Jahrgang 
1-26 (1867)
Einzelbild herunterladen

Vierte Folge. 173

Regelmäßige Communication war damals noch nicht auf dem Schwarzen Meere; im glücklichſten Falle hätte ich das Pferd auf einem ruſſiſchen Kriegsboote nach der Krim ſchaffen können, und von dort über Odeſſa nach Conſtantinopel. Aber ſo gern ich alle damit verbundenen Unkoſten getragen hätte, bei der Gewißheit, daß das Roß wohlbehalten den Ort ſeiner Beſtimmung erreichte, ſo wenig konnte ich mich unter den vorwaltenden Umſtänden dazu entſchließen.

Einerſeits war es ſehr zweifelhaft, ob ſich ein Kriegs⸗ boot zum Transport des Pferdes bereit gefunden hätte, und anderſeits noch zweifelhafter, ob das Pferd die Reiſe ohne Gefahr machen konnte. Denn die ruſſiſchen Kriegsboote kreuzen auf dem Schwarzen Meere nicht zu ihrem Vergnügen, ſondern um Jagd auf die türkiſchen Sclavenſchiffe zu machen, welche Tſcherkeſſenmädchen nach Stambul führen.

Gleich am Abend deſſelben Tages, an welchem ich Giorgi beauftragt hatte, ſih nach einem Käufer umzuſehen, kam der verſchmitzte Armenier zu mir in's Zimmer, wo ich eben in Nachdenken verſunken auf meinem Teppich lag, und ſagte:Aga, ich habe meinen Mann gefunden, und Inſch Allah! ſo Gott will! werden Sie mit dem Kaufpreiſe zu⸗ frieden ſein.

Wer iſt der Käufer? fragte ich.Unſer Kunak (Gaſtfreund), antwortete Giorgi.

Dolu!(dummer Kerl!) rief ich und fuhr ärgerlich

*

der Hand über die Stirn, denn einen unangenehmeren⸗

fer als unſern Gaſtfreund hätte Giorgi mir nicht bringen können. Nach aſiatiſchem Gebrauche mußte ich ihm das Pferd entweder ganz ſchenken oder es ihm wenigſtens für ein Spottgeld überlaſſen.

Giorgi ſuchte mich zu beſänftigen. Er habe ja an nichts weniger gedacht, als gegen meinen Vortheil zu handeln. In dieſem Lande, wo die Leute ſelbſt ſo wenig zu verſchenken hätten und Fremde eben ſo ſelten wären wie Geld, ſeien ſie auch nicht eben verwöhnt mit Geſchenken und man brauche es hier mit dem altenBu begjanerem(dieſes gefällt mir) undAlssen(ſo nimm es!) ſo genau nicht zu nehmen.

Was will der Kunak denn geben für das Pferd?

unterbrach ich Giorgi. Sein Geſicht verzog ſich zu einem triumphirenden Lächeln und mich mit ſchlauen Blicken fixirend, antwortete er:Nino!Kerl! biſt du des Teufels?

entgegnete ich heftig.

Er ließ ſich aber nicht aus der Faſſung bringen. Mit immer ſieggewiſſerem Ausdruck im Geſicht fuhr er fort: Glauben Sie denn, ich hätte gleich zugeſchlagen, Aga? Bin ich ein Kaswiner, der ſeinen Eſel verliert und Gott dankt, daß er nicht ſelbſt mit verloren gegangen? Hambu lillah! Lob ſei Gott! das bin ich nicht! Ich habe geſagt zum Kunak. Freund! hab' ich geſagt, für wen hältſt du meinen Herrn, daß du glaubſt, er werde dieſes Pferd weggeben für Nino? Wenn mein Herr ſein Pferd verkauft, ſo muß er mindeſtens beide Mädchen dafür haben, Nino und Thamar! Wohlge⸗ merkt, Aga, mindeſtens beide Mädchen! Er hat noch nicht zugeſchlagen, aber ich will kein Adam(Menſch) bleiben, ich will ein Grauthier werden, wenn Sie richt beide Mädchen be⸗ kommen für dieſes Roß. Was ſagen Sie nun, Aga? ſetzte Giorgi ſchmunzelnd hinzu.

