Wie es in allen Secten, Schulen und Akademien zu geſchehen pflegt,— nach Verlauf einiger Zeit überwog der Einfluß der ſehr viel zahlreicheren mittelmäßigen Köpfe den der wahren Talente. Auf d'llrfé, Mal⸗ herbes, Balzac und Voiture waren Chapelain, Scu⸗ déry, Ménage und der Abbé Cotin gefolgt; nicht der Kern allein hatte die alte Tugend verloren, auch die weiteren Kreiſe beſchleunigten in aller Weiſe den allgemeinen Verfall. Jede zu ihnen gehörige Frau, ohne Rückſicht auf Bildung, Kenntniſſe oder Vermögen, wollte ihren kleinen Hofſtaat von Schön⸗ geiſtern um ſich verſammeln, und die Provinz hatte wie Paris ihre Alkoven, wo Jeder ſich abmühte als Kenner zu erſcheinen und in den damals Romanen den galanten Styl zu ſtudiren. Der große Cyrus und die Clélie der Fräulein von Scudéry wurden die Bibel der Koſtbaren; die verſchrobenſten Einfälle tauchten auf: man beſchloß eine Sprachreinigung und proſeribirte die anſtößigen Sylben.„Für dieſe Cirkel,“ ſagt La Bruyère,„bedarf es weder großer Kenntniſſe noch eines geſunden Urtheils; ein wenig Geiſt(esprit), aber nicht von der guten, ſondern von der falſchen Sorte, und eine ungeregelte Einbildungskraft ſind hinreichend, um dort eine Rolle zu ſpielen.“
So war es denn dahin gekommen, daß der Bei⸗ name der„Koſtbaren“, der anfänglich von den Mit⸗ gliedern der Coterie ſelbſt mit Vorliebe gebraucht ward, wenn ſie ſich unter einander anredeten oder ſchrieben(ma précieuse, ma chérie, mon adorable waren die Lieblingsformeln), vierzig Jahre nach ſeiner Entſtehung etwas ganz Anderes bezeichnete als ehemals. In einem an Frau von Chatillon gerichteten Gedicht von Ségrais heißt es noch als höchſtes Lob:
Obligeante, civile, et surtout précieuse,
Quel serait le brutal, qui ne l'aimerait pas? und die vornehmſten Damen der Stadt und des Hofs waren ſtolz darauf, zu den Précieuses gezählt zu werden.
Um 1658, als Molière wieder nach Paris kam, hatte die falſche Richtung ihren Höhepunct erreicht. Noch war der Einfluß der„Cabale“ ein ſehr me tiger; die ganze Akademie, Alles was vom Hof Lud⸗ wig's XIII. übrig geblieben war, gehörte zu ihr; ſelbſt der große Corneille konnte ſich ihrer Vormundſchaft nicht entziehen und Jeder, der irgend gwie einen li⸗ terariſchen Ruf zu erringen ſtrebte, ſchwur zu dieſer Fahne; wer ſich nicht dazu bekannte, galt ihren Mit⸗ gliedern für einen Feind des Throns und des Altars.
Aber ſchon hatte der den Pariſern augeborene
Novellen⸗ZJeitung.
und
beliebten
Sang zum Spott ſich an den Pretiöſen verſucht. Scarron in ſeiner zweiten Epiſtel war unter den herften geweſen, die dieſen Ton auſchlugen; bisher war es indeſſen nur bei kleinen Neckereien geblieben; den erſten entſcheidenden Schlag hat Molière gewagt. Das pretiöſe Weſeu iſt zwar unter andern Formen, namentlich in der Malerei, Sculptur und Architectur, genugſam wieder zum Vorſchein gekommen, aber dennoch war für den Augenblick der Sieg ein entſcheidender und würde hinreichen, Molière einen Platz in der Culturgeſchichte von Frankreich zu ſichern.
Die erſte Folge ihrer Niederlage war, daß die Pretiöſen ihren bisher mit wohlgefälligem Stolz ge⸗ führten Namen aufgaben und ſich les Illustres zu nennen beſchloſſen; aber ihr Reich war vorüber und s bedurfte keines erneuten Angriffes gegen ſie.
Erwähnt werden muß noch, daß Frankreich ſeinen Pretiöſen einige jetzt ganz geläufig gzwordene Redens⸗
arten verdankt. Somaize hat über die von ihnen verſuchten Neuerungen ein Wörterbuch geſchrieben
unter dem Titel: Le grand dictionnaire des pré-
cieuses, ou la clef de la langue des ruelles. Die wenigſten haben ihre Erfinderinnen überlebt, aber
einzelne ſind geblieben. Es wird heut zu Tage Nie⸗ mand mehr die Sonne bezeichnen als den liebens⸗ würdigen Erheller, das Schönſte der Welt oder den Gemahl der Natur, oder die erſten grauen Haare mit den Worten„die Abſchiedsbriefe des Amor“ um⸗ ſchreiben wollen. Dagegen ſtammen von ihnen und ſind im Gebrauch geblieben die nachfolgenden Wen⸗ dungen: chatier son style;— dépenser une heure, — revétir ses pensées d' expressions nobles et vigou- reuses,— être brouillé avec le bon sens und avoir les cheveux d'un blond hardi.
Aehnlich wie bei dieſem Stücke Molidère's ſind ja ſeine Tendenzen und zum Theil auch ſeine Erfolge bei der Schule der Frauen, der Schule der Ehemänner und beim Tartüffe geweſen. Ein Geiſt, der nicht nur das poetiſche Talent, ſondern auch die hohe ſittliche V Urtheilskraft hatte, den Verirrungen ſeiner Zeit(denn Frankreich, ja Paris war damals mehr oder weniger
wathe Europa) einen Spiegel vorzuhalten, ein ſolcher Geiſt
verdient durch immer neue literariſche Anſtrengungen in jeder tonangebenden europäiſchen Zunge durch Uebertragungen,„die ſich wie Originale leſen“, beimiſch gemacht und monumental feſtgemacht zu werden. Von dieſen literariſch-civiliſatoriſchen Be⸗ ſtrebungen iſt die Baudiſſin'ſche bis jetzt die hervor⸗ ragend ſte und es war hier nur der nöthige Raum ge⸗
boten, um ihre Verdienſte ſummariſch anzudeuten.


