Jahrgang 
1-26 (1867)
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Doch ſollte ich in dieſer Nacht keine dauernde Ruh

abermals geſtört wurde.

Ich ſprang ärgerlich auf, griff in der Schlaftrunkenheit nach meinem Piſtole und wer beſchreibt mein Staunen, als mir eine hohe weibliche Geſtalt, geſpenſterhaft in weißes Gewand gehüllt, entgegentritt, vor mir niederſinkt, meine

Hand küßt und mich beſchwört, ſie nicht zu verlaſſen.

Es war Nino, die Tochter des Gaſtfreundes. Sie hatte von Giorgi das Mißlingen der Handelspläne vernom⸗ men und kam deshalb ſelbſt, um einen letzten Verſuch zu

machen, mich zu bewegen, ſie mit mir zu nehmen.

Daß ſie dabei einen großen Aufwand rührender Worte und liebevoller Geſinnungen für mich machte, lag in der Hinzufügen muß ich, daß ſie das Wort mit bewundernswürdiger Gewandtheit handhabte und ihren Artigkeiten in hohem Grade einen Anſtrich der Aufrichtigkeit

Natur der Sache.

zu geben wußte.

Alle meine Einwendungen und Ausflüchte wurden Ich be⸗ wunderte und lobte die natürliche Beredſamkeit des Mäd⸗ chens, blieb aber nichts deſtoweniger hartnäckig bei meiner In ſehr feiner Wendung gab Nino mir zu⸗

immer ſchnell durch paſſende Antworten beſeitigt.

Weigerung. letzt zu verſtehen, daß es ihr um den Beſitz des Pferdes durch⸗ aus nicht zu thun ſei; ich möchte das Thier immerhin ander⸗ weitig verkaufen, wenn ich nur meine Einwilligung gäbe, heimlich mit ihr zu entfliehen und ihr Herz in meine Hand zu nehmen. Und wenn es ihr nicht gelänge, in mir einen Funken von Zuneigung für ſie zu erwecken, ſo ſtände es mir ja immer noch frei, ſie in Trapezunt oder Conſtantinopel zu ver⸗ kaufen. Mit einigem Selbſtgefühl gab ſie mir dabei zu ver⸗ ſtehen, der Preis für eine ſolche Schöne werde doch in den genannten Städten kein allzu geringer ſein.

Wie ſehr mir auch dieſe materielle Anſchauungsweiſe mißfiel und wie ſehr überhaupt das Benehmen Nino's meinen Gefühlen widerſtrebte, ſo war ich doch dergeſtalt bezaubert von der Schönheit dieſes formvollendeten Mädchens, daß ich wirklich einen Augenblick ſchwankend wurde in meinem Entſchluſſe. Aber der Kampf war nur ein kurzer.

Und ich muß der Wahrheit die Ehre geben und geſtehen, daß, wenn ich mich hätte entſchließen ſollen, eines der beiden lieblichen Weſen mitzunehmen, ich nicht Nino, ſondern Tha⸗ mar, ihre minderſchöne Schweſter, gewählt haben würde. So aber blieben ſie Beide zurück und ich verließ Oſurgethi zwei Tage ſpäter, nachdem ich das Pferd durch Vermittelung eines Polen zu einem geringen Preiſe verkauft hatte. 9.

Johnſon unter den Bigeunern.

Als der Präſident Johnſon im verfloſſenen Jahre eine Rundreiſe durch die Vereinigten Staaten machte, kam er auch in das Dorf Percop, 16 Meilen von Pittsburg im Staate Pennſylvanien. Percop iſt eine Zigeunercolonie und die Be⸗ wohner treiben Pferdehandel, Viehzucht, auch die Eiſeninduſtrie hat daſelbſt geſchickte Vertreter. Im Allgemeinen herrſcht Geſittung und Wohlſtand in dem unanſehnlichen, äußerlich verwahrloſten Dorfe, das man mit Recht als das Eldorado der Zigeuner bezeichnen kann, die aus Nah und Fern hier einwandern und eine Heimath finden.

