188 Novellen⸗Jeitung.
anfangs als einen Commentar zu dem Texte ſeiner Phyſiog⸗ nomie benutzte. Lange Zeit war ich geneigt, dieſe verſchwim⸗ menden Viſionen als ein Spiel meiner Phantaſie zu be⸗ trachten, um ſo mehr, als mein Traumgeſicht mir die Kleidung und die Bewegungen der Handelnden, das Ausſehen der Zimmer, die Ausſtattung und andere Nebendinge des Schau⸗ platzes vorführte, bis ich bei einer Gelegenheit, in einer An⸗ wandlung von ſcherzhafter Laune, meiner Familie die geheime Geſchichte einer Nähterin erzählte, welche ſoeben das Zimmer verlaſſen hattte. Ich hatte dieſe Perſon vorher niemals ge⸗ ſehen. Dennoch waren die Zuhörer überraſcht, ſie lachten, und wollten es ſich nicht ausreden laſſen, daß ich ſchon vor⸗ her das frühere Leben des Frauenzimmers gekannt habe, da das, was ich erzählt habe, vollkommen wahr ſei. Ich war nicht weniger erſtaunt, als ich fand, daß mein Traumgeſicht mit der Wirklichkeit übereinſtimmte. Nun gab ich mehr Achtung auf dieſen Gegenſtand und ſo oft es die Schicklich⸗ keit erlaubte, erzählte ich Denen, deren Leben in dieſer Weiſe vor mir vorübergegangen war, den Inhalt meiner Traum⸗ geſichte, damit ſie dieſelben Lügen ſtrafen oder beſtätigen möchten. Bei jeder Gelegenheit erfolgte die Beſtätigung, nicht ohne Staunen von Seiten Derer, die ſie gaben.
Am allerwenigſten konnte ich ſelbſt dieſen Spielen meiner Phantaſie Glauben ſchenken. Jedesmal, wenn ich irgend Jemandem ein auf ihn Bezug habendes Traumgeſicht be⸗ ſchrieb, erwartete ich zuverſichtlich die Antwort, daß es falſch
ſei. Immer ergriff mich ein geheimer Schauder, wenn der
Zuhörer erwiderte:„Es war Alles ganz ſo, wie Sie ſagen,“ oder wenn er, bevor er den Mund zum Sprechen öffnete, ſein Erſtaunen bewies, daß ich nicht Unrecht hatte. Von vielen Fällen will ich nur einen einzigen erzählen, welcher damals, als er ſich ereignete, einen tiefen und bleibenden Eindruck auf mich machte. Eines ſchönen Tages kam ich nach der Stadt Waldshut, don zwei jungen Forſtleuten begleitet, welche noch jetzt am Leben ſind. Es war Abend, und vom Wege ermüdet, kehrten wir in einem Gaſthofe,„Zur Weinrebe“ genannt, ein. Wir genoſſen unſere Abendmahlzeit an der Wirthstafel in zahl⸗ reicher Geſellſchaft, wlche ſich zufällig über die Sonderbar— keiten und die Einfalt der Schweizer, über den Glauben an Mesmerismus, Lavater’'s Syſtem der Phyſiognomik und der⸗ gleichen luſtig machte. Einer meiner Gefährten, deſſen Na⸗ tionalſtolz durch dieſe Scherze verletzt ward, bat mich, etwas zu erwidern, namentlich gegen einen gegenüberſitzenden jungen Mann von anmaßendem Aeußeren, welcher ſich vor Allen durch ſeinen zügelloſen Spott hervorthat. Zufällig waren die Ereigniſſe aus dem Leben dieſes Individuums ſoeben vor meinem Geiſte vorübergegangen, Ich wendete mich an ihn mit der Frage, ob er mir wahrhaft und aufrichtig antworten wolle, wenn ich ihm die geheimſten Stellen aus ſeiner Lebens⸗ geſchichte erzählte, wenn er mir auch ebenſowenig bekannt wäre, wie ich ihm. Das würde doch, ſetzte ich hinzu, noch etwas über Lavater's phyſiognomiſches Talent hinausgehen. Er verſprach, es offen zu geſtehen, wenn ich die Wahrheit ſagte. Nun erzählte ich die Ereigniſſe, welche mir mein Traumgeſicht vorgeführt hatte, und die Tiſchgeſellſchaft er⸗ fuhr ſo die Lebensereigniſſe des jungen Mannes, die Ge⸗ ſchichte ſeiner Schuljahre, ſeiner kleinen Sünden, und endlich eine kleine Spitzbüberei, welche er an der eiſernen Geldeaſſe ſeines Lehrherrn begangen hatte. Ich beſchrieb das unbe⸗ wohnte Zimmer mit ſeinen weißen Wänden, in welchem rechts von der braun angeſtrichenen Thür der kleine ſchwarze Geld⸗ kaſten auf dem Tiſche geſtanden habe u. ſ. w. Während
dieſer Erzählung herrſchte in der ganzen Geſellſchaft ein todtenähnliches Schweigen, welches nur zuweilen unterbrochen wurde, wenn ich fragte, ob ich die Wahrheit rede. Der junge Mann, auf's Höchſte betroffen, gab die Richtigkeit ein s jeden von mir eführten Umſtandes zu, ſogar, was ich keineswegs erwarken konnte, des zuletzt erwähnten. Von ſeiner Offenheit bewegt, reichte ich ihm meine Hand über den Tiſch hinüber und ſchloß meine Erzißlung. Er fragte mich nach meinem Namen, ich nannte mich ihm. Wir blieben in tiefem Geſpräche noch bis ſpät in die Nacht ſitzen. Der Mann kann noch jetzt am Leben ſein⸗
Zſchokke erzählte im Jahre 1847, kurz vor ſeinem Tode, daß ſich ſeine Sehergabe in den letzten Jahren ſeines Lebens nicht mehr manifeſtirt habe. 6.
