92 Novellen⸗Zeilung.
verpflichteten ihn, der Direction jeden Tag ein Bordereau der Banklage zu überreichen, das von dem Tage an, wo ſeine Veruntreuungen begannen, nicht mehr mit der Wahrheit übereinſtimmte. Noch am Tage ſeiner Abreiſe überreichte er ſeinem Director ſein Bordereau der Banklage, worin die Baarſchaft der Bank zu 11,443,000 Fr. angegeben war, während ſie in der Wirklichkeit 704,000 Fr. weniger be⸗ trug. 5 Wie man ſich leicht denken kann, that die franzöſiſche Bank ſogleich Schritte, um des Flüchtlings habhaft zu werden, und der Polizeiagent Melin wurde zu dieſem Zweck mit den nöthigen Vollmachten verſehen, dem es endlich gelang, den⸗ ſelben in Newyork zu entdecken, wo er im Mai aus England eingetroffen war. Melin ſchloß ſich ihm an und ließ ſofort durch den franzöſiſchen Conſul bei den betreffenden Behörden um die Auslieferung des Verbrechers an Frankreich nachſuchen.
Die Verhandlungen über dieſes Auslieferungsgeſuch begannen in Newyork am 28. Mai vor dem Commiſſär der Vereinigten Staaten Betts, der von der Regierung dazu delegirt worden war.
Lamirande hatte drei Vertheidiger, die Advocaten Clinton, Stallknecht und Spilthorn; die franzöſiſche Bank, als Klägerin, war durch die Gebrüder Coudert vertreten. Gleich in der erſten Sitzung erklärte der franzöſiſche General⸗ conſul, Baron Gauldrée Boilleau, Lamirande habe bekannt, der Bank mehr als 400,000 Fr. entwendet zu haben, und habe zweimal das förmliche Verſprechen gegeben, gegen ſeine Auslieferung nichts einwenden zu wollen. Seine Vertheidiger boten aber Alles auf, ſeine Auslieferung zu verhindern, und es gelang ihnen, die Verhandlungen ſo in die Länge zu ziehen, daß ſie ſich bis zum 3. Juli hinſchleppten, an welchem Tage in der Audienz beſchloſſen wurde, am 5. Juli eine neue Sitzung zu halten. Während der ganzen Zeit hatte man übrigens Lamirande die größte Freiheit gelaſſen, und ihm nur den Conſtabler Greene als Wächter zur Seite gegeben, mit dem er ſich in Newyork nach jedem beliebigen Orte begeben konnte. Nach der Sitzung am 3. Juli begab Lamirande ſich mit Greene in ein belgiſches Penſionat erſter Claſſe, wo er ſchon öfters geweſen war. Man wies ſie in einen Saal und hier fand ſich ein Herr ein, der ſich einige Minuten mit Lamirande unterhielt und ſich dann entfernte. Nach einiger Zeit kam er zurück und nun dinirten ſie alle Drei in einem Zimmer im zweiten Stockwerk. Nach der Ausſage Greene's habe man ihn gezwungen, ein Glas Weinpunſch zu trinken. Er habe es kaum zur Hälfte getrunken gehabt, als er in einen tiefen Schlaf verſunken ſei. Als er erwachte, ſei es tiefe Nacht und das Zimmer, worin er war, verſchloſſen geweſen und ihm ſei nichts weiter übrig geblieben, als aus dem Fenſter herauszuſpringen, ſelbſt auf die Gefahr hin Arm und Bein zu brechen. Lamirande war natürlich verſchwunden und die Newyorker Blätter wunderten ſich nur darüber, daß er ſeine Flucht ſo lange verſchoben habe. Bei der angeſtellten Unter⸗ ſuchung erzählte Greene, Lamirande ſei mit ihm in der Regel in ein Kaffeehaus gegangen, wo er mit dem Commiſſär Betts zuſammen getroffen ſei, was ſelbſt die nordamerikaniſchen Blätter für etwas Unerhörtes erklärten.
Lamirande war indeſſen nach Canada geflüchtet und zuerſt nach Montreal und dann nach dem zehn engliſchen Meilen davon entfernten la Prairie am entgegengeſetzen Ufer des St. Lorenzoſtromes gegangen, wo er den Namen Felix Gaſter aus Piemont angenommen hatte. Hier wurde er am 2. Auguſt von neuem verhaftet, und nun begannen in Montreal die Auslieferungsverhandlungen von neuem.
