Jahrgang 
1-26 (1867)
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gefallene Erbtheil roch auf eine halbe Stunde nach Diebſtahl. Aber wenn der Hunger ſpricht, ſchweigen die Bedenken des Gewiſſens! Geſetzlich oder nicht, ſie ließen ſich den Hammel recht gut ſchmecken.

Von dieſem Tage an herrſchte in der Hütte des Bauers Ueberfluß. Ein Hammel nach dem andern wurde herbeige⸗ tragen und der gute Alte, leichtgläubiger als je, fragte ſich, ob er nicht bei dem Tauſche gewonnen habe, als der Himmel ihm, anſtatt der hundert Kühe, die er erwartete, einen ſo ge⸗ ſchickten Lieferanten, wie das graue Männchen es warz geſandt hatte.

Doch jede Denkmünze hat ihre Rückſeite. Während die Hammel ſich in dem Hauſe des Bauers vervielfältigten, ver⸗ minderten ſie ſich zuſehends in der königlichen Heerde, welche in der Nachbarſchaft weidete. Der ſehr beunruhigte Hirt ſetzte den König davon in Kenntniß, daß ſeit einiger Zeit, obſchon man die Wachſamkeit verdoppelt habe, die ſchönſten Thiere der Heerde, eins nach dem andern verſchwunden, und daß ſicher in der Nachbarſchaft ſich irgend ein geſchickter Dieb eingefunden haben müſſe. Es erforderte keine lange Zeit, um zu erfahren, daß ſich in der Hütte des Bauers ein neu angekommener Gaſt befinde, von dem man nicht wiſſe, woher er ſtamme, und den Niemand kenne. Der König befahl ſo⸗ gleich, daß der Fremde ihm vorgeführt werden ſollte. Das graue Männchen ging ganz ruhig fort, aber der Bauer und ſeine Frau begannen Gewiſſensbiſſe zu fühlen, indem ſie daran dachten, daß man die Stehler und die Hehler an demſelben Galgen hänge.

Als das graue Männchen am Hofe erſchien, ſtellte der König die Frage an daſſelbe, ob es nicht zufälliger Weiſe habe erzählen hören, daß fünf große Hammel von der königlichen Heerde geſtohlen worden ſeien.

Ja, Majeſtät, antwortete das 2 Kännchen;ich habe ſie genommen.

Und mit welchem Rechte? fragte der Fürſt.

Majeſtät, antwortete das Männchen,ich habe ſie genommen, weil ein alter Manu und ſeine Frau Hunger litten, während Eure Majeſtät im Ueberfluß ſchwimmen und nicht einmal den zehnten Theil Ihrer Einnahmen verzehren können. Es ſchien mir gerecht, daß dieſe guten Leute eher von Ihrem Ueberfluſſe lebten, als vor Elend umkämen, während Sie nicht wiſſen, was Sie mit Ihrem Reichthum anfangen ſollen.

Der König verlor über dieſe Kühnheit faſt die Sprache, dann ſah er das graue Männchen mit einer Miene an, die ihm nichts Gutes verhieß, und ſagte zu ihm:

Wie ich ſehe, iſt Dein Haupttalent das Stehlen!

Das Männchen verneigte ſich mit einer ſtolzen Beſchei⸗ denheit.

Ganz gut, ſagte der König.Du verdienteſt gehängt zu werden, aber ich vergebe Dir unter der Bedingung, daß Du morgen bis zu dieſer Stunde meinen Hirten den ſchwarzen Stier geſtohlen haſt, den ſorgfältig zu bewachen ich ihnen geboten habe.

Majeſtät, ſagte das graue Männchen,das, was Sie von mir verlangen, iſt etwas Unmögliches. Wie wollen Sie, daß ich eine ſolche Wachſamkeit betrügen ſoll? 1

Wenn Du es nicht fertig bringſt, entgegnete der König, ſo wirſt Du gehängt.

Und mit einem Zeichen der Hand verabſchiedete er unſern Dieb, dem ein Jeder ganz leiſe wiederholte: Gehängt! Gehängt! Gehängt!

