Jahrgang 
1-26 (1867)
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as Kind ſich hinreichend genug verneigt hatte, ſetzte ein

folgende Perſon dem Rathe ihrer Mutter gemäß zu be⸗ ſpprachen von nichts als von der Religion und verſahen

Wee eines Tages nach einer langen Krankheit ſtarb dieſe

e ſind es nur unter ſich; hätte man nicht dieſem jungen Maͤdchen, die in der Einſamkeit aufwuchs und deren Herz

Dierte

ſie trug einen großen Strohhut und unter ihrem Kopfputz zwei Haarflechten, eine zur Rechten, die andere zur Linken, dann eine kurze Robe und weiße Beinkleider. Man fertigte damals ihr Porträt, das man noch jetzt in den Privatgemächern des Palaſtes in Brüſſel ſehen kann. 8

Die Prinzeſſin hielt in der Hand einen Reif, den ſie immer trug und der nie rollte.

Gegen ſeinen Willen fühlte man ſein Herz zuſammenge⸗ preßt, wenn man dieſe drei Kinder mit den gelangweilten Geſichtern vorübergehen ſah, welche ernſt einherſchritten, ohne je ſtill zu ſtehen oder zu laufen. Zuweilen ruhte das große ſchwarze Auge der Kleinſten auf einer Gruppe von Kindern, welche unten ſpielten und deren fröhliches Geſchrei bis zu ihr drang, die ſo gern mit ihnen hätte ſpielen und umherlaufen mögen.....

Aber das dauerte nie lange; ſehr ſchnell wurden ſie alle drei bemerkt; die Kinder ſtellten ihre Spiele ein, ordneten ſich ſchweigend und die größten nahmen vor den hohen Vor⸗ übergehenden ihre Kopfbedeckung ab.

Im Schloſſe war das Leben heiterer. Das Kind hielt ſich in der Nähe ihrer Mutter auf, die ihr nur beten lehrte. Die Empfangstage unterbrachen allein und ſelten dieſes ſchwerfällige monotone Leben; an dieſen Tagen nahm das königliche Kind anſtatt der Acte der Zerknirſchung eine Lection in der Etikette und zwar in folgender Art:

Die Prinzeſſin ſtand neben ihrer Mutter; die Einge⸗ ladenen grüßten, indem ſie vor Beiden vorübergingen, die Königin erwiederte Gruß für Gruß und ihre mehr oder weniger tiefe Verbeugung wurde immer nach der mehr oder weniger großen Wichtigkeit der zu grüßenden Perſönlichkeit abgemeſſen. Es war von Wichtigkeit, das Kind darüber zu unterichten. Es durfte ihr nicht begegnen, daß ſie einen Notar wie einen Geſandten, und einen erſten Präſidenten wie einen Fabrikanten begrüßte. 4

Die Königin hielt ihre Tochter an der Hand und ſobald

leichter Druck der Finger ſie davon in Kenntniß; die Prinzeſſin richtete ſich dann ganz gerade in die Höhe, um ihrerſeits die

grüßen. Das Kind hatte nie eine Freundin von ihrem Alter. Sie ſah um ſich her nur die Ehrendamen, welche der König

für die Königin gewählt hatte; ſie waren ſämmtlich alt,

ihren Dienſt bei der Prinzeſſin ſo achtungsvoll, wie die

Nonnen zu den Füßen eines Marienbildes in einer Kirche. Das kleine Mädchen erwartete vielleicht gar nichts

weiter und Alles ging gut, denn ihre Mutter war ſo gut!.

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ganz allein, allein in der Mitte dieſer alten Ehrendamen, wel er König bei ihr hielt und unter denen das Kind ſich glücklich fühlen mußte, wie eine Grasmücke in Linem Falkenneſt.

Dieſe neue Periode dauerte zwei Jahr. Die arme Grasmücke verlangte vielleicht nichts weiter, als zu zwitſchern; mit dreizehn Jahren ſind die Mädchen ſchwatzhaft, aber

3 ha und die Prinzeſſin, welche erſt elf Jahr zählte, blieb

ſich an keinem befreundeten Herzen erwärmte, Geſpielinnen von ihrem Alter g müſſen?... Man dachte nicht

daran; ihr Vater, vor dem ſie zitterte, hatte anderswo zu thun. 9

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Folge. 157

So wurde das junge Mädchen verſchloſſen; ihr früh⸗ reifer Charakter nahm eine falſche Richtung und verbitterte ſich in dieſer eiſigen Mitte, deren traurigem Einfluſſe ſie unterlag und bis zu dem Punkte, um in den angenommenen Fehlern zu beharren, als die Vermählung ihres Bruders an die gemeinſchaftliche Tafel eine öſterreichiſche Prinzeſſin ſetzte, welche, als künftige Königin, an derſelben den Ehrenplatz einnahm.