Ich bedeutete Giorgi mit aller Entſchiedenheit, daß aus dem Handel nichts werden könne, und gab ihm dafür die einzigen Gründe an, welche in ſeinen Augen Gewicht haben konnten, nämlich: daß es mit meiner Baarſchaft ſtark auf die Neige gehe, ſo, daß meine Reiſemittel bis Odeſſa kaum für uns Beide ausreichen würden, wenn wir ſparſam lebten,

geſchweige denn, wenn wir ein paar Mädchen, die doch vor Allem reich ausgeputzt werden müßten, in unſerem Gefolge führten.

Ferner ſtellte ich ihm die Gefahren vor, welche uns von den Ruſſen drohten, wenn wir es verſuchten, die Mädchen auf türkiſches Gebiet zu ſchaffen.

Es bedurfte für Giorgi keiner weiteren Argumente, denn die Gefahr ſcheute er ſo, daß das bloße Wort ihn ſchon in Schrecken verſetzte.

Uebrigens ſchien ihm das Mißlingen des Geſchäfts doch weſentlich böſe Laune zu machen;Aman! Aman!(Ach! ach!) rief er ein Mal über das andere, ſo daß ſich mir un⸗ willkürlich die Vermuthung aufdrängte, er habe ſein Ver⸗ mittlergeſchäſt nicht ausſchließlich in meinem Intereſſe be⸗ trieben.

Aber noch mehr als über das Mißlingen des Handels

gerieth er außer ſich über mein Bekenntniß, daß es mit de Gelde auf die Neige gehe. Dies wollte ihm gar nicht ein⸗ leuchten. Meine Börſe hatte er für unerſchöpflich gehalten wie ſeinen Witz.Wo iſt nur all' das Geld geblieben? fragte er kopfſchüttelnd.Das mußt Du am beſten wiſſen, entgegnete ich,denn Dir iſt es alle durch die Finger gegangen! Wer dachte daran, daß in dieſen armſeligen Län⸗ dern ſolche Theuerung ſein würde? Haſt Du mir nicht bei Deinem Kopfe geſchworen, als wir zum letzten Male Abrech⸗ nung hielten und ich mich wunderte über die hohen Preiſe, Du hätteſt in Redut⸗Kalé den griechiſchen Kaufleuten jedes Huhn mit einem Dukaten bezahlen müſſen, wegen des Oſter⸗ feſtes? Statt mir das vorher zu ſagen, um eine andere Ein⸗ richtung möglich zu machen, kommſt Du mit Deinen Klage⸗ liedern, lange nachdem die theuren Hühner alle verzehrt ſind! Haſt Du mir nicht zwei Abbas(20 Kopeken Kupfer an Werth) auf die Rechnung geſetzt für jedes Hemde zu waſchen, und ſind nicht alle meine Hemden nach dieſer Rechnung öfter gewaſchen, als ich ſie getragen habe? Iſt es da ein Wunder, wenn das Geld durch die Finger läuft, wie das Waſſer durch's Sieb?

Giorgi ſah mich verblüfft an, ohne ein Wort zu er⸗ widern, und verließ dann, rückwärts gehend und die Blicke abwechſelnd auf den Boden und auf mich heftend, langſamen Schrittes das Zimmer.

Es war ſchon ſpät am Abend. Ich warf einen leichten Schlafrock über, der mir in den warmen Sommernächten zu⸗ gleich als Decke diente, behielt meine weiten, rothſeidenen Beinkleider an und legte mich ſchlafen, nachdem ich, wie immer in dieſen Gegenden, wo Schloß und Riegel noch zu den ſeltenſten Luxusartikeln gehören, Etwas gegen die Thür geſtellt, um durch das Geräuſch des Umfallens beim Oeffnen geweckt zu werden. Es dauerte lange, ehe ich die Ruhe finden konnte, deren ich ſo ſehr bedurfte.

Zuerſt kamen durch die glas⸗und gitterloſen Oeffnungen, welche, oben in der Wand angebracht, die Stelle der Fenſter vertraten, ein Paar Vögel hereinflogen und ſchwirrten ſo lange im Zimmer umher, bis es mir gelang ſie durch Ziſchen und Werfen zu verſcheuchen.

Kaum hatte ich die Augen wieder geſchloſſen, als ich durch etwas mir in's Geſicht Fallendes von Neuem aufge⸗ weckt wurde. Es war ein Stückchen Lehm, oben von der Wand losgebröckelt durch eine junge Katze, welche, wie ich die Augen aufſchlug, eben die Wand herabgeklettert kam. Die mondhelle Nacht machte es mir zum Glück möglich die Ge⸗ genſtände meiner Beunruhigung ausfindig zu machen und zu

beſeitigen.