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bringen mußte, ſo hatte er beſchloſſen, dieſelbe nach der Woodſtockſchen Familie zu ſchicken, da er wußte, daß ſie in dem Hauſe ſeines alten Freundes wohl aufgehoben war. Die beiden Familien waren längere Zeit in Richmond Nachbarn geweſen, und Emilie, welche ihre Mutter früh verloren, hatte ſich mit kind⸗ licher Liebe der Familie des Obriſten Woodſtock an⸗
geſchloſſen und war die vertrauteſte Freundin Helena's.
„Ach wie ſchön, daß Du gerade jetzt kommſt!“ ſagte Helena, nachdem die beiden Freundinnen ſich herzlich begrüßt hatten;„ſieh, das paßt ja herrlich, denke Dir nur, ich habe auch Herrengeſellſchaft.“
„Du Herrengeſellſchaft, Helena, aber wen denn?“ fragte das Mädchen lächelnd;„ich dächte, die Männer ſind zum größten Theil bei der Armee, und gerade hier in dieſer Umgegend iſt mir niemand bekannt.“
„Glaub' es wohl,“ lachte Helena.„Doch Du ſollſt ſchon am Abend ſeine Bekanntſchaft machen; bis dahin gedulde Dich, mein Schweſterchen. Nun komm, Du wirſt von der Reiſe ermüdet ſein, wir wollen in Deinem Zimmer noch ein Stündchen verplaudern und dann Thee nehmen; meine Mutter wird ſich ſehr freuen Dich wieder zu ſehen. Wie ſchön und groß Du ge⸗ worden biſt, Emilie! ja die Jahre vergehen ſchnell; wie lange iſt es jetzt her, ſeit wir Dich nicht geſehen haben?“?
„Ach, eine lange Zeit,“ antwortete Emilie nach⸗ denkend.„Welch glückliche Tage verlebten wir damals! jetzt iſt alles anders geworden, dieſer unglückſelige Krieg: einer meiner Brüder ſteht in der ſüdlichen, der Andere in der Unionsarmee, ach es iſt ſchreck⸗
Novellen⸗Zeitung.
noch vorhandenen Räumlichkeiten. Da Emiliens Vater mit Recht vorausſetzte, daß das ungezügelte Soldaten⸗- Sie hatten ſich unendlich lieb, und waren doch ſo leben in ſeiner Nähe nur einen nachtheiligen Ein⸗
fluß auf das Gemüth ſeiner jungen Tochter hervor⸗
langer Trennungszeit den beiden Freundinnen gewährte.
ganz verſchiedene Charaktere. Emilie war, wenngleich ſie auch an Schönheit Helena nicht nachſtand, gerade das Gegentheil ihrer Freundin. Sanft und ſchüchtern, jedoch in dem frohen Bewußtſein kindlicher Unſchuld ſpiegelten ſich ihre blauen Augen in den glühenden Blicken der ſchwarzen Augen Helena's; es ſchien, als wollte ſie das Feuer derſelben zu zügeln verſuchen. Ihr blondes Lockenköpfchen wiegte ſich voll ſchelmiſcher Anmuth auf dem ſchneeweißen Nacken, um welchen eine kleine goldene Kette mit einem Medaillon, ein Geſchenk Helena's in frühern Zeiten, kokettirte. Sie hatte dieſen Zierrath zur Feier dieſes Tages angelegt, denn anſpruchlos, wie ſie ſelbſt war, haßte ſie allen überflüſſigen Schmuck; der einzige Schmuck, welchen ſie beſaß, war ihr kindlich reines Herz. Sie ſtand mit Helena in einem Lebensalter, und es war der wohlthätige Einfluß, welchen Emilie auf dieſes Mäd⸗ chen ausübte, nicht zu verkennen. Und gerade jetzt, wo Helena durch den Tod ihres geliebten Bruders und durch die Abweſenheit des Vaters jede Stütze verloren hatte und allen Schutz entbehrte, mußte die Freundin die Leere des Herzens zu erſetzen ſuchen. Helena mußte ein Weſen haben, welchem ſie vertrauen konnte, und ſie hatte es in Emilie wiedergefunden. Am Abend, nachdem Helena einige Stücke auf dem Piang vorgetragen hatte, wurde Emilie dem Major Edwards vorgeſtellt. Das Mädchen war über⸗
— ſehen, denn, ſie kannte den Abſcheu Helena's gegen die
„Yankee's“ nur zu gut. Sie wollte es kaum glauben, als ihr Helena ernſt erklärte, ſie ſelbſt habe den Ver⸗
wundeten eingeladen, ihr Haus für das ſeinige zu betrachten.
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Du haſt noch Brüder, liebe Emilie,“ ſagte Helena mit Wärme,„doch ich... ach mein armer, armer Bruder! er mußte ſein Leben fern von der Heimath hingeben. Du weißt doch, daß er gefallen iſt?“
freundlich,„doch i kann es nicht unterlaſſen meine Freundin zu bewundern; Helena, Du haſt ein gutes Herz.“.
„Wo die Menſcllichkeit gebietet, hören Anſichten auf,“ ſagte dieſe ernſt.„Vielleicht kann meinen Vater
„Mein Vater erzählte mir vor einigen Wochen davon; wir haben Dich ſehr bedauert, armes Mädchen, doch ach, uns kann noch ein ähnlich Schickſal treffen!“ und Emilie wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen.
„Komm“, ſagte Helena, einen Kuß auf die weiße Stirne Emiliens drückend,„komm, wir wollen unſere erſten frohen Stunden nicht durch traurige Bilder verſcheuchen, wir müſſen unſer Schickſal ertragen.“
Die beiden jungen Mädchen entfernten ſich Arm Arm. Es war lieblich die gegenſeitige Freude
unehmen, welche das erſte Wiederſehen nach
Redr en e Bilo I,]
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ſagte Edwards mit feierlicher Stimme;„ ſo glücklich, und dennoch nicht zufrieden.“
Emilie theilnehmend, indem ſie Edwardiit ihren hellen blauen Augen anſchaute.
ein ähnliches Loos einſt treffen, und Gott vergelte es den Menſchen, welche ſich dann ſeiner annehmen werden.“ „Ja, der Himmel möge Sie lohnen, Fräulein Helena; ich vermag es nicht, die Wohlthaten, welche Sie mir erwieſen haben, genügend zu erwiedern,
„Und was fehlt Ihrem Glücke no“ fragte
Allein dieſer antwortete nicht. Auie beiden
raſcht, einen Officier der Bundesarmee vor ſich
„Verzeihen Sie, Herr Major,“ ſagte Emilie—
ich bin, ſeu


