Jahrgang 
1-26 (1867)
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Doctor Ellis machte ihn darauf aufmerkſam, um einen Urlaub nach Waſhington anzuhalten, da derſelbe jedem verwundeten Officier gewährt wurde, ehe derſelbe ſeine dienſtlichen Functionen wieder antrat.

Einige Tage in Waſhington werden Dir wohl thun; übrigens reiſe ich mit Dir, da ich dort in ärzt⸗ lichen Angelegenheiten mich melden muß; wir wollen ein paar vergnügte Tage dort verleben!

Edwards willigte ein, und befragte noch am nämlichen Tage den General um einen Urlaub, welchen ihm dieſer ſehr zuvorkommend bewilligte. Da er wünſchte ſeinen Hochzeitstag im Kreiſe ſeiner Freunde zu feiern, dann aber der Heimath zuzueilen, ſo wurde derſelbe auf den Tag nach ſeiner Rückkunft feſtgeſetzt. Helena hatte mit ſichtlichem Vergnügen Edwards' Reiſe nach Waſhington bevorwortet, auch ſie war der An⸗ ſicht, daß dem Geliebten eine kurze Erholung in der Hauptſtadt wohlthun würde.

Mutter und Tochter hatten an dieſem Tage eine lange heimliche Unterredung. Beide ſaßen um einen mit Papieren und Schriften bedeckten Tiſch, nur die Alte ſchrieb eifrig ohne aufzuſchauen, Helena hatte das ſchöne Haupt geſtützt und blickte die Mutter be deutungsvoll an. Endlich hatte die Alte beendigt, ſie überflog noch einmal das Geſchriebene, reichte den Brief ihrer Tochter und blickte dieſelbe fragend an.

Es iſt gut, ſagte Helena, ihrer Mutter den Brief zurückgebend,endlich iſt es denn ſo weit ge⸗ kommen!

Madame Woodſtock entfaltete hierauf mehrere Papiere, aus Richmond datirt, verglich dieſelben noch einmal mit dem Briefe, faltete denſelben darauf zu⸗ ſammen, machte die Aufſchrift, und überreichte ihn dann ihrer Tochter, welche denſelben ſorgfältig in ihrer Taſche verbarg.

Wenn William jetzt ſeine Schuldigkeit thut, ſagte die Alte hierauf,dann haben wir gewonnen!

Ich zweifle nicht, warum auch? Iſt es doch nicht das erſte Mal, erwiderte Helena,der arme Burſche hat freilich ſchon manchen harten Stand gehabt, doch dieſes ſei ſein letzter Dienſt.

Die Mutter entfernte darauf ſämmtliche Schriften vom Tiſche, öffnete ein geheimes Fach ihres Secretairs, verbarg in demiſelben die Papiere, und nachdem ſie ſich von der Kraft einer geheimen Feder überzeugt hatte, verſchloß ſie den Secretär, deſſen Schlüſſel ſie verbarg. Mutter und Tochter entfernten ſich, ohne jedoch noch ein Wort zu wechſeln.

Am folgenden Tage überbrachte eine Ordonnanz dem Major einen Urlaub von 15 Tagen. Drei Ca⸗ valleriſten, welche ihn bis Waſhington begleiten ſollten, waren ſchon im Hofe, ſein Pferd ſtand ſchon geſattelt

Novellen⸗Zeitung.

vor der Thüre und ſcharrte ungeduldig ſeinen Herrn erwartend. Edwards ſaß noch plaudernd im Sopha an der Seite ſeiner Geliebten, welche ſchon jetzt den Tag der Rückkunft ſehnlichſt herbeiwünſchte. Es war auffallend, daß Helena ſtets auf einen Gegenſtand zurückkam, welcher das lebhafte Geſpräch behandelte.

Aber dies iſt doch ein eigenthümliches Geſchenk, welches ich Dir verehren ſoll, liebe Helena, ſagte Edwards laut und lachend,ein Paar Schuhe Dir mitbringen und noch dazu ein Paar alte ſchon getra⸗ gene. Nein, liebes Kind, Du biſt zu beſcheiden ein ſchönes Reitpferd, oder Putz für meine ſchöne Braut, aber nur nicht dieſe Schuhe!

Es iſt auch wirklich eine eigenthümliche Zu⸗ muthung, mir alte Schuhe zu beſorgen, erwiderte Helena mühſam lachend,allein dieſelben haben einen ſehr großen Werth für mich und meine Mutter. Sie ſind ein altes Erbſtück unſerer Familie, faſt hundert Jahre alt und von altmodiſcher Akbeit. Die Mutter hängt ſo recht mit Liebe an dieſen Erinnerungen aus der alten Zeit und ich war gerade auf dem Wege, die Schuhe von meiner Tante abzuholen, als der Krieg ausbrach, und ich eure Linien nicht paſſiren durfte. Esiſt mein größter Wunſch, in Beſitz der⸗ ſelben zu gelangen, und darum, lieber Albert, bitte ich Dich, die Schuhe abzuholen, hier iſt die Adreſſe!

Nun freilich, will ich das! lachte Edwards, indem er den Brief einſteckte. Das bezeichnete Haus war dem Major wohlbekannt, es wurde von einer der erſten Familien Waſhingtons bewohnt und Edwards freute ſich ſchon auf die Verwendung von Helena's

Onkel beim Präſidenten um ſeinen Abſchied, denn es

war ſehr ſchwierig, denſelben während des activen Feldzuges zu erlangen, und Edwards war feſt cutſchloſ⸗ ſen, die Armee zu verlaſſen.

Alſo lebe wohl! rief Edwards jetzt, indem er ſchnell aufſprang, da er merkte, daß er ſich bereits verzögert hatte,lebe wohl, Zeſenat in acht Tagen bin ich zurück und dann, ſetzte er flüſternd hinzu, wirſt Du mein liebes Weibchen. Er umarmte die Geliebte, verabſchiedete ſich von der Mutter and sll hinaus. Er beſtieg ſein Pferd, noch ein Hän ck und die kleine Abtheilung ſprengte davon. Noch in der Ferne ſah Helena den Geliebten mit dem Taſchen⸗ tuche winken, welches ſie erwiderte, dann war er ihren Blicken entſchwunden.

Der Würfel iſt gefallen! ſagte Helena zu ihrer Mutter, als beide das Haus betraten,der arme ſorg⸗ loſe Albert, und ich liebe ihn dennoch!

Helena, ſagte ihre Mutter ſtreng,Dein Vater⸗ land weeana erſte Liebe, es verlangt Opfer!