Jahrgang 
1-26 (1867)
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Dierte Jolge. 155

Manöver vorhergeſehen, durch einen Druck des Steuer⸗ ruders unſerem Sporne auswich, welcher ſchon daran war, ihr Hintertheil anzuſtoßen.

Hierdurch geſchah, daß wir uns plötzlich längs dem Borde der Galeere befanden, an welchem wir ſo hart anſtrichen, daß unſere Ruder alle in Stücke ſprangen.

Aber der Muth des engliſchen Capitäns war bewunderns⸗ würdig; denn da er dieſen Vorfall vorausgeſehen, ſo hatte er ſich mit ſeinen Enterhaken(welches eiſerne, an Ketten befeſtigte Haken ſind) bereit gehalten, mit welchen er uns anhakte und an ſeinem Bord befeſtigte.

Hierauf bediente er uns mit ſeinem Geſchütz. Alle ſeine Kanonen waren à la mitraille, d. h. mit Stücken alten Eiſens geladen. Jedermann befand ſich auf der Galeere dem feindlich en Feuer völlig ausgeſetzt wie auf einer Brücke oder Flöße. Nicht ein Schuß ſeines Geſchützes, welches uns gerade auf den Leib ſchoß, ging verloren, ſondern richtete ein furchtbares Blutbad an.

Außerdem hatte dieſer Capitän auf den Maſtkörben ſeines Schiffes mehrere ſeiner Leute aufgeſtellt mit Fäſſern voller Granaten, welche ſie auf unſern Leib wie Hagel herab regnen ließen.

Auf dieſe Weiſe wurde unſere ganze Schiffsmannſchaft in einem Augenblick außer Stand geſetzt, nicht nur einen Angriff zu machen, ſondern auch ſogar ſich in irgend welcher Weiſe zu vertheidigen.

Diejenigen, welche weder verwundet noch todt waren, legten ſich ganz platt hin, um ſich ſo zu ſtellen, und der Schrecken war ſo groß, ſowohl unter den Officiren, als unter der Schiffsmannſchaft, daß alle dem Feinde gleichſam die Kehle hinhielten.

Als derſelbe unſern Schrecken ſah, machte er zur Ver⸗ gröͤßerung unſeres Unglücks einen Ausfall von vierzig oder fünfzig Leuten ſeines Bordes, welche mit dem Säbel in der Hand auf unſere Galeere herabſtiegen und alle Leute der

aannſchaft, auf die ſie ſtießen, in Stücke hieben. Doch

von der Schiffsmannſchaft mehr auf dem obern

die Ruderknechte, welche zu ihrer Vertheidigung nicht die geringſte Bewegung machten, wurden von ihnen verſchont. Nachdem ſie nun wie Metzger Alles um ſich herum zerhackt hatten, gingen ſie auf ihre Fregatte zurück, indem ſie fortfuhren, uns mit ihrem Gewehrfeuer und ihren Granaten von fern niederzuſchießen. Als M. de Langeron, unſer Commandant, ſah, wie ſein

54 Schiff zugerichtet ward und daß Niemand auf der Galeere

mehr auf den Beinen war als er, ſo fürchtete er, es könnte ihm noch ſchlimmer ergehen, und zog ſelbſt die Hülfsflagge auf, indem er dadurch alle Galeeren ſeines Geſchwaders zu ſeinem Beiſtande herbeirief.

Die Galeere, welche uns zur Bedeckung zugegeben war, geſellte ſich alsbald zu uns, und die vier anderen, welche ſchon einen Angriff gemacht und den größten Theil der Handelsſchiffe genöthigt hatten, die Segel zu ſtreichen, ließen, als ſie das Nothſignal ihres Commandanten ſahen, ihre Priſe fahren, verließen die Themſe und eilten den Ihrigen zu Hülfe, während jene ganze Flotte ihre Segel wieder aufzog und ſich in den Fluß rettete.

Alle Galeeren ruderten mit ſolcher Schnelligkeit, daß

ſie alle ſechs in weniger als einer halben Stunde die Fregatte umgaben, welche ſich bald außer Stand ſah, von Kanonen wie Musketen Gebrauch zu machen. Auch erſchien Niemand Verdecke. tzig Grenadiere fregatte. Es we

Man commandinte ſogleich fünfun

von je einer Ga m Entern der

ihnen nicht ſchwer, an Bord zu ſteigen, da ſich Niemand ihnen zur Gegenwehr ſetzte.

