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jeder Mutter auf die Tochter vererbt. Was iſt das zweite Geheimniß?“
„Das zweite Geheimniß verleiht Weisheit und Güte.“
„Sehr gut,“ ſagte die Königin mit einer zerſtreuten Miene,„und das dritte?“
„Das dritte,“ſagte der Capuziner,„ſichert der Frau, die es beſitzt, eine Schönheit ohne Gleichen und die Gabe, bis zu ihrem letzten Tage zu gefallen.“
„Mein Vater, das iſt das Geheimniß, welches ich will.“
„Nichts iſt leichter,“ ſagte der Mönch.„Der Zauberer muß bloͤs, während er noch lebt und in voller Freiheit iſt, Ihre beiden Hände faſſen und Ihnen dreimal in die Haare hauchen.“
„Er mag kommen,“ ſagte die Königin. geht und holt ihn.“
„Das kann nicht ſein,“ ſagte der Capuziner.„Der König hat die ſtrengſten Befehle gegeben, dieſen Mann nicht ins Schloß eintreten zu laſſen. Wenn er den Fuß in den Be⸗ reich deſſelben ſetzt, iſt er ein n des Todes. Beneiden Sie ihn nicht um die wenigen nden, die ihm noch übrig bleiben.“
„Und mir, mein Vater, hat der König verboten, bis morgen Abend aus dem Schloſſe zu gehen.“
„Das iſt traurig,“ erwiderte der Mönch.„Ich ſehe, daß Sie auf dieſen unvergleichlichen Schatz verzichten müſſen. Indeſſen würde es ſehr erfreulich ſein, nicht zu altern und immer jung, ſchön und beſonders geliebt zu bleiben.“
„Sicher. mein Vater, habt Ihr ganz recht; das Verbot des Königs iſt die größte Ungerechtigkeit.
„Mein Vater,
Novellen⸗Jeitung.
die Laſt auf ſeine Schulter und ging mit gemeſſnen Schritten über den Hof. Unterwegs begegnete er dem Könige, welcher die Runde machte.
„Deine Sammlung iſt gut ausgefallen, wie ich ſehe,“ ſagte der König.
„Sire,“ antwortete der Mönch,„die chriſtliche Mildthä⸗ tigkeit Ihrer Majeſtät iſt unerſchöpflich; ich fürchte, dieſelbe mißbraucht zu haben. Vielleicht würde ich beſſer thun, diefen Sack, und was er enthält, hier zu laſſen.“
„Nein, nein,“ ſagte der König.„Trage Alles fort, mein Vater, und befreie Dich bald von Deiner Laſt. Ich bilde mir nicht ein, daß Alles, was Du darin haſt, viel Werth hat. Ihr werdet ein magres Feſt machen.“
„Ich wünſche Eurer Majeſtät guten Appetit zum Abend⸗ eſſen,“ entgegnete der Mönch in einem väterlichen Tone und er entfernte ſich, indem er Worte murmelte, die man nicht ver⸗ ſtand, ohne Zweifel irgend ein oremus.
Die Glocke lud zum Abendeſſen ein; der König trat in den Saal, indem er ſich die Hände rieb. Er war mit ſich zufrieden und er hoffte, ſich zu rächen, ein doppelter Grund um guten Appetit zu haben.*
„Die Königin iſt noch nicht herabgekommen,“ ſagte er mit einer ironiſchen Stimme.„Das wundert mich nicht. Mangel an Pünctlichkeit iſt die Tugend der Frauen.“
Er wollte ſich eben zu Tiſche ſetzen, als drei Soldaten, welche ihre Hellebarden kreuzten, das grane Männchen in den Saal trieben.. 1
„Sire,“ ſagte Einer der Soldaten,„dieſer Schurke hat die Kühnheit gehabt, trotz des königlichen Verbots in den
Aber wenn ich Schloßhof zu treten. Wir würden ihn ſogleich gehängt haben,
aus dem Schloſſe gehen wollte, würden ſich die Schildwachen um das Abendeſſen Eurer Majeſtät nicht zu ſtören, aber er dem widerſetzen. Wundert Euch nicht darüber; in dieſer Art behauptet, er bringe eine Botſchaft von der Königin und er behandelt mich der König in ſeinem Eigenſinn. Ich bin die ſei der Träger eines Staatsgeheimniſſes.“
unglücklichſte der Frauen.“
„Das zerreißt mir das Herz,“ antwortete der Capuziner. „Welch eine dn Nun gut! nein, Madame, ſolchen Forderungen müſſen Sie nicht nachgeben; Ihre Pflicht iſt, nach Ihrem eignen Willen zu handeln.“
„Und das Mittel dazu?“ fragte die Königin.
