Jahrgang 
1-26 (1867)
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B

ſich warten laſſen möge,

in hiſtoriſchen Schriften, Memoiren und Romanen

Vierke

Da konnt ich nicht mehr bleiben, Hab ſtill mich abgewandt.

Auch Du ſangſt wie die Nixe Und Du haſt mich verbannt.

V Literariſche Briefe von Otto Banch. V

Molidre's Luſtſpiele, überſetzt vom Grafen Wolf v. Baudiſſin. Leipzig, Verlag von Hirzel.

Sie zwerden, ſich erinnern, daß wir den erſten Band iſe tefflichen Arbeiten bereits mit Freude und mit dem Zoll verdienter Anerkennung begrüßt haben, und finden in dieſem zweiten eben ſo fleißig und mit ſchönſter Hingabe an die Poeſie des großen Meiſters gearbeiteten Theile acht Stücke, nämlich: Der Zwiſt der Verliebten; die Koſtbaren; die Läſti⸗ gen; die Kritik der Frauenſchule; das Impromptu' von Verſailles; die erzwungene Heirath; Don Juan; der Liebhaber als Arzt.

* Die meiſten dieſer Stücke ſind in Verſen geſchrie⸗ ben, die der Ueberſetzer natürlich wieder wie im erſten

ſich zumuthen, dem italieniſchen Intriguenſtück zu ent⸗ ſagen, um Charaktere und Sitten ſeiner Zeit, und Menſchen, wie ſie ſind, zu

Bande in Jamben übertragen hat, einige ſind in Proſa und die nun noch zu erwartenden werden ſämmtlich dieſem Genre angehören, und es iſt zu wünſchen, daß der dritte Band nicht zu lange auf damit die Elite der Ueber⸗ ſetzungstiteratur recht bald in den Beſitz dieſer ihrer wahrhaften Bereicherung kommen möge.

Es befindet ſich in dieſem zweiten Band auch das ſo berühmt gewordene reformatoriſch-ſatiriſche Luſtſpielles précieuses ridicules, dieſe Geißel der Ueberſpanntheit und Verſchrobeuheit eines Theiles der damaligen vornehmen Pariſer Damenwelt.

Da es kaum einen Gebildeten giebt, der nicht

. chkeit dieſer Kreiſe geleſen hätte, ſo wiu ich von ven reichhaltigen Anmerkungen und Er⸗ läuterungen Baudiſſin's hier einige mittheilen, welche dieſes folgereiche Stück und deſſen Tendenz betreffen. Der Laie kann daraus am beſten erſehen, welche cul⸗ turgeſchichtliche Bedeutung die Poeſie, beſonders die dramatiſche, zu erringen vermag.

Mit dem Luſtſpiel les précieuses ridicules be- ginnt Molière ſein eigentliches Ziel zu erſtreben. Er hat das Glück gehabt, das Theater des petit Bourbon für ſeine Truppe angewieſen zu erhalten, und ſich

durch den Erfolg des Etourdi und des Dépit amou- Geiſt der Nation zu heben, ging die jetzige darauf Er darf's haus,

reux eine rühmliche Stellung verſchafft.

Talent einen auserleſenen Gerichtshof bildeten, der

ihre Aufgabe erfüllt und das von ihnen begonnene

Folge. 13⁵

ſchildern: wer wird ſich ihm zuerſt darbieten? Die Beantwortung dieſer Frage bedarf einer längern Digreſſion.

Ohue Zweifel war der erſte Impuls, den die vornehmere Claſſe der Geſellſchaft zu Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts dem Streben nach hoher Geſinnung, Adel des Ausdrucks und ſorgfältigem Stil gegeben hatte, ein heilſamer geweſen, und man hat alles Recht, dieſe Anregung als einen Fortſchritt zu betrachten. Es war ein löbliches Unternehmen, die zügelloſe, oft eyniſche Derbheit des vergangenen Jahrhunderts ſowohl in der Literatur als in den Sitten, die während der bürgerlichen Kriege ſehr ver⸗ wildert waren, zu verfeinern. Namentlich hatten einige hochgeſtellte Frauen in wahrhaft civiliſatoriſcher Weiſe auf die Pariſer Geſellſchaft eingewirkt und viel dazu beigetragen, den Geſchmack an höherer geiſtiger Cultur zu fördern. Mit allem Fug konnte der be⸗ rühmte Kanzelredner Fléchier der Frau von Ram⸗ bouillet nachrühmen, den größten Antheil an dieſem Umſchwung gehabt zu haben.Erinnert Euch, meine Brüder, ſagt er in⸗ſeiner Leichenrede auf die Aebtiſſin von Hyères,erinnert Euch des kleinen Zimmers, das alle Freunde noch immer mit Ehrfurcht betrachten, in welchem jeder Beſucher ſich gehoben und geläutert fühlte und wo ſo viele Perſonen von Rang und

zahlreich ohne Verwirrung, beſcheiden ohne Zwang, gelehrt ohne Stolz, und höflich ohne Affectation war.

Aber zwiſchen dem, was ſich von 1620 bis 1640 zugetragen, und der Situation, wie ſie um 1660 ſich geſtaltet hatte, war der Unterſchied unendlich groß. Das Höôtel Ramboulllet und die ariſtokratiſchen Kreiſe, von denen der erſte Anſtoß ausgegangen war, hatten

Werk war längſt entartet. Der Name derKoſt⸗ baren, den die Damen der Coterie(man nannte ſie anfangs auch la bonne cabale) ſich ſelbſt mit Vor⸗ liebe beilegten, hatte ſich erhalten; aber ſtatt einer heilſamen bildeten ſie jetzt eine gefährliche Verſchwi⸗ ſterung, der ihre erſten Begründer nachgerade ſchon als Reactionäre erſchienen. Jetzt war die Aufgabe nicht mehr, gut und gewählt zu ſprechen; es galt, um jeden Preis ſich anders auszudrücken, als die übrige Welt. Aus dem eleganten Styl gerieth man in den galauten; man überbot ſich in der raffinirteſten Ma⸗ nierirtheit und während die frühere Generation den Zweck gehabt und auch wirklich erreicht hatte, den

ihn gründlich zu verderben und zu verzerren.