Doutre, der Advocat Lamirande's, und der von Newyork ge⸗ komme Spilthorn boten Alles auf, um die Auslieferung zu verhindern, aber der Richter Brehant erklärte am 22. Auguſt, die Schuld des Verhafteten ſei erwieſen, und er werde aus⸗ geliefert werden. Der Advocat Doutre erklärte hierauf, Lamirande habe die förmliche Abſicht, gegen dieſes Urtheil vor einem der Richter des Gerichtshofes der Queensbench zu appelliren, aber am 24. Auguſt unterzeichnete der General⸗ gouverneur von Canada einen Auslieferungsbefehl, den Melin und ein Polizeibeamter von Montreal in der Nacht vom 24. zum 25. Auguſt dem Gefängnißinſpector in Montreal vor⸗ zeigten, der ihnen auch ſofort den Gefangenen übergeben ließ. Die beiden Polizeibeamten brachten Lamirande gleich an Bord eines nach Liverpool ſegelnden Dampfſchiffes und kamen mit ihm am 6. September in Paris an, von wo er kurz nachher nach Poitiers geſchickt wurde, wo man ſeinen Proceß ein⸗ leitete. (Schluß folgt.)
Ruſſiſches Charakterbild.
Die polniſchen Juden, welche zwar vielfach verſpottet und großentheils als Caricaturen der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft flüchtig beſprochen ſind, haben jetzt in einem Kenner ihrer Nationalität und ihres oft ſo merkwürdigen bewegten Lebens, in Leo Härzberg⸗Fränkel, einen novelliſtiſch⸗ethno⸗ logiſchen Biographen gefunden. Es ſei ſeinen Bildern hier nur eine charakteriſtiſche Scene enthoben.
Wir ſind in Rußland. Draußen heult der Sturm, aus der Steppe kommend; dicke Schneeflocken fallen ſchwer aus der grauen Wolkendecke, und wenn einen Augenblick der Sturm ſchweigt, kann man ganz deutlich draußen das Toſen des ſchwarzen Meeres hören, das draußen in weiter Ferne die beſſarabiſche Grenze beſpült. Als ob alles Leben geſtorben wäre, als ob es der raſende Sturm weggefegt hätte, iſt es todt in den verlaſſenen Straßen. Die Läden ſind geſchloſſen an Gewölb und Fenſter; nur hier und da blitzt durch irgend eine Ritze Lichterſchein, als einziger Beweis, daß drinnen Leben ſei...
Es iſt Freitag Nachts. Das geſchäftige Judenvölklein, das ſechs Tage in der Woche wie ein Ameiſenhaufen arbeitet, um für den ſiebenten Tag zurückzulegen, das ſonſt kein Sturm und kein Wetter ſchreckt, nach der Nahrung zu ſuchen,— hält jetzt ſeine ſtille, fromme Feier daheim im Kreiſe der Ihren, wo jede Sorge erſtirbt, jeder Kummer über Bord g en wird. Und wie hell iſt's im Innern der Wohnnngen, wie hell und ſabbathlich! 1 4
Treten wir ein. Der Sabbath war vor uns einge⸗ treten und hat ſeine Weihe in das zehnfach erleuchtete Zimmer getragen; da flackern die Lichter im blanken Kande⸗ laber, und auf den weißgedeckten Tiſchen, da funkelt der Wein
in den goldenen Pokalen, da duften die Speiſen aus den
porzellanenen Gefäßen und da lacht der Frohſinn, die Behag⸗ lichkeit aus jedem Geſichte und der Reichthum aus jedem Winkel!— Ein Mann in ſeinen alten Tagen, das Haar weiß und das Auge ſchwarz, Geiſt im Blicke und Güte in den Mienen, den Leib im ſeidenen Talar und die grauen Locken unter der Zobelmütze, ſitzt wie ein Patriarch an der runden Tafel, von den Seinen umgeben, die ſich zahlreich um den alten Vater reihen. Der Sturm draußen ſcheint eigens beſtellt, die Behaglichkeit drinnen noch mehr hervorzuheben.
Ein hübſches junges Mädchen blickt, die Einzige, ſchwer⸗ müthig und ſchweigſam vor ſich hin; ihre ſchwarzen Locken
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