie machen ſie ihr Schrecken, ihre Schaam und die Röthe, welche in ihre Wange ſteigt, nur noch ſchöner; von ſeiner Sinnlichkeit entflammt, befiehlt der Herr den Banditen, die ihm als Kammerdiener dienen, den Vater fortzuführen und ihn mit dem Mädchen allein zu laſſen. Man zieht daher den Greis fort, der ſich in den kräftigen Armen eines Dutzend Türken vergebens zur Wehre ſetzt; man wirft ihn durchprügelt, mehr todt als lebendig vor die Thür. Als der Bey ſeine Sinnlichkeit befriedigt und die junge Griechin entehrt hat, ſteigt er zu Pferde, um friſche Luft zu ſchöpfen und den Weinrauſch zu vertreiben. Von ſeinen ſchurkiſchen Dienern begleitet, galoppirt er auf die von Khalepa nach La Canea führende Straße. Unterwegs begegnet er dem Bräutigam, welcher noch nichts von dem Vorgefallenen weiß und mit den Geſchenken, die er für ſeine Braut eingekauft hat, ganz ruhig zurückkehrt. Sogleich ſtürzt der Bey ſich ihm entgegen, zieht ein Piſtol hervor und jagt dem jungen Manne eine Kugel durch die Bruſt, welcher todt zu ſeinen Füßen niederſtürzt. Daß dieſe Verbrechen unbeſtraft blieben, bedarf kaum der Erwähnung; es waren fürſtliche Zeitvertreibe, und die Herren des Landes, in deren Händen die Gerichtshöfe und die Gerech⸗ tigkeitspflege waren, dachten gar nicht daran, wegen einer ſolchen Kleinigkeit unwillig zu werden. Dieſer Schurke wurde erſt einige Jahre ſpäter in dem Unabhängigkeitskriege getödtet.

Auch die folgende Erzählung habe ich aus einer ganz guten Quelle. Es giebt noch jetzt auf der Inſel Candia viele Greiſe, welche dieſe Sachen geſehen haben und die ſie, wie ſich leicht begreifen läßt, weder vergeſſen noch verziehen haben. Gegen den Anfang dieſes Jahrhunderts gab es in La Canea einen Chriſten, der als Bäcker ſich durch ſein Talent, einen Kuchen des Landes vorzüglich zu bereiten, berühmt gemacht hatte. Man ſprach auch viel von der Schönheit ſeiner Frau, die von den Griechen ſehr gerühmt wurde, die aber noch keinem Türken zu Geſicht gekommen war. Aus Klugheit ging ſie, wie faſt alle griechiſche Frauen in der Stadt, nie aus ihrem Hauſe. Eines Tages tritt ein Bey aus La Canea, Einer von denen, welchen man am wenigſten den Gehorſam zu verſagen wagte, in den Laden des Bäckers.Mache mir für dieſen Abend, ſagte er zu dem armen Manne,einen ſchönen Kuchen; ich werde mit einigen Freunden kommen, um ihn bei Dir zu eſſen; richte die Tafel Nachts um 2 Uhr an und gieb uns guten Wein und Branntwein. Du wirſt gut

von La Canea, bewohnte, gehörte vor ungefähr funfzig Jahren

bezahlt werden.