Es ſind ſchon diele dicke Bücher über Abſtammung, Sitten, Gebräuche, Religion und Sprache der Zigeuner ge⸗

Rovellen⸗Zeilung.

he ſchrieben worden und viele Fragen ſind ungelöſt geblieben finden. Eine Stunde mochte etwa vergangen ſein, ſeit ich wer jedoch Percop und ſ die Katze glücklich vertrieben hatte und in feſten Schlaf ver⸗

ſunken war, als ich durch ein lautes Gepolter an der Thür aus dieſem Grunde gelüſtete es den wiſſ g

eine Bewohner geſehen, wird den Schlüſſel zu manchen dieſer Räthſel finden. Wahrſcheinlich ensdurſtigen Präſi⸗ denten, das vielgenannte Percop zu beſuchen. An der Eiſen⸗ V bahnſtation in der Nähe des Ortes wurde er von den Ael⸗ teſten der Zigeunergemeinde und ihrem Mayor begrüßt, leiſtete deren Einladung, in das Dorf zu kommen, bereitwillig Folge und begab ſich mit ſeinem geſammten Gefolge, zwei Secretären und einem ſchwarzen Diener, in Begleitung der Herren Zi⸗ geuner dorthin. Ein primitiver Leiterwagen, gezogen von zwei kleinen, wildmähnigen Roſſen, führte das Oberhaupt der mächtigſten Republik der Welt auf der Heerſtraße im ſauſen⸗ den Galopp in das Dorf und einige Hundert phantaſtiſch bunt aufgeputzte Gemeindemitglieder Percops ſprengten auf

leichten Roſſen als Ehrengeleite dem Wagen voraus und hinter demſelben drein.

Der Mayor radebrechte das Engliſch ziemlich geläufig und ſpielte den Cicerone des Präſidenten, dem er Alles erklärte und erläuterte. Von ihm erfuhr der Präſident, daß während des Krieges an 2000 Zigeuner in der Unionsarmee gekämpft und geblutet haben, auch viele derſelbem wichtige Dienſte als Spione leiſteten, daß ſie aber trotz alledem auf große Anti⸗ pathien bei den Amerikanern ſtießen, die ſie auf das Sonder⸗ leben anwieſen. Zwar ſeien ſie vor dem Geſetz allen wohnern gleich gehalten, haben freie Religionsübung, ni ſtehe ihrer Wohlfahrt im Wege, aber demungeachtet fühlten ſich die Meiſten unheimiſch im Lande und zögen das Leben jenſeits des Meeres in Europa vor, wo ihren urſprünglichen Sitten weniger Hinderniſſe in den Weg gelegt würden.

Die Neugier Johnſon's war rege gemacht und en forfchte eindringlich nach dem Quell dieſes Unbehagens, worauf er mit Erſtaunen erfuhr, daß das amerikaniſche Geſetz ſie inſo⸗ fern genire, als es die Ehen zwiſchen den nächſten Blutsver⸗ wandten in auf⸗ und abſteigender Linie verbiete. So ſei es vor einem Jahre geſchehen, daß die Jury einen Zigeuner darum zu ſchwerer Kerkerſtrafe verurtheilt habe, weil derſelbe ſeine Schweſter geheirathet hatte, wogegen das Zigeunerge⸗ wiſſen gar nichts einzuwenden habe.

Zu welcher Religion bekennt ihr euch denn eigent⸗

lich? fragte der Präſident.

Wir ſind im Allgemeinen Chriſten. Leſt ihr die Bibel? Die Wenigſten von uns können leſen, doch wird das

beſſer werden, denn wir bekommen nunmehr eine Schule. Die Miſſionäre, die zu uns kommen, verbreiten eine in

unſerer Sprache abgefaßte Bibel, in derſelben ſtehen jedoch Dinge, die unſeren Traditionen zuwiderlaufen und nur wenig

Gläubige finden. Man meint, daß dieſes Buch vom Böſen

abgefaßt ſei.

Der fromme Johnſon bekreuzigte ſich faſt, bei ſo gottes⸗

läſterlichen Reden und ſagte im höchſten Grade erſtaunt:

Nennt mir doch dergleichen Ungerechtigkeiten! Lächelnd erwiderte der Zigeuner:Da heißt es: Abra⸗

ham verſtieß auf Sarah's Wunſch Hagar, und Hagar war

doch die Mutter Ismael's, ſeines Sohnes. Präſident, kann

und darf das ſein, daß ſich ein Mann ſo von ſeinem Weibe beherrſchen läßt? Das kann nicht wahr ſein und ſchickt ſich nicht für einen Patriarchen wie Abraham war.

Gegen dieſe Logik vermochte Johnſon nur wenig einzu⸗

wenden, er ſagte blos:Das iſt ein Sittenbild.

Wir dulden aber nicht, daß unſere Weiber dies er⸗

fahren darum

dpoſt

das

jetzt deckt Stei aus, ſich! die T leckt!

John