Jahrgang 
1-26 (1867)
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180 Novellen

Das friſche, ſehr zarte Geſicht erinnert an Lilien und Roſen, welche miteinander wetteifern. Dunkle, brennend ſchwarze Augen, von zierlichen ſchmalen Brauen beſchattet, eine griechiſche Naſe, ein roſiger, durch Korallenlippen verſchloſſener Mund verleihen dem jugendlichen Antlitz einen Ausdruck von Leben⸗ digkeit und Herzensgüte. Dazu die dunkelbraunen, einen Alabaſternacken umſchattenden Locken und vor uns ſteht ein Bild der Schönheitsfülle der mädchen⸗ haften Unſchuld. Die hohe, ſchlanke, verhältnißmäßig für ihre Jahre üppige Geſtalt verhüllt ein enge an⸗ ſchließendes ſchwarzes, Arme und Nacken freilaſſendes Sammetmieder, während ein helles, buntblumiges Kattunkleid die runden Hüften und den ſchönen Kör⸗ per recht vortheilhaft hervortreten läßt.

Wo doch heute der Vater bleibt! murmelte die Jungfrau vor ſich hin.Um acht Uhr Abends wollte er zu Hauſe ſein! Iſt ihm ein Unglück wider⸗ fahren? Was finge ich und Veronika an? Zum Heirathen Gott vergieb mir meine Sünde bin ich noch viel zu jung und David denkt nicht an mich! Der Vater ſagt immer, ich müſſe ſeinen jüngeren Bruder, den Förſter Nicolaus Wolfert, heirathen er iſt dreißig Jahre älter als ich ein alter Jung⸗ geſelle das wäre fürchterlich, entſetzlich. Ich liebe ihn zwar ſo, wie eine Nichte ihren Onkel lieben muß, allein ſonſt ſie deutete auf ihr Herzfühle ich hier Nichts. Dabei leidet der Alte am Zipper⸗ lein, iſt pockennarbig und häßlicher als unſer Ket⸗ tenhund Fripon. Gott im Himmel, Veronika, wie kannſt Du aber die Menſchen erſchrecken! unterbrach Margareth ihr Selbſtgeſpräch.

Dieſe Worte wurden zu einem Maͤdchen ge⸗ ſprochen, das leiſe in die Stube geſchlichen war und ſich neben Magareth niedergelaſſen hatte.

Wo waͤrſt Du, Veronika? fragte Margareth, nachdem ſie ſich von ihrem Schreck erholt.

Veronika ſaß in ſich zuſammengekauert, und gab keine Antwort.

Arme Schweſter, murmelte die Spinnerin,Du

dauerſt mich Deine Gedanken ſind ſchwach von Deiner Geburt an.

Veronika machte einen unheimlichen Eindruck, obgleich ſie einige Aehnlichkeit mit der viel jüngeren Margareth hatte. Ihre ſtark ausgeprägten Züge konnten, wenn auch nicht als ſchön, doch als wohl⸗ gebildet bezeichnet werden, wenn gleich der ganze Ausdruck und die brennend dunklen, oft wie ein flackerndes Feuer ſtrahlenden Augen auf fGeiſtesſtörung der Unglücklichen deuteten.

Das Kleid, welches den ſehr großen, ſchlanken Körper umhüllte, zeigte einen Hang zum Abenteuer⸗

lächelte

mich nicht wollten mich nicht erkennen.

Zeitung.

lichen, wodurch ſich Geiſteskranke nicht ſelten auffällig machen.

Ein langes ſchwarzes, faſt faltenloſes Gewand, eine dunkle Kappe, unter welcher ein Theil ihres rabenſchwarzen Haares wild und unordentlich hervor⸗ hing, ein rother Shawl, der wie eine Schärpe Bruſt und Hüften umſchlang, kurzum, die ganze, von Mode und Sitte der Gegend abweichende Tracht fiel keinem der Dorfbewohner, ſelbſt den Kindern nicht mehr auf; dieſerhalb ließ man der ganz unſchädlichen Wahnſin⸗ nigen ihre volle Freiheit.

Wo biſt Du geweſen Veronika? fragte noch ein Mal Margarethe.

Ich, Schweſter? murmelte die Geiſteskranke.

Ja.

Hinaus ſchaute ich vom Naitenberg*) auf's rollende Meer.

Du biſt ſeit Mittag fortgeblieben*

Soll ich nicht? Heute mußte ich hinaus, denn es ſegelte ein Schiff über die Oſtſee.

Das kannſt Du alle Tage ſehen.

Nicht immer. 4

Weshalb nicht?

Ich ſah es voraus es mußte ſtranden.

Wie? 4

Es hatte zwei lange Maſten und viele, viele

Segel, die bis hoch in die Wolken ragten. Mir

graute davor. Sprich deutlich! Soll ich mich noch deutlicher ausdrücken? Ja

fürchten mich.

Ich nicht 3

Weiß es, traut Schweſterlein, deshalb liebe ich Dich auch ſo ſehr.

Arme Veronika!

Das ſagen ſie Alle aber Keiner, ach Keiner hat mit mir Mitleid.

Alle alle!

Höre nur: Als das Schiff vorbeirauſchte, ſtellte

ja die Leute ſagen, ich ſei geiſteskränk ſie

ich mich auf die Dünen und winkte mit beiden Hinden. Sie ſahen Dich nicht? 6

Ich wollte ihnen eine ſichere Bucht zum Ankern auweiſen, worin ich alle Morgen vor Gonnenaufgang bade.

So?

Das Schiff, welches der Nordſturm an die

Dünen treibt, läuft faſt immer auf den Strand. Deshalb wartete ich, bis der Mond am Himmel prangte und die Sternlein emporſtiegen aber ſie kannten

*) Worauf Naito, eine Heidenburg, geſtanden.

ſe i

aus.