Die Prinzeſſin Charlotte trat in den zweiten Rang zu⸗ rück. Ihre Eigenliebe litt darunter; ihr Charakter war neben dieſen bejahrten Damen, die nur mit der tiefſten Ehrfurcht und immer ſich verneigend mit ihr ſprachen, bis zum Ueber⸗ maß ſtolz geworden, nur unwillig verneigte ſie ſich ihrerſeits vor der Neuangekommenen, die ſie bis dahin gar nicht kannte und die von heute zu morgen den erſten Platz einnahm.

Und außerdem konnte dieſe Schweſter, welche man ihr gab, für ſie keine Freundin ſein. Die Freundſchaft zwiſchen Damen, dieſen Weſen mit ſo zarten Eindüitken, mit ſo be⸗ weglichen Gefühlen, iſt ein beſtändiger ustauſch von ver⸗ traulichen Mittheilungen; daher konnte eineiſolche zwiſchen einer Frau und einem jungen Mädchen nicht beſtehen.

Ueberdies war dieſe Fremde ſiebenzehnt die Prinzeſſin nur dreizehn Jahr alt. Auch ſah man nie zweiſo ungleiche Naturen neben einander. Die Eine fein, delicat, ernſt und zurückhaltend; die Andere, die jetzige Königin von Belgien, lebhaft, kühn und bei dem geringſten Vorwande ſich nicht genirend einem Jeden ins Geſicht zu lachen. Und dann hatte dieſe neue Prinzeſſin a uch eine Leidenſchaft, die ſie ganz in Anſpruch nahm und die ſie ſelbſt jetzt noch als Königin und Mutter dreier Kinder nicht verleugnet: ſie iſt eine leiden⸗ ſchaftliche Reiterin, eine sportswoman, die ihre Pferde ver⸗ ehrt; man ſieht ſie lange Stunden bei denſelben, die frei um ſie herum ſpielen. Sie ruft ſie und ſpricht mit ihnen, ver⸗ folgt ſie und führt ſie zurück, liebkoſt ſie oder züchtigt ſie mit einer tüchtigen Reitpeitſche, die ſie immer in der Hand hält, wie eine andere Dame ihr Flacon oder ihren Fächer.

Daher allein, immer allein fuhr die Prinzeſſin fort zu wachſen. Sie wohnte den vier Bällen bei, welche der König jährlich im Winter gab, allein da ſie von königlichem Geblüte war, ſo konnte ſie nicht daſelbſt tanzen, die Etikette verbot ihr, ſich den Armen eines Tänzers zu überlaſſen; kaum ſah man ſie zuweilen mit einem ihrer Brüder in einer Quadrille figuriren. Sie betrachtete die Andern, wie ſie ſich im Tanze umherwirbelten. Ihr Auge war traurig und ſie betrachtete mit Gleichgültigkeit dieſe lärmende Freude, in deren Mitte ſie ſchweigend und ſtolz umherging und ſich langweilte. Die Erziehung der alten Damen hatte Frucht getragen.

Man konnte ſie dann bequem beobachten. Sie war ſechzehn Jahr alt, groß und ganz ſo, wie man ſie vor einigen Monaten wieder ſehen konnte: groß, elegant, ſchlank, ein feiner Mund, eine Adlernaſe, große, klare, milde und ruhige Augen, kaſtanienbraune reiche Haare in ſchlichten Flechten, ein beweglicher, leicht erröthender Teint, eine große Be⸗ ſcheidenheit in der Haltung; immer konnte man ſie jetzt wie damals langſam und den Kopf leicht gebeugt vorübergehen ſehen, ſo daß ihre Augen in die Höhe ſehen mußten, um die Augen derer zu finden, die ſich mit ihr unterhielten. Niemals würde man bei dieſer vorſichtigen Haltung die Geſinnungen vermuthen, die in ihrem Innern ſieden. Man würde von ihr ſagen: Sie iſt eine ſchöne Natur, aber einfach und ſanft, gemacht, um ſich immer ſtützen zu laſſen und ohne Stütze zu lieben; niemals würde man ſagen: Sie iſt eine Kaiſerin! Man kündigte ihre Vermählung an.