Eine Spahi-Hochzeit in der Smala. Frankreich hat drei Regimenter Spahi's für die drei Provinzen Algier, Oran und Conſtantine, doch liegt nur der Regimentsſtab in dieſen Städten und die Escadrons ſelbſt campiren à la Smala, das heißt dort, wo dey Commandant ihren Lagerplatz ausſucht. So nennt man denn ein ſolches Zeltlager für die Schwadron eine„Smala“. Dieſe Orte werden mit Rückſicht auf die Sicherung der Provinz gegen Ueberfälle und mit Rückſicht auf eine waſſerreiche, relativ fruchtbare Gegend ausgewählt. In tdipenuf des Lagerplatzes befindet ſich eine Art Fort,„Bordji“ genannt, aus vier Ba⸗ ſtionen beſtehend, die durch eine einfache Mauer untereinander verbunden ſind, an welche ſich die Schuppen, Hühner⸗, Schaf⸗ und Pferdeſtälle anlehnen. Um dieſes Bordji herum lagern die Spahi's mit Frauen und Kindern in ihren Zelten.
Der Spahi iſt nämlich kein eigentlicher Soldat und er⸗ hält keinen Sold; eutweder hat ihn der rüihe Burnuß ange⸗ lockt oder der Unfriede und Mißhelligkeiten mit dem Kadi haben ihn daheim fortgetrieben, um den„Chriſtenhunden“ zu dienen. Sein philoſophiſches Raiſonnement geht dahin, daß Allah den Moslems zur Strafe für ihre Sünden fremre⸗ Oberherrſchaft gegeben habe und er demnach den Willen Allah's erfülle, wenn er recht tüchtig auf ſeine Glaubensbrü⸗ der losſchlage; um ſo eher werde dann, wenn das Maß der Züchtigung erreicht ſei, die Fremdherrſchaft überflüſſig. Der Spahi wird nie eincaſernirt, ſondern lebt das gewohnte, ziem⸗ lich freie Leben fort; der Dienſt beſchränkt ſich nur auf Be⸗ ſichtigungen und Ritte zwiſchen dem Fort und der Stadt, wo der Stab liegt. Jeder Spahi hat einen Diener, der ihm Pferd und Reitzeug beſorgt; ein Spahi„vom großen Zelt“, d. h. von beſſerer Herkunft und mehr Vermögen, beſitzt ſogar mehrere Pferde, Diener, Windhunde und außerdem einen zahlreichen Viehſtand, auch mehrere Zelte und Ställe; die Aermeren beſchäftigen ſich mit Hühnerzucht und Jagd
Das Wol hnungszelt eines vornehmeren Spahi's iſt durch einen großen Teppich in zwei Abtheilungen getheilt; die eine bildet das Empfangszimmer, deſſen Boden mit einem reichen Teppich belegt iſt und welches als einziges Möbel einen großen grünen, mit vergoldeten Nägeln beſchlagenen Koffer enthält. Neben demſelben hat der reichverzierte Sattel und das gold⸗ oder ſilberdurchwirkte Zaumzeug ſeinen Platz nebſt Gewehr, Piſtole und Säbel.
Die andere Abtheilung iſt das Frauengemach, welches kein Fremder betreten darf und das ſehr einfach eingerichtet iſt. Ein Lager aus mehrfachen Wolldecken, das Küchengeräthe, die Vorrathsſäcke und ein kleiner Koffer mit den Kleidern der Frau bilden die Ausſtattung dieſes Gemachs, welches zugleich
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