Aber als ſie auf dem Ober⸗Verdeck waren, bekamen ſie genug zu thun. Die Officiere hatten ſich auf das Hinter⸗ caſtell zurückgezogen und ſchoſſen aus Falkonetts(eine Art kleiner Kanonen) mit Eiſenſtücken auf die Grenadiere, welche daran wohl ſpürten, daß der Feind ſich noch nicht ergeben hatte.

Aber das Schlimmſte von Allem war, daß das obere Verdeck mit einem ſogenannten Caillebottis verſehen war, das iſt ein Gitter aus Eiſenſtreifen, welches den Boden des Verdecks bildet.

Der größte Theil der Schiffsmannſchaft der Fregatte befand ſich nun zwiſchen den beiden Böden des Ober- und Unterverdecks unter dem Gitter und ſtachen durch die Löcher deſſelben mit Piken in die Beine der Grenadiere, ſo daß ſie dieſelben zwangen, auf ihre Galeeren zurückzuſpringen, indem ſie es auf dem Oberverdeck nicht aushalten konnten.

Man commandirte eine andere Abtheilung, welche an Bord ſtieg, aber ſchneller wieder herunterkam, als ſie hinauf⸗ geſtiegen war.

Man mußte daher jenes Gitterwerk durchbrechen mit Hülfe von Brechſtangen und anderen Inſtrumenten, um eine Oeffnung im oberen Verdeck zu machen, damit man die Schiffsmannſchaft der Fregatte verjagen und ſich des Zwiſchen⸗ verdecks bemächtigen konnte.

Dies wurde trotz der Falkonettſchüſſe und der Pikenſtiche, welche eine große Anzahl unſerer Leute tödteten und ver⸗ wundeten, ausgeführt. 8⁴

Mit Hülfe der großen Menge unſerer Soldaten brachte man die Schiffsmannſchaft der Fregatte endlich zwiſchen den beiden Verdecken hervor und nahm ſie gefangen. Aber die Officiere derſelben blieben immer unter dem Hintercaſtell verſchanzt, indem ſie aus ihren Falkonetts tüchtig Feuerten. Man mußte ſich auch ihrer dort mit Sturm bemächtigen, was nicht ohne Verluſt abging.

Endlich hatte ſich die ganze Schiffsmannſchaft ergeben, ausgenommen der Capitän, welcher ſich in ſein Zimmer auf dem Hintertheile des Schiffes einſchloß, indem er aus ver⸗ ſchiedenen Flinten und Piſtolen, welche er bei ſich hatte, her⸗ ausſchoß und wie ein Verzweifelter ſchwur, daß er, ſolange er noch ein Glied regen könne, ſich nicht ergeben würde.

Die Officiere, welche ſchon auf die Galeere des Com⸗ mandanten als Kriegsgefangene herabgeſtiegen waren, machten von ihrem Capitän eine Beſchreibung, welche Jedermann zittern machte, indem ſie ihn als einen verwegenen Menſchen ſchilderten, der eher entſchloſſen ſei, ſeine Fregatte in Brand zu ſtecken, als ſich zu ergeben.

Dies erfüllte uns mit mehr Furcht und Schrecken, als Alles, was wir bisher erfahren hatten, denn man fürchtete alle Augenblicke nichts anderes, als mit der Fregatte in die Luft geſprengt zu werden.

Der Capitän war Herr des Zimmers, wo der Eingang zur Pulverkammer war; er konnte daher in einem Augenblick das Feuer anlegen, und wenn die Fregatte aufflog, würden die ſechs Galeeren ebenſo aufgeflogen ſein.

Es waren mehr als dreitauſend Mann auf den ſechs Galeeren und Alle waren mit Furcht vor dem nahen Tode erfüllt, der ihnen bevorſtand. In dieſer bedrängten Lage ward beſchloſſen, den Capitän auf anſtändige und höfliche Weiſe zu erſuchen, ſich zu ergeben, indem man ihm die beſte Behandlung zuſagte; allein er antwortete nur mit Flinten⸗ ſchüſſen. Wir mußten daher zum äußerſten Mittel greifen