„Es giebt ein ſolches, wenn Sie das Bewußtſein Ihrer Rechte haben. Treten Sie in dieſen Sack, ich werde Sie mit eigener Lebensgefahr aus dem Schloſſe herausbefördern. Und in funfzig Jahen, wenn Sie noch eben ſo ſchön und ſo friſch wie heute ſind, werden Sie ſich noch dazu Glückz wünſchen, Ihrem Tyrannen getrotzt zu haben.“
„Wohl,“ ſagte die Königin;„aber ſtellt man mir nicht vielleicht eine Falle?“
„ Madame,“ ſagte der heilige Mann, indem er die Arme erhob und ſich auf die Bruſt ſchlug,„ſo wahr, wie ich ein Mönch bin, haben Sie von dieſer Seite nichts zu be⸗ fürchten. liche in Ihrer Nähe ſein wird, bei Ihnen bleiben.“
„Und Sie werden mich ins Schloß zurückführen?“
„Ich ſchwöre es.“
„Und mit dem Geheimniß?“ fügte die Königin hinzu.
„Mit dem Geheimniß...“ erwiderte der Mönch.„Aber
wofern Ihre Majeſtät irgend ein Bedenken hat, ſo laſſen Sie
uns hier bleiben und mag das Recept mit ihm ſterben, das
er erfunden hat, wenn er es nicht lieber irgend einer Frau ſchenkt, die mehr Vertrauen zu ihm hat.“
Ohne weiter zu antworten, trat die Königin entſchloſſen in den Sack; der Capuziner zog die Schnur deſſelben zu, nahm
! Welch eine Barbarei! Arme Frau!
V
V auf dem Rücken hatte und zu dem Eure Majeſtät zu ſagen geruhten:
Ueberdies werde ich, ſo lange wie dieſer Unglück⸗
„Die Königin!“ rief der König ganz verwundert;„wo iſt ſie? Elender, was haſt Dr mit ihr gethan?“
„Ich habe ſie geſtohlen,“ ſagte das Männchen kalt.—
„Und wie das?“ ſagte der König..
„Sire, der Capuziner, welcher einen ſo großen Sack
Trage Alles fort...“
„Das warſt Du!“ ſagte der Fürſt;„aber dann, Elender, giebt es für mich gar keine Sicherheit mehr. Du wirſt mich ſelbſt eines Tages nehmen und zur Zugabe mein König⸗ reich mit.“
„Sire, ich werde Sie noch um mehr bitten.“. „Du machſt mir Furcht,“ ſagte der König.„Wer biſt Du denn? Biſt Du ein Zauberer oder der Teufel in Perſon?“
„Nein, Sire, ich bin ganz einfach der Prinz von Holar.
die Hand derſelben bitten, als das ſchlechte Wetter mich ge⸗ zwungen hat, mich mit meinem Oberſtallmeiſter zu dem Geiſt⸗ lichen von Skalholt zu flüchten. Dort warf der Zufall einen ganz dummen Baner auf meinen Weg, was mich veranlaßte, die Rolle zu ſpielen, die Sie kennen. Uebrigens verrichtete
Majeſtät zu gehorchen und zu gefallen.“ 8 „Sehr gut,“ ſagte der König.„Ich begreife oder vitlmehr ich begreife nicht; doch das verſchlägt nichts. Prinz von Holar, ich will Sie weit lieber zum Schwiegerſohn, als zum Nachbar haben. Sobald wie die Königin, gekommen ſein wird....“ 3 „Sire, ſie iſt hier. Mein Großſtallmeiſter hat es über⸗
nommen, ſie in ihren Palaſt zurück zu führen.“
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Sie haben eine heirathsfähige Tochter und ich wollte Sie um
ich Alles, was ich gethan habe, nur zu dem Zweck, um Eurer