Das graue Männchen kehrte in die Hütte zurück, wo es

Novellen⸗ZJeitung.

von dem Greiſe und deſſen Frau zärtlich empfangen wurde. Er ſagte ihnen aber nichts, ausgenommen daß er eines Strickes bedürfe und daß er am folgenden Morgen mit Tagesanbruch abreiſen werde. Mangab ihm die alte Halfter der Kuh, worauf er zu Bett ging und ganz ruhig ſchlief.

Bei dem erſten Lichte der Morgenröthe ging das graue Männchen mit ſeinem Stricke fort. Es ging in den Wald an den Weg, auf dem die Hirten des Königs vorüberkommen mußten, wählte ſich dort eine große Eiche, die recht ſichtbar war, und hing ſich mit ſeinem Halſe an den größten Aſt, hatte aber dabei Sorge getragen, daß der Knoten ſich nicht zuziehen konnte.

Bald nachher kamen zwei Hirten, welche den ſchwarzen Stier führten.

Ach! ſagte Einer von ihnen;da iſt unſer Schurke, der ſeinen Lohn ſchon empfangen hat. Dieſesmal wenigſtens hat er ſeine Halfter nicht geſtohlen. Lebewohl, Schelm, Du wirſt den Stier des Königs nicht ſtehlen.

Sobald die Hirten außer dem Geſicht waren, ſtieg das graue Männchen von Baume herunter, ſchlug einen Richtweg ein und hing ſich von neuem an eine große Eiche, neben welcher der Weg vorüberführte. Wer erſtaunte über den Anblick dieſes Gehängten? Die Hirten des Königs.

Was iſt das? ſagte der Eine von ihnen;bin ich geblendet? Das iſt ja der nämliche Gehängte, den wir dort unten ſahen.

Wie dumm Du biſt! ſagte der Andere.Wie kann ſich denn ein Mann an zwei Orten zugleich hängen? Es iſt ein zweiter Dieb und das iſt Alles.

Ich ſage Dir, es iſt derſelbe, antwortete der erſte Hirt;ich kenne ihn an ſeiner Fratze und an ſeiner Kleidung.

Und ich, erwiderte der Andere, welcher ein ſtarker Geiſt war,will eine Wette mit Dir eingehen, daß es ein Anderer iſt. 4

Die Wette wurde angenommen; die beiden Hirten banden

erſten Eiche zurück. Aber während ſie dahin liefen, ſprang das graue Männchen von ſeinem Baum herunter und ührte den Stier ganz behutſam zu dem Bauer, was in dem Hauſe große Freude erregte. Man brachte das Thier in den Stall, bis man es verkaufen könnte.

Als die beiden Hirten des Abends ins Schlos zurück⸗ kehrten, waren ſie ſo verlegen, daß der König ſogleich ſah, ihnen ſei ein ſchlechter Streich geſpielt worden. Er ließ ſofort das graue Männchen herbeirufen, welches ſich mit der Heiterkeit eines befriedigten Herzens einfand.

Du biſt es, der mir meinen Stier ſagte der König.

Majeſtät, antwortete das Männchen, nur gethan, um Ihnen zu gehorchen.

Ganz gut, ſagte der König;hier ſind zehn Gold⸗ thaler für den Rückkauf meines Stieres; wenn Du aber innerhalb zwei Tagen nicht die Leintücher aus meinem Bette geſtohlen haſt, wenn ich darauf liege, ſo wirſt Du gehängt werden.

Majeſtät, ſagte das Männchen,verlangen Sie von mir ſo etwas nicht. Sie ſind zu gut bewacht, als daß ſich ein armer Mann, wie ich es bin, nur dem Schloſſe nähern könnte.

Wenn Du es nicht thuſt, ſagte der König,ſo werde ich das Vergnügen haben, Dich hängen zu ſehen..

Als der Abend gekommen war, nahm das graue Männ⸗

geſtohlen hat?

chen, das in die Hütte zurückgekehrt war, einen langen Strick

den Stier des Königs an einen Baum und ſie liefen zach der

ich habe es